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Gesellschaft & Psychologie
Männer leben gefährlich
Am 3. November war Weltmännertag. Schon seit 2000 gibt es den Aktionstag, der, so Schirmherr Michail Gorbatschow, das Bewusstsein der Männer für ihre Gesundheit stärken soll. Denn deren Lebenserwartung liegt noch immer weit unter der der Frauen.
Untersuchungen in Klöstern, wo Männer und Frauen unter ganz ähnlichen Bedingungen leben, die Nonnen keine Kinder bekommen, und die Mönche nicht in der Fabrik oder auf dem Bau arbeiten, haben inzwischen eindrucksvoll belegt, dass die Lebenserwartung unter den gleichen Lebensbedingungen nur um ein Jahr differiert. Nur dieses eine Jahr, das Nonnen länger leben als Mönche, ist also auf die stabilere genetische Ausstattung (die für ein stärkeres Immunsystem sorgt) zurückzuführen. Bleibt für alle, die nicht in einem Kloster leben, ein weiblicher Vorsprung in der Lebenserwartung von derzeit viereinhalb Jahren, der keine körperlichen, sondern soziale und kulturelle Ursachen haben muss.
Männer haben das Nachsehen
Tatsächlich hängt die unterschiedliche Lebenserwartung von Mann und Frau mit dem Wandel der Lebensumstände vor allem in der Arbeitswelt zusammen: Männer lebten im Jahr 1850 im Durchschnitt 39,6 Jahre lang, die Frauen 40 Jahre. Der Unterschied war noch sehr gering. Danach aber lassen sich deutlich Phasen erkennen, in denen die Differenz in der Lebenserwartung von Mann und Frau größer wurde. Und zwar geschah das in den Jahren der Früh- und Hochindustrialisierung zwischen 1835 und 1914. Die Schere ging fortan stetig auseinander, so dass um 1910 Frauen bereits 3,5 Jahre länger lebten als Männer. In den Jahren 1980 und 1982 war der bisherige Höchststand der Differenz erreicht: Männer starben fast sieben Jahre früher als Frauen.
Als ein Hauptgrund für die deutlich geringere Lebenserwartung der Männer konnte die
Arbeitsteilung ermittelt werden, die sich mit der Industrialisierung durchsetzte. Arbeitswelt und Privatsphäre wurden getrennt, die Frau blieb nun zuhause und kümmerte sich um Haushalt und Kinder, der Mann verließ den häuslichen Bereich und war auf seine Rolle als Haupternährer festgelegt. Nicht nur seine Präsenz, auch seine Bedeutung innerhalb der Familie wurde damit geringer. Der Mann war fast ausschließlich seiner Berufsbelastung ausgesetzt. “Die Gesundheitsrisiken der vorwiegend von Männern ausgeführten Tätigkeiten waren und sind höher”, schreiben die Autoren des deutschen Männergesundheitsberichts. “So betreffen noch heutzutage 92 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle, fast 80 Prozent der meldepflichtigen Arbeitsunfälle und fast 83 Prozent der Arbeitsunfallrenten Männer.” Auch verrichten erheblich mehr Männer als Frauen gesundheitlich bedenkliche Schichtarbeit.
Frauen arbeiteten bis in die 1960er Jahre im Durchschnitt höchstens acht Jahre lang ganztags, bevor sie heirateten beziehungsweise ihr erstes Kind bekamen. Danach gingen sie oft nur halbtags zur Arbeit außer Haus. Noch 2007 war Halbtagsarbeit bei Frauen neunmal häufiger als bei Männern, ihre Berufstätigkeit war für sie also meist ein Zusatzjob zu den Aufgaben in der Familie.
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“Die viel zitierte Doppelbelastung (Familie und Beruf) ist erstaunlicherweise nach allen vorliegenden Untersuchungen eher gesundheitsförderlich, jedenfalls gilt das im Vergleich mit der reinen Hausfrauentätigkeit. Ausschließlich als Hausfrauen Tätige haben eine geringere Lebenserwartung als ‘Doppeltbelastete’.” Solange diese nur halbtags arbeiten.
