MARTIN DINGES ist Professor für Geschichte der Medizin in Stuttgart und Experte für Geschlechterforschung.
Wie traditionell ist eigentlich unser heutiges Männerbild, Herr Professor Dinges?
Das Rollenverständnis vom starken Mann als alleinigem Ernährer stammt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht führte dazu, dass Härte zum Erziehungsmaßstab für Jungen wurde. Erst die Industrialisierung trennte die Väter – anders als vorher im handwerklichen oder bäuerlichen Betrieb – den ganzen Tag von ihren Familien für die Arbeit in der Fabrik. Der Wohnbereich wurde zur Domäne der Frau, die fortan für ein behagliches Heim zuständig war.
Woher kommt dann das Bild vom Mann als Mammutjäger und der Frau als Hüterin des Feuers?
Der mutige Großwildjäger ist eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die ihre Leitbilder früheren Epochen übergestülpt hat. Soviel Großwild hat es schließlich gar nicht gegeben. Und die Frau war nie nur Hüterin des Feuers, sondern auch Sammlerin von Beeren und Kräutern, womit sie zum Lebensunterhalt der Familie beitrug.
Gibt es Möglichkeiten für Männer, ihre aktuelle Krise zu überwinden?
Zahlreiche. Es würde Sie überraschen, wie hoch der Anteil arbeitsloser Männer war, die sich nach der Wirtschaftskrise 1929 an der Hausarbeit beteiligten. Auch in punkto Gesundheit sind die Befunde der Historiker wesentlich positiver als die aktuellen Ergebnisse der Gesundheitswissenschaften. Bis 1800 etwa waren nämlich Männer häufiger beim Arzt als Frauen. Und Männer haben ihre Sorgen in Bezug auf ihre Gesundheit oder Krankheit auch kommuniziert. Ein Ausflug in die Geschichte bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für Männer. Sie sollten aufhören, sich einreden zu lassen, sie seien ein hoffnungsloser Fall.





