Die kriegerische Entwicklungsgeschichte des Menschen hat die männliche Psyche geprägt, sind Evolutionspsychologen überzeugt. Deshalb rotten sich Männer oft in Gruppen zusammen und reagieren auf Fremde aggressiver als Frauen.
Männer sind geborene Kämpfer, behauptet Mark van Vugt. Wer grölende Fans bei einem Länderspiel beobachtet oder Jungen beim Herumballern am Computer, möchte dem Evolutionspsychologen von der University of Amsterdam beipflichten. Jahrtausende kriegerischer Auseinandersetzungen haben die männliche Psyche auf Kampf programmiert, sagt van Vugt. Natürlich verbringt „Mann” heute seinen Alltag nicht mehr keuleschwingend, aber auch mit gestärktem Hemdkragen und gestyltem Haar schlummert in ihm ein Kämpfer, ist der holländische Wissenschaftler überzeugt. Männern fiel früher die Aufgabe zu, ihren Stamm gegen Angriffe von außen zu schützen, schließlich waren sie größer und stärker als Frauen. Zudem hatten Frauen mehr zu verlieren, erklärt der Evolutionspsychologe John Tooby von der University of California in Santa Barbara: „Sie investierten viel in Schwangerschaften und waren für die Versorgung des Nachwuchses zuständig.”
Wie van Vugt in zahlreichen Studien gezeigt hat, ist es neben ihrer körperlichen Überlegenheit auch ihre Kämpfermentalität, die moderne Männer auf Auseinandersetzungen vorbereitet. So haben Männer bei Kriegsspielen am Computer oft keinerlei Skrupel, ohne Provokation ein Land anzugreifen. „Wenn Männer gegen Männer spielen, wird es besonders schmutzig”, beobachtete der Psychologe. Spielen Frauen gegeneinander, geht es weitaus gesitteter zu. Das liegt daran, dass Männer ein übersteigertes Selbstbewusstsein haben, wenn sie sich in einer Wettkampfsituation befinden, vermutet van Vugt. „Männer gehen eher davon aus, dass sie als Sieger aus einer Auseinandersetzung hervorgehen. Darum greifen sie auch mit größerer Wahrscheinlichkeit an.” Dazu passt, dass viele amerikanische Männer den Irakkrieg unterstützten, während amerikanische Frauen ihn eher als Fehler ansahen. Und auch, dass der Anteil von Soldatinnen bei der deutschen Bundeswehr nur neun Prozent beträgt, obwohl Frauen seit Jahren dort gleichberechtigt arbeiten dürfen.
Gemeinsam ist „Mann” stärker
Männer sind meist keine Einzelkämpfer, sondern rotten sich lieber in Gruppen zusammen. Ihre evolutionäre Vergangenheit hat sie gelehrt, dass man gemeinsam stärker ist, erklärt van Vugt. Dadurch ist die Chance größer, Ressourcen – etwa die Nahrung – vor Angreifern zu schützen. Auch die unterschiedliche Dynamik in Männer- und Frauengruppen soll die kriegerische Vorgeschichte spiegeln: „Frauengruppen sind egalitär gegliedert, während Männergruppen klar hierarchisch aufgebaut sind.” Van Vugt hält das historisch gesehen für sinnvoll, schließlich könne eine Gruppe mit einem Anführer schneller auf Angriffe von außen reagieren. Vielleicht werden männliche Anführer deshalb auch bevorzugt, wenn äußere Konflikte drohen: 78 Prozent wählen in diesem Fall einen männlichen Führer, wie van Vugt 2008 in Psychological Science berichtete. Bei Auseinandersetzungen innerhalb einer Gruppe sind aber eher Frauen gefragt. Solche Geschlechtsunterschiede lassen sich bereits im Sandkasten beobachten: Jungs tummeln sich gerne in komplizierten Teamwettkämpfen. Dabei üben sie oft Druck auf die Mitglieder ihrer „Gang” aus, sich den Gruppennormen zu fügen. Mädchen spielen dagegen lieber friedlich mit ihrer Busenfreundin.