Frauen in Vollzeitjobs lässt die Lebenserwartung schrumpfen
Seit aber immer mehr Frauen in Vollzeitjobs arbeiten, ist der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Lebenserwartung in den letzten 30 Jahren wieder geschrumpft, so dass die Differenz zu den Männern heute nur mehr 5,5 Jahre beträgt. Das bedeutet: Nicht die Männer sind gesünder geworden und nachgerückt, sondern die Frauen haben ihren Gesundheitsgewinn, den sie aus Teilzeitjob plus Familienarbeit gezogen hatten, durch die Kombination Vollzeitjob plus Hauptsorge für die Familie zum Teil wieder verspielt.
Im Umkehrschluss “müsste die Förderung von Teilzeitarbeit oder aber von Sabbaticals (also selbst gewählten Auszeiten) für Männer sowie deren Beteiligung an Elternzeiten ein wichtiges Ziel von Männergesundheitspolitik sein”. Einseitige Arbeitsbelastung – ob im Haushalt oder im Job verkürzt die Lebensdauer. Ein guter Mix aus Berufs- und Familienarbeit wäre bei beiden Geschlechtern der Gesundheit am zuträglichsten – und würde längerfristig die Lebenserwartung von Männer und Frauen aneinander angleichen und weiter steigen lassen.
Das kann aber nur funktionieren, wenn wir gesamtgesellschaftlich den zweiten Hauptgrund für die schlechtere gesundheitliche Verfassung der Männer in Deutschland in den Griff bekommen: das traditionelle Leitbild der Männlichkeit, das gesellschaftlich noch immer als Orientierungsmuster dient und zu diversen Gesundheitsgefährdungen führt.
Hier fordert die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit zusammen mit der Stiftung Männergesundheit einen “Bewusstseinswandel in Forschung, medizinischer Praxis und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Situation von Männern”. Denn nach dem alten Leitbild gehört es zum typisch männlichen Lebensstil, wenig auf eigene Bedürfnisse zu achten. Männer stellen an sich selbst extreme Leistungsanforderungen, auch beim Sport. Das führt dazu, dass Männer sich selbst überfordern und mit ihrem Verhalten ihre Gesundheit gefährden. Das alte Prinzip: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Gerade jüngere Männer tauchen in Arztpraxen eigentlich nur nach Unfällen auf, bei Sportverletzungen oder Stürzen vom Motorrad. Das sind die prestigeträchtigen “Krankheiten. Mit Beschwerden aber, die als “weiblich” gelten, gehen Männer nach Möglichkeit lieber nicht zum Arzt.
EinIndianer kennt keinen Schmerz
Ein nach dem herkömmlichen Rollenbild “richtiger” Mann kümmert sich nicht fürsorglich um seinen Körper. Er ernährt sich oft schlecht, trinkt zu viel Alkohol, oft schon in jungen Jahren, um männlich und cool zu wirken, und um sich von der weiblichen Kultur, in der Gesundheitsbewusstsein viel stärker verankert ist, abzusetzen.
Männer wollen sich nicht mit Dingen beschäftigen, die als unmännlich gelten, und sind deshalb oft schlecht informiert. Unter den Männern, mit denen ich gesprochen habe, wusste kaum einer, welche Vorsorgeuntersuchungen ihm überhaupt zustehen. Dreiviertel dieser Midlife-Männer um die 50 waren noch bei keiner einzigen Vorsorge. Einer lässt nur regemäßig seine Haut untersuchen, weil es in seiner Familie Fälle von Hautkrebs gab, ein anderer raucht und trinkt, geht aber nur zum Augen- und Zahnarzt, ein Dritter glaubt einfach nicht daran, dass Vorsorge “etwas bringt” und akzeptiert überhaupt “nur bei akuter Todesgefahr” medizinische Hilfe.
