Klimawandel im Rückspiegel - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusArchäologie
Klimawandel im Rückspiegel
Ein Blick in die Vergangenheit könnte helfen, die aktuelle Klimakrise zu meistern. Wie sind frühere Kulturen mit Klimasprüngen umgegangen? Archäologen und Paläo-Klimatologen können dazu wichtige Erkenntnisse beisteuern.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
von ROLF HEßBRÜGGE
Das Thema des internationalen Spitzentreffens im September 2021 verblüfft auf den ersten Blick: Die Universität Kiel hatte zu einem „Archäologischen Klimagipfel“ eingeladen. Was kann denn die Archäologie zur Bewältigung der aktuellen Klimakrise beitragen, fragt man sich verwundert, die hat doch nichts mit längst vergangenen Zeiten zu tun? Der Kieler Archäologe Johannes Müller, Mitinitiator des Gipfels, sieht das anders: „Bei der aktuellen Diskussion um die sozio-ökologischen Folgen des Klimawandels wird die Betrachtung prähistorischer Klimaereignisse – und wie die damalige Bevölkerung damit umgegangen ist – meist außer Acht gelassen. Dabei können wir mithilfe der Archäologie wichtige Lehren aus prähistorischen Ereignissen ziehen, um aktuelle Veränderungsprozesse besser zu verstehen und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegen Klimakrisen aufbauen zu können.“
Am Ende des Gipfels von Kiel stand der Beschluss, einen globalen Klimabericht über vergangene Zeiten zu erstellen, analog zum IPCC-Report über den gegenwärtigen Zustand des Weltklimas. „Wir versuchen, die Klimasprünge aus prähistorischer Zeit möglichst genau zu quantifizieren“, erklärt die Kieler Paläo-Klimatologin Mara Weinelt, „nur so können wir die wissenschaftlichen Messmethoden für spätere klimatische Ereignisse bestmöglich eichen, denn dazu braucht es eine möglichst lange, lückenlose Reihe von Daten.“ Die so entstehende Langzeitperspektive soll helfen, präzisere Modellierungen der künftigen Klimaentwicklung zu erstellen – und ihre Folgen besser bewältigen zu können.
Das 4,2-Kilojahr-Ereignis als Modell
Eigentlich ist die moderne Menschheit vom Klima begünstigt, denn wir leben im Holozän, einer seit mehr als 11.000 Jahren andauernden warmzeitlichen Epoche. Doch innerhalb des Holozäns gab es durchaus wechselhafte Phasen. Eine einschneidende Klimaveränderung geschah ungefähr 2200 v.Chr.: das 4,2-Kilojahr-Ereignis – so genannt, weil es rund 4200 Jahre vor seinem wissenschaftlichen Nachweis im Jahr 1950 stattfand. Damals kam es – das erbrachten paläo-klimatologische Untersuchungen – rund ums Mittelmeer und im arabischen Raum zu einer großen Dürre, teils gepaart mit extrem kalten Wintern. Die Archäologen aus Kiel sehen darin Parallelen zu heute und ziehen es deshalb als Vergleichsmodell heran.
Doch woher kennt man die Fakten zum 4,2-Kilojahr-Ereignis? Wann genau hat es stattgefunden, und wie haben sich die klimatischen Parameter verändert, dort und in anderen Erdregionen? „Da es aus prähistorischer Zeit keine Klimaaufzeichnungen gibt, müssen wir diesen Fragen anhand sogenannter Proxies nachgehen“, erklärt Weinelt. „Das sind analytische Daten, die nicht unmittelbar die Klimaentwicklung beschreiben, jedoch in einem klaren empirischen Zusammenhang damit stehen.“
Mehr aus Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Archäologie.
Um solche Daten zu gewinnen, bohren Paläo-Ökologen und Paläo-Klimatologen weltweit schmale Zylinder aus Torf und See- oder Meeressedimenten und unterteilen diese in Millimetereinheiten. Aus Pollen- oder Algenrückständen in den einzelnen Schichten sowie aus deren chemischem Zustand lässt sich ermitteln, ob das Klima im betreffenden Zeitabschnitt kalt, heiß, trocken oder feucht war – und wie rasch es sich veränderte. Bei besonders feinen Sedimenten lassen sich sogar Sommer- und Winterlagen unterscheiden.