Die kriegerische Vergangenheit soll auch das Selbstverständnis der Männer geprägt haben: „Sie definieren sich über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe”, erklärt van Vugt. Die Frage „Wer bist du?” beantworten Männer überraschend häufig mit ihrer Vereinsmitgliedschaft oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Selbst ihre Farbvorliebe spiegelt ihren Gruppengeist: Als van Vugt Studenten nach ihrer Lieblingsfarbe fragte, begründeten 30 Prozent der Männer ihre Wahl mit ihrem Fußballverein oder der Flagge ihres Landes. Keine der befragten Frauen führte derartige Gründe an. Sie erklärten ihre Vorliebe eher mit Assoziationen wie „Blau erinnert mich an die Farbe des Meeres”.
Da Männer seit jeher für den Schutz der Gruppe verantwortlich waren, ist es nicht verwunderlich, dass sie im Allgemeinen skeptischer auf Fremde reagieren als Frauen: „Wenn sie sich bedroht fühlen, stereotypisieren Männer viel schneller als Frauen” , meint van Vugt. So waren Männer in Versuchen schneller dazu bereit, eine fremde Gruppe mit animalischen Wörtern zu belegen und sie damit zu entmenschlichen. „Wenn ich jemanden als weniger menschlich ansehe, ist es leichter, ihn anzugreifen, schließlich muss ich weniger mit ihm mitfühlen”, deutet das der Psychologe.
Welche physiologischen Mechanismen hinter dem männlichen Kampfverhalten stecken, ist unklar. „Wir vermuten einen hohen Testosteron-Spiegel und einen niedrigen Spiegel des Stresshormons Cortisol”, erklärt van Vugt. Der Anthropologe Mark Flinn von der University of Missouri-Columbia prüfte den Testosteron-Spiegel von Männern auf der Karibikinsel Dominica, die in einer traditionellen Stammesstruktur leben, nach einem Kricket-Spiel. Die Männer bekamen nur dann einen Hormon-Schub, wenn sie das Team aus einem Nachbardorf besiegten. Gewannen sie gegen ein Team vom eigenen Dorf, blieb der Testosteron-Kick (und auch dominantes Verhalten) aus. Das Bindungshormon Oxytocin spielt offenbar ebenfalls eine Rolle: Wie der Psychologe Carsten de Dreu von der Universität Amsterdam kürzlich im Fachmagazin „Science” berichtete, stärkt Oxytocin bei Männern das Vertrauen in die eigene Gruppe, und es führt zur Abwehr von Außenseitern.
Treu bis zum bitteren ende
Der Gemeinschaftsinn überkommt Männer aber nur, wenn sie sich von Fremden bedroht fühlen. Erzählte van Vugt seinen Versuchspersonen, dass sie mit einer anderen Universität im Wettkampf stünden, verdoppelten die Männer sofort den Geldeinsatz für ihre Gruppe. Die Frauen ließen sich dagegen von der Wettkampfsituation nicht beeindrucken und riskierten genauso viel wie vorher. Zudem waren die Männer deutlich loyaler gegenüber ihrer Gruppe: Sie blieben ihrem Team selbst dann treu, wenn es sich auf dem absteigenden Ast befand.
Doch der männliche Einsatz für die Gruppe ist keineswegs selbstlos, gibt der Psychologe zu bedenken: „Beobachtungen der Yano-mami-Indianer im Amazonasgebiet haben gezeigt, dass Krieger, die mehr Einsatz zeigen, auch mehr Essen, Land und Frauen bekommen und in der Folge auch mehr Nachwuchs zeugen.” Ganz ähnlich haben kriegerische Auseinandersetzungen unsere Evolution bestimmt, ist van Vugt überzeugt: Sie haben Männer nicht nur aggressiver gemacht, sondern ihnen auch Kooperation und Gemeinsinn gelehrt. ■
von Simone Einzmann





