Menschen, die magersüchtig sind, treiben nicht selten einen Kult um ihre Krankheit. Zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt eine Forscherin der Adelaide University, die über dieses Thema eine Dissertation schreibt.
Megan Warin, Doktorandin am Institut für Anthropologie und Sozialwissenschaft der Adelaide University, hat über drei Jahre 46 Männer und Frauen in Australien, Kanada und Schottland beobachtet, die an Magersucht ( Anorexie), leiden. “Das Hauptthema meiner Forschung war, wie diese Leute mit ihrer Magersucht im Alltag umgehen”, erklärt Warin. “Ich wollte über die seichten, von den Medien erzeugten Stereotype hinausgehen und sehen, was die Magersucht mit den Menschen macht und wie die betroffenen Menschen mit der Umwelt interagieren.”
Bei der Beobachtung von therapeutischen Gruppensitzungen von Magersüchtigen stellte sie fest, dass nicht alle Teilnehmer ihre Krankheit als eine psychische Störung wahrnahmen oder anerkannten. Im Gegenteil, sie empfanden die Gruppensitzungen als eine Art Club, dem anzugehören eine Ehre darstellte. Untereinander fühlten sie sich verbunden durch ein geheimes Wissen und durch Praktiken, Sprache und Körperausdruck.
“Ich erkannte, dass Magersüchtige viele von den Dingen, die wir als fundamental für Sozialbeziehungen erachten, umformen”, sagt Warin. “Das sind solche Sachen wie Familie, Freundschaft, gemeinsames Essen, gemeinschaftliche Räume und anderes – all das sind Dinge, die einen großen Teil dessen ausmachen, wie wir unser Leben leben. Aber für Menschen mit Magersucht sind sie oft negiert.” Die Ablehnung sozialer Beziehungen offenbare sich, so die Wissenschaftlerin, am augenfälligsten in ihrer Haltung gegenüber dem Tod. Er wird oft als wünschenswert gesehen.
Doris Marszk





