Sie stehen bei jeder Party im Mittelpunkt, sie sprühen vor Lebenslust und machen aus jeder Situation das Beste – extravertierte Menschen werden von ihrem Konterpart, den Introvertierten, oft beneidet. Kann man Extraversion lernen?
Die Glücklichen verdanken ihr Glücklichsein der Chemie in ihrem Gehirn. Psychologen „schauten” extravertierten Menschen mit Tomografen unter die Schädeldecke und fanden die Hirnareale, die den Extravertierten zu ihrem lockeren Lebensstil verhelfen. Der Neuronen-Nachrichtendienst Dopamin spielt dabei ein wichtige Rolle. Bloße neurophysiologische Nerven-Kommunikation einmal mehr als Auslöser tiefer menschlicher Regungen? Extravertierte gelten bis heute als jene „offenen, umgänglich heiteren oder wenigstens freundlichen und zugänglichen” Charaktere, die der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung und Freud-Schüler schon 1921 beschrieb. Introvertierte als Gegentypen sind Einzelgänger, „jene verschlossenen, schwer zu durchschauenden, oft scheuen Naturen”. Ist das richtig? Im Prinzip ja – und doch ist Extraversion viel mehr, wie Forscher in den letzten Jahren nachgewiesen haben. Sie zählt zu jenen nur fünf Eigenschaften, die Psychologen immer wieder finden, wenn sie überprüfen, worin Menschen sich voneinander unterscheiden. Unter diesen „Big Five” ist Extraversion der wohl am tiefsten in unserer Biologie verwurzelte Charakterzug – eine fundamentale Eigenschaft, die ständig beeinflusst, wie wir fühlen und was wir tun. Auf kaum ein Wesensmerkmal haben sich die Wissenschaftler so sehr gestürzt: Eine US-Datenbank verzeichnet über 8000 Arbeiten, die sich mit Extraversion oder Introversion beschäftigen, die deutschsprachigen Kollegen brachten es seit 1977 auf knapp 1000 Beiträge. Dem gesammelten internationalen Forscherfleiß zufolge sind Extravertierte die besseren Verkäufer, finden sich häufiger im ländlichen denn im städtischen Klerus und werden selten Qualitätsprüfer. Sie bringen es in Studentenwohnheimen schnell zu hohem Ansehen und lassen sich öfter scheiden. Als Ausdauersportler erreichen sie eher ihre Ziele, als Senioren schneiden sie beim Gedächtnistraining besser ab. Schließlich korrespondiert Extraversion auch noch mit dem Eifer beim Zähneputzen, der Großzügigkeit beim Verteilen von Trinkgeld und dem Talent zur außersinnlichen Wahrnehmung. Ein Teil dieser Erkenntnisse ginge bei einem seriösen Kongress sicher nur als kabarettistische Einlage durch. Doch zeichnet die Forschung inzwischen ein recht präzises Bild von der Extraversion – laut Duden-Fremdwörterbuch eine „seelische Einstellung, die durch Konzentration der Interessen auf äußere Objekte gekennzeichnet ist”. Wie nicht anders zu erwarten, sind extravertierte Menschen gesellig, gesprächig und stehen gern im Mittelpunkt. Sie sprühen vor Energie, lieben Abwechslung und Aufregung, sind ehrgeizig, begeistern sich für Vieles und genießen das Leben in vollen Zügen. Warum und wie hängt das alles zusammen? Die klassische Erklärung: Extravertierte fühlen sich vornehmlich in Gesellschaft wohl, während Introvertierte eher die mit einem Buch verbrachte Einsamkeit genießen. Doch das kann nicht sein. Als Forscher Versuchspersonen regelmäßig nach ihren Stimmungen in Alltagssituationen befragten, zeigte sich: Auch Introvertierten geht es besser, wenn sie unter Menschen sind. Umgekehrt haben Extravertierte keine Probleme mit der Einsamkeit. Sie fühlen sich dort sogar wohler als Introvertierte. Extravertierte empfinden somit unabhängig von der Situation generell mehr Glück als Introvertierte. Genau diese Fähigkeit zum Glück halten die meisten Psychologen für „den Kern dieser Charakterausprägung”, wie es die