Am 30. November 1974 schreiben der US-Forscher Donald Johanson und sein Team Geschichte: Im trockenen Geröll des Afar Dreiecks in Äthiopien entdecken sie Überreste einer noch unbekannten Vormenschenart: Arm- und Beinknochen, große Teile des Beckens, aber auch Teile des Schädels. Insgesamt 40 Prozent des 3,2 Millionen Jahre alten Skeletts können Forscher bergen – so viel wie noch nie von einem so alten Menschenvorfahren. Die neue Art bekommt den Namen Australopithecus afarensis, das Skelett selbst aber wird schnell unter dem Spitznamen “Lucy” bekannt. Nähere Untersuchungen des Beckens und der Füße legen den Schluss nahe, dass diese Vormenschen-Frau bereits aufrecht gehen konnte – wie gut, darüber wird allerdings bis heute gestritten. Einige Anthropologen sprechen “Lucy” maximal eine Art halbaufgerichtete Schlurfen zu, andere gehen aufgrund der Anatomie der Fußknochen davon aus, dass sie bereits einen erstaunlich modernen Gang besaß. Eng verknüpft mit dieser Debatte ist die Diskussion, ob Australopithecus afarensis noch teilweise auf Bäumen lebte – beispielsweise um dort nach Nahrung zu suchen oder nachts zu schlafen. Auch in dieser Frage scheiden sich bis heute die Geister.
Ungewöhnliche Frakturen
Um mehr über Lucys Lebensweise herauszufinden, hatten John Kappelman von der University of Texas in Austin und seine Kollegen die Knochen der berühmten Vormenschenfrau bereits 2008 in einem hochauflösenden Computertomografen (CT) gescannt. “CT ist nicht destruktiv, daher kann man sehen, was im Inneren ist, die interne Struktur und die Details der Knochen”, erklärt Kappelman. Als dann einige Jahre später die mehr als 35.000 Aufnahmen analysierten, stießen sie auf etwas Ungewöhnliches: Das Ende von Lucys rechtem Oberarmknochen war von vier feinen Brüchen durchzogen. “Unter natürlichen Bedingungen wird ein solcher Bruch am häufigsten durch einen Sturz verursacht, bei dem das Unfallopfer den Arm ausstreckt, um seinen Fall zu bremsen”, erklärt Kappelman. Der Kontakt mit dem Boden führt zu einer abrupten Stauchung von Hand und Arm, die den Oberarmknochen gegen die Schulter schlagen lässt. “Dabei brechen einige oder alle proximale Bestandteile des Humerus und das hinterlässt eine einzigartige Signatur”, erklären die Forscher.
Bei der Auswertung weiterer Knochen-Scans entdeckten Forscher auch beim linken Oberarmknochen, am rechten Knöchel, dem linken Knie und der Hüfte Frakturen. Bisher waren diese Brüche als postmortem eingestuft worden – Schäden, die erst nach dem Tod der Vormenschenfrau aufgetreten waren. Doch Kappelman und seine Kollegen sehen dies anders: “Ihre große Ähnlichkeit zu typischen klinischen Fällen deutet darauf hin, dass dies perimortale Verletzungen waren”, so die Wissenschaftler. Die Tatsache, dass die Fragmente und Knochensplitter in Position blieben, spreche dafür, dass Lucy sich diese Brüche durch einen Sturz aus großer Höhe zuzog – und dabei starb. Aus der Schwere der Frakturen schließen sie, dass die Vormenschenfrau aus mindestens zwölf Metern Höhe auf den Boden gefallen sein muss. Als Ausgangspunkt dieses Falls kommt nach Angaben der Forscher am ehesten ein Baum in Frage. “Rekonstruktionen der damaligen Umwelt haben ergeben, dass Hadar, wo Lucy gefunden wurde, damals eine von Gras durchsetzte Waldung mit großen Bäume war”, berichten sie.