Jährlich erleiden 150.000Männer einen Herzinfarkt
In Deutschland gehen nur 20 Prozent aller Männer zur Vorsorge, dabei sind Herz- Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins: Mehr als 150.000 Männer erleiden jährlich einen Herzinfarkt, der vermeidbar gewesen wäre, wenn sie ihre Gefäße rechtzeitig untersuchen lassen und die Risikofaktoren verringert hätten. 200.000 Männer erkranken jährlich an bösartigen Tumoren wie Darm-, Prostata- oder Hodenkrebs. Je früher aber ein Tumor erkannt wird, umso eher kann die Behandlung lebensverlängernd sein. Darmkrebs kann sogar gänzlich verhindert werden, wenn man Polypen, Vorstufen von Darmkrebs, rechtzeitig entfernen lässt.
Doch sind die Männer nur zum Teil selbst schuld an ihrem mangelnden Gesundheitsbewusstsein. Die Pilotstudie zur Gesundheit der deutschen Männer deckte enorme Versorgungslücken in unserer Gesellschaft auf: Bis heute fehlt eine breitangelegte Gesundheitsförderung, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Männern zugeschnitten und vor allem so formuliert ist, dass sie Männer anspricht und motiviert. Zudem fehlen Vorsorgeangebote für junge Männer.
Nicht auf dem Schirm der Ärzte
Mein Sohn gehört zum letzten Jahrgang (1992), der noch gemustert wurde. Den Wehr- oder Zivildienst mussten er und seine Kumpels dann jedoch schon nicht mehr antreten. Wie viele schnell in die Höhe geschossene junge Männer klagte er immer mal wieder über Rückenschmerzen, war außerdem anfällig für Bronchitis und hatte noch ein paar persönliche Themen, die er gerne mit einem Arzt besprochen hätte.
Ich gab ihm also den Tipp, vor der offiziellen Musterung durch den Amtsarzt des Kreiswehrersatzamtes bei unserer Hausärztin vorbeizuschauen und sich durchchecken zu lassen. Von meiner Tochter wusste ich, dass sie sich seit Jahren ganz selbstverständlich von ihrem Frauenarzt betreuen lässt.
Aber mein Sohn kam unverrichteter Dinge zurück. Die Ärztin hatte auf seine Karteikarte geschaut: Er war im letzten Jahr nur einmal bei ihr gewesen, wegen einer Bronchitis. Also hörte sie ihn kurz ab und schickte ihn wieder heim. Für eine Rundum-Untersuchung gäbe es keinen Grund. Und die Krankenkassen haben für junge Männer eben keinen Gesundheits-Check-up vorgesehen. Und das obwohl Hodenkrebs die häufigste Krebserkrankung bei jungen Männern ist!
SpäteVorsorge und dann ungern
Kein Wunder, dass Männer auch in fortgeschrittenem Alter spät, oftmals zu spät zum Arzt gehen und Vorsorgeangebote nicht wahrnehmen: Es gehört nicht zu ihrem Leben, sie wurden nie daran gewöhnt, während junge Mädchen häufig schon nach Einsetzen der Menstruation oder spätestens, wenn es um Verhütung geht, regelmäßig einen Frauenarzt ihres Vertrauens aufsuchen. Und schon ab 20 steht Frauen jährlich eine Krebsvorsorgeuntersuchung zu.
Es gibt auch erst wenige auf Männergesundheit spezialisierte Ärzte – im Unterschied zu den vielen Fachärztinnen und -ärzten für Frauenheilkunde. Das heißt, Männer gehen mit ihren Männersorgen meist zum Urologen oder zu einem Internisten. Ungern, versteht sich. Und meist erst, wenn sie nach Einsetzen der Wechseljahre Beschwerden haben oder wenn in ihrem Umfeld ein Freund oder Bekannter plötzlich schwer erkrankt ist. Das schreckt viele dann doch auf. Aber oft treffen die Männer in der Praxis auf einen Spezialisten, der sich ausschließlich auf den Urogenitaltrakt seines Patienten konzentriert.