Professoren Lee Anna Clark und David Watson ausdrücken. Sie sei der „Klebstoff, der die verschiedenen Aspekte der Extraversion zusammenhält”, argumentiert das Psychologen-Duo von der Universität Iowa. Das gilt weltweit, wie vergangenes Jahr eine Untersuchung mit fast 6500 Studenten in 39 Ländern einschließlich Deutschland zeigte: Lebensfreude entpuppte sich als entscheidendes Kennzeichen der Extraversion, nicht bloße Geselligkeit. Tatsächlich fühlen sich nach eigener Einschätzung Extravertierte im Durchschnitt glücklicher. Es hängt auch von der Lebenssituation ab, wie zufrieden jemand mit seinem Los ist, doch die Persönlichkeit spielt eine starke Rolle. Hier kommt es neben der psychischen Stabilität vor allem auf die Extraversion an. Der verstorbene deutsch-britische Psychologe Hans-Jürgen Eysenck behauptete denn auch: „Glück ist ein Ding namens stabile Extraversion.” Das wird von Susan Turk Charles von der Universität Kalifornien in Irvine bestätigt. Die Psychologie-Professorin veröffentlichte letztes Jahr eine Studie, für die 23 Jahre lang Daten von fast 3000 Menschen gesammelt wurden: Teilnehmer mit hohen Extraversionswerten zu Beginn waren glücklicher und sie blieben es über die gesamte Zeit – ein stabiles Hoch. Wenn aber Extraversion vor allem die Lizenz zum Glücklichsein ist, warum stehen Extravertierte dann bei jeder Fete im Zentrum des Geschehens? Weil sie eben auch aus dieser Situation für sich am meisten herausholen können. Das klassische Markenzeichen von Extravertierten, ihre Geselligkeit, ist also nur die Folge ihrer Begabung, Freude zu empfinden. Diese Fähigkeit lässt sich im Gehirn sichtbar machen, wie ein sechsköpfiges Team der Universität Stanford um Dr. Turhan Canli vor einem Jahr nachwies. Die Psychologengruppe verfolgte mit einem Magnetresonanz-Tomografen, was im Gehirn von 14 Frauen vorging, während sie freudig stimmende Bilder sahen – ein glückliches Paar, Hundewelpen, Sonnenuntergänge. Wie vorhergesagt, reagierten die Gehirne der extravertierten Frauen stärker. Das galt sowohl für Regionen in der – für die bewusste Informationsverarbeitung zuständigen – Großhirnrinde als auch für Bereiche, in denen die Emotionen entstehen. „Das Gehirn eines sehr extravertierten Menschen scheint darauf geeicht zu sein, eher auf positive als auf negative Reize zu reagieren”, folgert Canlis Team. Schon in den achtziger Jahren postulierte der britische Psychologie-Professor Jeffrey Gray ein körpereigenes Aktivierungssystem, das er aus der Wirkung von Psychopharmaka im Tierversuch ableitete. Es springt an, sowie irgendwo eine Belohnung winkt. Für Tiere können das Futter, Sex und Sicherheit sein. Bei Menschen reagiert es auf Hobbys, Kontakt zu anderen oder auf die Chance, in der sozialen Hierarchie eine Stufe höher zu klettern. Dieses – bei Extravertierten besonders ausgeprägte – Aktivierungssystem sorgt für die typische Reaktion, sobald irgendwo etwas Attraktives auftaucht: Haben wollen! Darum stürzen sich Extravertierte ins Abenteuer, kämpfen für ihre Ziele und entdecken ständig etwas Neues. Ihr Gehirn belohnt sie mit Glücksgefühlen. Zwei große Nervenbahnen, die beide im Mittelhirn beginnen, sind für diese angenehmen Empfindungen verantwortlich: Die „mesolimbische” Bahn zieht ins für Gefühle zuständige limbische System, die „mesokortikale” ins Großhirn. Beide verwenden den Botenstoff Dopamin zur Signalübertragung. Wird die mesolimbische Linie mit Dopamin aktiviert, wuseln Tiere mehr in der Gegend herum und werden aggressiver. Wird sie zerstört, sammeln sie keine Nahrung mehr, vernachlässigen den Kontakt mit Artgenossen und verlieren den Spaß am Sex. Die mesokortikale Linie beeinflusst