Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die vermehrte Einlagerung von Fett an Hüften, Gesäß und Beinen zunächst kein Defekt, sondern eine Schutzmaßnahme des Körpers, also eine energetische Reserve für Schwangerschaft und Stillzeit. Beim Lipödem gerät genau dieses feinjustierte System jedoch aus dem Gleichgewicht. Die Fettverteilung folgt dann nicht mehr ausschließlich physiologischen Mustern, sondern einer pathologischen Fehlregulation, die mit Schmerzen, Druckempfindlichkeit und Schwellungen einhergehen kann.
Das hormonelle und genetische Stellwerk
Dass das Lipödem häufig in bestimmten Lebensphasen erstmals auftritt oder sich verschlechtert, verweist unmittelbar auf hormonelle Umbruchphasen. Besonders oft beginnt die Erkrankung
Das weibliche Hormon Östrogen beeinflusst zahlreiche Prozesse im Fettgewebe. Im Unterhautfettgewebe, insbesondere an Beinen und Hüften, finden sich Rezeptoren, über die das Hormon auf Wachstum, Stoffwechsel und Verteilung von Fettzellen einwirken kann. Fachseitig wird angenommen, dass beim Lipödem genau an dieser Schnittstelle eine Fehlsteuerung vorliegt. Warum sie bei manchen Frauen einsetzt und bei anderen nicht, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Allerdings sprechen mehrere Befunde für eine genetische Komponente. In vielen Familien treten vergleichbare Beschwerden über Generationen hinweg gehäuft auf. Das deutet darauf hin, dass eine erbliche Veranlagung die Struktur des Fettgewebes, des Bindegewebes oder auch der Blutgefäße beeinflussen könnte.
Warum Männer in der Regel verschont bleiben, lässt sich ebenfalls mit dieser biologischen Konstellation erklären. Ihre Hormonarchitektur ist stärker durch Testosteron geprägt, zudem unterscheidet sich die Fettverteilung deutlich von der weiblichen. Auch die Dichte und Aktivität bestimmter Rezeptoren im Fettgewebe weichen ab. Diese Faktoren scheinen die für das Lipödem typische krankhafte Vermehrung und Veränderung des Unterhautfettgewebes in den meisten Fällen zu verhindern.
Was bei Lipödem auf zellulärer Ebene im Gewebe passiert
Ein Lipödem ist nicht mit gewöhnlichem Übergewicht gleichzusetzen. Zwar kann zusätzlich Übergewicht vorliegen, doch die zugrunde liegenden Prozesse unterscheiden sich. Nach aktuellem fachlichem Verständnis handelt es sich beim Lipödem um ein eigenständiges Krankheitsbild, das nicht auf Adipositas reduziert werden kann. Im betroffenen Unterhautfettgewebe kommt es zu einer Hypertrophie, einer Vergrößerung, und vermutlich auch einer Vermehrung von Fettzellen. Dadurch verändert sich das Gewebe strukturell.
Mit dem Wachstum dieser Fettzellen steigt der Druck im umliegenden Gewebe. Die feinen Blutgefäße und Lymphbahnen geraten unter Belastung, die Mikrozirkulation kann beeinträchtigt werden. Daraus können lokale Sauerstoffunterversorgung, kleine Entzündungsreaktionen und eine erhöhte Durchlässigkeit der Kapillaren resultieren: Eine mögliche Erklärung, warum Betroffene häufig zu Schwellungen, Druckschmerz und blauen Flecken neigen.
Besonders relevant ist, dass sich das veränderte Fettgewebe metabolisch anders verhält als physiologisches Fettgewebe. Es reagiert offenbar nur eingeschränkt auf Signale, die den Fettabbau fördern. Deshalb erleben viele Patientinnen ein frustrierendes Paradox: Sie ernähren sich bewusst, treiben Sport und nehmen möglicherweise insgesamt ab, die disproportionalen Fettansammlungen an Beinen oder Armen bleiben jedoch bestehen. Bewegung und ausgewogene Ernährung sind für die allgemeine Gesundheit wichtig, sie können Beschwerden lindern, stellen aber keine kausale Therapie des Lipödems dar.
Den Krankheitsverlauf von Lipödem verstehen und die Progression stoppen
Das Lipödem ist eine chronische und in der Regel fortschreitende Erkrankung. Ohne gezielte Behandlung können sich die Gewebsveränderungen im Verlauf verstärken. Die betroffenen Körperregionen wirken dann zunehmend disproportional, das Gewebe kann knotiger und fester werden, zugleich nehmen Schmerzen und funktionelle Einschränkungen häufig zu.
Aus medizinischer Sicht ist daher nicht nur die Linderung aktueller Beschwerden von Bedeutung, sondern auch die Prävention von Folgeschäden. Bleiben die Gewebsveränderungen über Jahre bestehen, kann das Lymphsystem zusätzlich belastet werden. In manchen Fällen entwickelt sich daraus ein Lipolymphödem. Hinzu kommen mögliche orthopädische Folgen. So können etwa veränderte Statik und chronische Fehlbelastungen Gelenke, Sehnen und Rücken zusätzlich beanspruchen.
Ausblick: Warum rechtzeitige Diagnose und interdisziplinäre Forschung zählen
Eine frühzeitige Diagnose durch einen spezialisierten Facharzt ist deshalb entscheidend. Moderne Therapiekonzepte zielen darauf ab, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, Beschwerden zu reduzieren und sekundäre Schäden möglichst zu verhindern. Trotz wachsender wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt das Lipödem in vielen molekularbiologischen Details noch unzureichend verstanden. Umso wichtiger ist eine intensivere interdisziplinäre Forschung, die das Zusammenspiel von Genetik und Hormonen genauer entschlüsselt. Erst dadurch werden sich künftig noch präzisere und individuellere Behandlungsstrategien entwickeln lassen.
Quelle: Gabriele Faerber et al., S2k guideline lipedema, Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (JDDG), Band 22, Seiten 1303–1315, 2024; https://doi.org/10.1111/ddg.15513