„Lange war die Klimaforschung bei der Rekonstruktion der Vergangenheit auf die letzten 2000 Jahre fokussiert, was auch daran liegt, dass es hier bereits Schriftdokumente gab“, erklärt Weinelt. „In diesem Zeitraum aber kam es zu keinen Ereignissen mit ähnlichen globalen Erwärmungen wie beim aktuellen menschengemachten Klimawandel.“ Also ging man weiter zurück. „Die Klimaveränderung im Zusammenhang mit dem 4,2-Kilojahr-Ereignis lässt sich natürlich nicht eins zu eins mit dem heutigen Klimawandel vergleichen, der viel rasanter vonstatten geht“, betont Weinelt. „Und solche kleineren prähistorischen Klimaeffekte waren eher reversibel als die heutige Dynamik.“ Dennoch lohne der Blick auf „4.2k“ und dessen soziale Folgen.
Klimabedingte Migration
Unmittelbar auf das 4,2-Kilojahr-Ereignis folgte der Zusammenbruch des Akkadischen Reichs in Mesopotamien, das heute zum größten Teil Gebiet des Iraks ist. Aufgrund anhaltender Trockenheit ab 2200 v.Chr. kollabierte Akkadien schon gut 100 Jahre nach der Gründung. Schuld war die katastrophale Versorgungslage. „In Mesopotamien hat es damals an guten Bewässerungssystemen gefehlt“, weiß Johannes Müller. „Dieses Problem verschärfte sich mit der Dürre.“ Ab etwa 2170 v.Chr. setzte ein Flüchtlingsstrom in Richtung Süden ein. Er hat verblüffende Parallelen zur heutigen Zeit. Um die starke Migration aus dem Norden zu unterbinden, zog man damals in Zentralmesopotamien eine 180 Kilometer lange Mauer hoch: den Amurriterdamm.
Archäologisch nachweisen lassen sich Wanderungsbewegungen und die daraus resultierenden demografischen Verschiebungen anhand von Knochenfunden. „Das Alter von Knochen lässt sich mit physikalischen Messverfahren genau benennen. Je mehr Knochen aus einer bestimmten Zeit wir in einer Region finden, desto mehr Leben war dort“, erklärt Müller. „Und wenn die Bevölkerungsdichte binnen kurzer Zeit stark gesunken war, ohne dass wir entsprechend mehr Gräber finden, kann es sich nur um einen Migrationseffekt handeln.“ Müller will mit seiner Forschung dazu beitragen, dass sich künftige klimabedingte Migrationsströme präziser vorhersagen lassen. Dazu gehört auch die Ermittlung von „Points of no return“: Ab wann ist klimabedingte Migration unumkehrbar? Außerdem untersuchen Müller und seine Kollegen die Entwicklungen in „Precursor-Phasen“, in denen ein klimatischer Wandel noch nicht voll eingetreten ist, aber erste Folgen bereits spürbar sind – so wie heute.
Menschliche Klimaeinflüsse
Als natürlichen Auslöser für das 4,2-Kilojahr-Ereignis haben Wissenschaftler eine Neuorganisation des Monsunsystems ausgemacht, verbunden mit einer Abkühlung im atlantischen Bereich. Dadurch blieb in der von „4.2k“ betroffenen Region so lange der Regen aus, bis sich wieder ein stabilerer Zustand eingestellt hatte.
Ob das 4,2-Kilojahr-Ereignis auch durch menschliche Faktoren begünstigt wurde, ist bisher nicht ausreichend erforscht. Eine „Mitschuld“ sei jedoch denkbar, erklärt Paläo-Klimatologin Weinelt: „Generell beobachten wir: Je stärker die menschliche Aktivität, desto stärker die klimatischen Veränderungen. Tätigkeiten wie Ackerbau beeinflussen auch das Klima.“ Das Pflügen von Feldern etwa setzt große Mengen CO2 frei, die Pflanzen in den Wurzeln binden. Zudem hatte das großflächige Abholzen und Niederbrennen von CO2- speichernden Wäldern zugunsten von Acker- und Weideflächen oder auch für den Schiffs- und Befestigungsbau erhebliche Folgen. Manche Studien stellen schon ab 6000 v.Chr., also knapp 4000 Jahre vor dem 4,2-Kilojahr-Ereignis, eine anthropogene Verstärkung des Treibhausgas-Ausstoßes fest. Bis 3200 v.Chr. waren demnach sämtliche Regionen der Erde betroffen, außer der Antarktis.