Denkfunktionen, die für flexibles Verhalten wichtig sind, etwa den Orientierungssinn. Also wieder einmal alles eine Frage der Chemie? Selbst für die Ungeschicklichkeiten von Introvertierten im Umgang mit anderen Menschen ist womöglich die Neurophysiologie verantwortlich, wie Anfang 2001 Neurowissenschaftler Prof. Matthew Lieberman und der Psychologie-Papst Prof. Robert Rosenthal von der Universität Harvard zeigten: Sie untersuchten, wie gut Menschen bei einem Gespräch wahrnehmen, was der Partner von ihnen hält. Dazu muss man vor allem erfassen, was der andere nicht sagt, sondern subtil signalisiert, etwa durch Pausen oder den Klang seiner Stimme. Die Einschätzungen von Introvertierten nach einem Telefonat waren ungenauer als die von Extravertierten. Können die „Intros” die subtilen Signale nicht deuten? Wenn sie die Gesprächsaufzeichnung anschließend in Ruhe anhören durften, erfassten auch die Introvertierten fast genauso treffsicher wie die Extravertierten, ob der Gesprächspartner sie mochte. Sie waren also lediglich überfordert, gleichzeitig die Konversation in Gang zu halten und die Reaktion des Gesprächspartners zu registrieren. Diese Doppelbelastung – im Leben der Normalfall – überfordert Introvertierte, so die Erklärung von Lieberman und Rosenthal, weil bestimmte Nervenzellen extrem empfindlich reagieren: In ihrem Frontalhirn werden besonders leicht verschiedene Botenstoffe ausgeschüttet, so dass Introvertierte zu aufgeregt werden und der Doppelbelastung nicht gewachsen sind. In den Köpfen Extravertierter reagieren die entsprechenden Nervenzellen gelassener, weshalb ihre Besitzer ruhiger bleiben. Psychologie-Professor Eysenck hatte behauptet, Extravertierte seien schon im Normalzustand weniger aufgeregt als Introvertierte und deshalb ständig auf der Suche nach Abwechslung. Diese Erklärung gilt inzwischen allerdings als überholt. Bringen ihre nervösen Nerven den Introvertierten wenigstens unter weniger aufregenden Umständen Vorteile? „Wenn das Leben gerecht wäre, könnten wir erwarten, dass die Introvertierten ohne Doppelbelastung die nicht verbalen Signale besser entschlüsseln können”, kommentieren Lieberman und Rosenthal, „aber betrüblicherweise ist das Leben nicht gerecht.” Immerhin leben Introvertierte manchmal sicherer, zum Beispiel im Straßenverkehr. In Unfälle verwickelte Kinder sind besonders extravertiert, ermittelte 1999 die Fakultät für Verkehrswissenschaft der Universität Dresden. Auch Verkehrssünder im Jugendalter haben hohe Extraversionswerte, wie das Klagenfurter Kuratorium für Verkehrssicherheit herausfand. Offenbar rächen sich da Impulsivität und Abenteuerlust. Andererseits kann eine extravertierte Veranlagung in gefährlichen Situationen auch die Haut retten: Extravertierte Feuerwehrleute verletzen sich bei Einsätzen seltener. Das bewies letzten Sommer ein Forscherteam der Universität von Minnesota mit der Auswertung der zwölf Jahre umfassenden Unfallstatistik einer amerikanischen Großstadt. Die Forscher vermuten: Die Extravertierten rufen ihre Kollegen zu Hilfe, sobald es brenzlig wird, während die Introvertierten die Lage so lange allein in den Griff bekommen wollen, bis es zu spät ist.
Kompakt
Alle Menschen lassen sich in fünf Charakter-Kategorien einteilen. Die Extraversion – und ihr Gegenteil, die Introversion – ist dabei die deutlichste Ausprägung. Extravertierte Menschen haben es im Leben meistens leichter.
INTERNET Glücksgefühle im Gehirn www.apa.org/journals/bne/bne115133.html Studie zum Glücksempfinden als Kern der Extraversion www.apa.org/journals/psp/psp793452.html
Lesen Carl Gustav Jung PSYCHOLOGISCHE TYPEN Gesammelte Werke, Band 6
Jochen Paulus