Man kann aber auch Glück haben. Manfred, inzwischen 50, erzählte mir von einem Arztbesuch, der ihm die Scheu vor Arztpraxen genommen hat. Als er mit 45 Jahren ziemlich ängstlich zum ersten Mal zur Vorsorge ging, traf er auf einen älteren, warmherzigen Internisten, er schätzte ihn auf knapp 70. Der führte nicht nur sehr solide sämtliche körperlichen Untersuchungen durch, sondern fragte auch nach seinem Allgemeinbefinden und seiner Lebenssituation. “Ein halber Psychotherapeut”, lobte Manfred. Er habe gezittert, als er ihm seine Lebensgeschichte erzählte, aber der Arzt hörte ihm so aufmerksam zu, dass sich Manfred bei ihm richtig aufgehoben fühlte. Am Schluss nahm der Internist Manfreds Hände fest in seine, schaute ihm in die Augen und sagte: “Sie sind ein gesunder junger Mann.” Und so fühlte sich Manfred dann auch. Sofort.
Leider haben Männer in der Regel keinen Vertrauensarzt, der ihnen in gesundheitlichen Fragen zur Seite steht und der dafür ausgebildet ist, den richtigen Ton zu treffen, um seine männlichen Patienten für das Thema Gesundheit zu sensibilisieren und mit gutem Rat zu ihnen durchzudringen. Wir Frauen treffen mit unseren wohlmeinenden Gesundheitstipps zwar auch nur selten den richtigen Ton, aber es schadet vielleicht trotzdem nicht zu wissen, welche Vorsorgeleistungen Männer in Anspruch nehmen können. Ab 35 Jahren können sie alle zwei Jahre zur Früherkennung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes (Zucker) und Hautkrebs gehen; ab 45 jährlich zur Früherkennung von Prostatakrebs (Tastuntersuchung, Inspektion) und Hautkrebs; ab 50 jährlich zur Früherkennung von Darmkrebs (Tastuntersuchung, Stuhlbluttest) und ab 55 dann die erste Darmspiegelung zur Früherkennung von Darmkrebs. Bei unauffälligem Befund und Beschwerdefreiheit nach zehn Jahren kann dann die zweite Darmspiegelung folgen, danach alle zwei Jahre kann man sich auf Blut im Stuhl testen lassen.
Von Männern und Maschinen
In unserer Kultur betrachten Männer ihren Körper meist als eine Art Maschine, die funktionieren soll. Will ein Mann seine Maschine reparieren lassen, spricht er ungern von Beschwerden, die über das angeschlagene Bauteil hinausgehen. Er will nicht wehleidig sein und wünscht eine schnelle, einfache Lösung für sein Problem. Da nun auch Ärzte oft “Männer der Tat” sind, die lieber handeln statt große Worte zu machen, wird der Arzt seinen Patienten oft möglichst wortlos und effizient untersuchen, eine Diagnose liefern und rasch eine Lösung anbieten. Die Arztpraxis als Reparaturwerkstatt. Zum Reden gibt es schließlich Psychotherapeuten. Und ein Arzt wird nun mal nicht fürs Reden bezahlt.
Kein Wunder also, was eine Studie ergab: Die Gesprächsdauer beim Arzt differiert stark – je nach Geschlecht des Patienten. Man hat es sich fast schon gedacht: Am längsten dauern ärztliche Unterredungen zwischen Patientinnen und Ärztinnen, am kürzesten fallen sie aus, wenn ein Mann zum Arzt geht.
natur-Redakteurin Susanne Friedmann ist den wichtigsten Fakten zur Männergesundheit für ihr Buch ” Wo die coolen Kerle wohnen” nachgegangen. Das Buch ist 2012 im Kailash Verlag erschienen (192 Seiten, 14,99 Euro).
Foto: lassedesignen/Fotolia; alphaspirit/Fotolia
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