Koffein gehört zu den Pflanzenstoffen der Alkaloide und kommt außer in den Bohnen des Kaffeestrauchs und des Kakaobaums auch in den Blättern des Teestrauchs oder in der Cola-Nuss vor. Ein Tasse Normalkaffee enthält etwa 100 Milligramm Koffein, entkoffeinierte Sorten kommen noch auf etwa 3 Milligramm. Das Alkaloid aktiviert den Sympathikus. Dieser Zweig des autonomen Nervensystems versetzt den Körper in einen Alarmzustand: Blutdruck und Puls gehen in die Höhe, das Konzentrationsvermögen und die Muskelspannung steigen, die Schlafbereitschaft sinkt. „Kaffee enthält mehrere Hundert verschiedener Substanzen, aber seine Effekte auf den Sympathikus wurden bisher hauptsächlich auf das Koffein zurückgeführt”, sagt der Kardiologe Roberto Corti. Er und seine Kollegen am Universitätshospital in Zürich haben die Probe aufs Exempel gemacht: Sie gaben 15 gesunden Freiwilligen einen dreifachen Espresso zu trinken. Das entspricht einer Koffeinmenge von etwa 250 Milligramm. In regelmäßigen Zeitabständen maßen sie dann Blutwerte, Blutdruck, Herzfrequenz und die Aktivität des Sympathikus. Nach einer Stunde stieg bei den Versuchspersonen, die nicht regelmäßig Kaffee tranken, der systolische Blutdruck um durchschnittlich 12,6 Millimeter Quecksilbersäule. In der Gruppe der Kaffee-Enthusiasten blieb der Blutdruck dagegen unverändert. Das allein war überraschend genug. Aber die Forscher staunten noch mehr, als sie den Kaffee-Abstinenzlern einen dreifachen entkoffeinierten Espresso brauten: Auch ohne Koffein stieg deren Blutdruck um 12 Millimeter. „Darüber hinaus regten sowohl entkoffeinierter als auch koffeinhaltiger Kaffee das sympathische Nervensystem an”, so die Züricher Mediziner. „Dies legt nahe, dass nicht das Koffein allein, sondern auch andere Inhaltsstoffe des Kaffees für dessen Effekt auf das Herz-Kreislauf-System verantwortlich sind.” Diese These wird dadurch unterstützt, dass die Kaffee-Freunde unter den Versuchspersonen zwar auf ihr geliebtes Getränk nicht mit einer gesteigerten Nervenaktivität reagierten, aber als ihnen die Forscher das Koffein direkt in die Venen injizierten, schnellten die Werte in die Höhe. Es muss also eine bislang unbekannte Wechselwirkung zwischen dem Koffein und den anderen Kaffeebestandteilen sowie dem Körper geben. Das Fazit der Wissenschaftler: „Es ist medizinisch nicht notwendig, gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern ihr Getränk zu verbieten.” Erst wenn die anderen Inhaltsstoffe identifiziert sind, die neben dem Koffein Herz und Kreislauf aktivieren, lassen sich neue Kaffee-Formen entwickeln, die auch bei gelegentlichem Konsum nicht stimulieren.
Dr. Ulrich Fricke