Frühes Krisenmanagement
Die Kieler Archäologin Jutta Kneisel kennt auch in Europa Beispiele für Krisen infolge des 4,2-Kilojahr-Ereignisses: „Damals kam es auf der Iberischen Halbinsel zu einem plötzlichen Umschwung des Klimas, mit sehr kühlen Wintern und anhaltender Dürre in einer ohnehin recht trockenen Region.“ Die Rede ist von der Zeit, in der die sogenannte El-Argar-Kultur aufkam und sich von Südosten her auf der Iberischen Halbinsel ausbreitete, etwa im Golf von Cádiz oder im Hinterland der Costa del Sol. El Argar brachte hierarchisch organisierte, nach außen durch Befestigung gesicherte Siedlungen hervor. Gräberfunde weisen auf ein großes soziales Gefälle hin: Eine kleine Zahl von Prunkgräbern steht einer sehr großen Zahl an schlichten Gräbern gegenüber. Die El-Argar-Kultur betrieb großangelegten Getreideanbau, wobei die zentrale Lagerung und Verarbeitung auf eine streng von oben organisierte Nahrungsmittelverteilung schließen lässt.
Kneisel nimmt an, dass es auch Rivalen gab, die nach den Ressourcen von El Argar trachteten. „Die Menschen tüftelten offensichtlich an ausgefeilten Bewässerungssystemen, um das knappe Gut Wasser für sich abzuzweigen, und ihre Getreidespeicher in den umliegenden Bergen waren gut gesichert“, erklärt Kneisel.
Vielsagend sind die Umstände des Untergangs dieser Kultur: „Das Ende von El Argar kam, als wieder ein feuchteres Klima einzog“, sagt Kneisel. Als die Nahrung nicht mehr so knapp war, begannen die Menschen, nach sozialer Gleichheit und individueller Freiheit zu streben. „Eine Reihe von Umstürzen haben das zweckorientierte autoritäre Gesellschaftsmodell zu Fall gebracht. Ab 1300 v.Chr. gab es in der Gegend keine ausgeprägten Eliten mehr, wie die stark sinkende Zahl an Prunkgräbern verrät. Die großen Siedlungen lösten sich auf, die Menschen verteilten sich aufs Umland.“
Autoritäre Gesellschaften sind allerdings kein Patentrezept zur Krisenbewältigung, oftmals sind sie auch Teil des Problems: Um 2150 v.Chr. erlebte das Alte Reich der Ägypter einen Zusammenbruch. Eine Reihe außergewöhnlich niedriger Nilfluten sorgte für Dürre, schwache Ernten, Revolten. Letztlich zerfiel die zentrale Regierungsgewalt in dem 3100 v.Chr. gegründeten ersten Flächenstaat der Erde komplett.
Auflösungserscheinungen waren die Folge, wie Archäologen festgestellt haben: Prestigeträchtige Projekte wie der Pyramidenbau wurden vorübergehend eingestellt. Es brauchte einige Jahrzehnte und vielerlei politische Reformen, ehe die alte Ordnung wieder hergestellt werden konnte. Ein grundlegender Umbau der Verwaltung, das Einsetzen von Provinzbeamten, ein funktionierendes Rechtssystem sowie ein umfassendes Bewässerungskonzept ermöglichten die Wiederkehr des Pharaonenreichs.
Krisenfeste Gesellschaften
Paläo-Klimatologie und Archäologie rekonstruieren nicht nur das prähistorische Klima und dessen Auswirkungen, sie ermitteln und bewerten auch die menschlichen Antworten darauf. Johannes Müller bezeichnet sich selbst als Sozial-Archäologe: „Ich versuche, aus meinen Befunden Schlüsse über Zustand und Erfolgsgeheimnisse früherer Kulturen zu ziehen – oder über die Gründe für deren Scheitern.“ Das Klima allein sei selten entscheidend, betont Müller, „aber dort, wo Gesellschaften ohnehin dysfunktional sind, ist es besonders schwierig, Klimakrisen zu meistern. Wenn man Widerstandsfähigkeit entwickeln will, müssen alle mitwirken. Das funktioniert nur, wenn keine allzu große Ungleichheit besteht.“
Eine krisenfeste Gesellschaft zeichnet sich laut Müller durch fünf Schlüsselmerkmale aus: nicht allzu autoritär, weitgehend offen, gut vernetzt, möglichst dezentral organisiert, mit soliden Kenntnissen ausgestattet. Beispiele dafür haben der Kieler Forscher und seine Wissenschaftskollegen sozusagen vor der Haustür.
Etwa die Sozialarchitektur in der norddeutschen Tiefebene um 2300 v.Chr.: „Hier finden wir vorwiegend Einzel-Agrarhöfe, die jedoch gut kooperieren“, erklärt Müller. „Die Menschen besitzen astronomisches Wissen zur Navigation, es gibt metallurgisches Know-how zur Erzeugung von Werkzeug, weitreichende Handelskontakte zur Rohstoffbeschaffung und vor allem: wenige Konflikte.“ Diese Kultur überstand das 4,2-Kilojahr-Ereignis und die klimatischen Verschiebungen gut, ebenso die folgenden Klimaschwankungen wie etwa eine Abkühlung ab circa 2010 v.Chr.
Auch für den bereits ab circa 4100 v.Chr. einsetzenden Beginn der Agrarwirtschaft in der norddeutschen Tiefebene lässt sich ein Zusammenhang mit klimatischen Extremereignissen feststellen, erklärt die Kieler Archäo-Botanikerin Wiebke Kirleis: „Damals hat im heutigen Norddeutschland eine lange Reihe von Spätfrost-Ereignissen für erhebliche Umweltstörungen gesorgt. Die Menschen, bis dato Jäger und Sammler, wussten jedoch dank ihrer Vernetzung mit weiter südlich angesiedelten agrarisch tätigen Gruppen einen Ausweg: Sie betrieben zusätzlich Ackerbau. Emmer, Einkorn oder Nacktgerste halfen, die schrumpfende Jagdbeute zu kompensieren“, erklärt Kirleis. „Es handelte sich hier nicht, wie lange Zeit angenommen, um einen Bruch mit der bisherigen Lebensweise, sondern um eine Erweiterung des Ernährungsspektrums, um resilient zu sein.“
Als sich das Klima wieder normalisierte, war die Landwirtschaft längst etabliert. Obst, Nüsse, Wild und Fisch bereicherten allerdings weiterhin den Speisezettel.
Dass immer wieder Konzepte gegen Klimaveränderungen gefragt waren, zeigte sich auch ab etwa 1600 v.Chr.: Ein Vulkanausbruch auf der ägäischen Insel Santorin hatte Auswirkungen quer durch Europa. „In Norddeutschland gab es eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit und große Niederschlagsmengen, die Sommer wurden kühler“, erklärt Kirleis. Traditionelle Getreidearten lieferten plötzlich Missernten, weshalb auf ein aus China stammendes Gewächs ausgewichen wurde, das den Weg über Süd- und Mitteleuropa bis in den Norden gefunden hatte: die Rispenhirse. „Diese sehr kleinkörnige Pflanze ist nicht besonders ertragreich“, so Kirleis, „aber dank ihrer kurzen Vegetationsperiode von nur drei Monaten hat sie den damaligen Menschen geholfen, durch Staunässe oder Spätfrost entstandene Ausfälle anderer Getreide zu kompensieren.“ Diese Diversifizierung beim Ackerbau ging später noch weiter: Leindotter wurde zum neuen Öllieferanten, Hülsenfrüchte sicherten die Proteinversorgung und verbesserten durch bestimmte Bakterienvorkommen in Wurzelnähe die Bodenqualität. „Die Bedeutung der Bodenverbesserung wurde damals erkannt und für die Landwirtschaft immer wichtiger“, sagt Kirleis.
Die Strategien zurückliegender Zeiten lehren vieles, auch wenn die Dimension und Dynamik des heutigen menschengemachten Klimawandels den Erfahrungshorizont der Menschen damals um ein Vielfaches übertrifft. Wiebke Kirleis betont: „Wissen über Kulturpflanzen, Bodenbeschaffenheit und deren Verbesserungsmöglichkeiten ist auf jeden Fall wichtig.“
Das Know-how ist heute mehr denn je vorhanden. Doch Johannes Müller sieht den Schlüssel zur Bewältigung künftiger Klimakrisen woanders. Der Mitinitiatior des Archäologischen Klimagipfels sagt: „Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden scheinen auf Dauer nicht in der Lage zu sein, ein Ressourcenmanagement zu betreiben, das eine Anpassungsfähigkeit gegenüber Umweltveränderungen ermöglicht.“ Letztlich, ist Müller überzeugt, stehe auch unser heutiges Wertesystem auf dem Prüfstand.
Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…