Wie ein rebellischer Professor sein Knochenwuchs-Mittel bis zur Praxisreife durchboxte. Die Gängelung durch die starre Universitäts-Bürokratie hat der Experte in Experimenteller Medizin nicht ertragen. Er stieg aus – und versuchte, seinen bemerkenswerten Fund mit Hilfe von Pharmafirmen zu vermarkten. Als das denen zu riskant war, machte er’s selber.
Ist Professor Karlheinz Schmidt zu sprechen?” Moment bitte. Der Anruf in der Chirurgischen Universitätsklinik in Tübingen wird durchgestellt – ohne Erfolg. “Da meldet sich niemand”, erklärt der Mann in der Telefonzentrale.
Erneuter Vorstoß, diesmal gleich ins Vorzimmer der Klinikleitung. Die freundliche Sekretärin teilt über den Gesuchten mit: “Der ist bei uns ausgeschieden.” Ob sie wüßte, wo Schmidt – laut Vorlesungsverzeichnis nach wie vor Professor in der Tübinger Chirurgie – derzeit zu finden sei? Leider nein.
Der Kontakt scheint gründlich gestört zwischen der traditionsreichen schwäbischen Hochschule und ihrem verschwundenen Professor. KaHa Schmidt, so heißt er abgekürzt im internen Sprachgebrauch, ist ausgestiegen. Genauer: Er hat sich beurlauben lassen – erst einmal bis zum Jahr 2001.
Mit der Alma Mater liegt er über Kreuz. Dabei hat er in der Universitätsstadt am Neckar eine akademische Musterkarriere durchlaufen und mehr erreicht als so mancher andere: Doppelstudium der Chemie und der Medizin, Promotion in beiden Fächern, mit 35 Jahren einer der jüngsten Habilitierten – Fach: “Experimentelle Medizin” -, Privatdozent, Professor, Mitglied der Medizinischen Fakultät.
Doch es hat ihn nicht an der Universität gehalten. “Ich mußte da ‘raus”, sagt er. So hat der heute 55jährige nicht immer gesprochen. Anderthalb Jahrzehnte lang – da war er noch dem Leiter der Chirurgischen Universitätsklinik, Prof. Leo Koslowski, mit viel Aktionsradius direkt unterstellt – tauchte er kopfüber in die klinische Forschung ein.
Schmidt untersuchte schwere Verbrennungen, publizierte 1973 die erste Arbeit in Deutschland über die Kernspintomographie menschlicher Gewebe, trug zur Aufklärung der Ursache eines tödlich endenden Narkose-Zwischenfalles bei, entwickelte zusammen mit seiner Arbeitsgruppe einen Blutersatzstoff aus künstlichen roten Blutzellen, untersuchte Vitamin C in seiner Rolle als Radikalfänger im Organismus. In den achtziger Jahren machte er durch Arbeiten an einem Knochenwachstums-Faktor Furore (bild der wissenschaft 5/1989, “Neuer Knochen wächst nach Wunsch”).
Doch die Forschungsbedingungen hatten sich unterdessen – aus Schmidts Warte – laufend verschlechtert. Heute käme ein Großteil seiner Ergebnisse aufgrund bürokratischer Hemmnisse gar nicht mehr zustande, sagt er: “Die klinische Forschung an den deutschen Universitäten hat keine Überlebenschance mehr. Es ist höchste Zeit für einen radikalen Kurswechsel.”
Schuld an der Misere seien Strukturprobleme – genauer: die zunehmende Atomisierung von Verantwortung und Kompetenz. Auch in Tübingen habe sein vormaliger Verantwortungsbereich, die Zentrale Forschung, immer mehr unter der wachsenden Kleinstaaterei der medizinischen Bereiche zu leiden gehabt.
Prof. Manfred Erhardt, heute Generalsekretär des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft in Essen, war damals im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium tätig. Er bekam häufig Besuch von Karlheinz Schmidt, der sich über die unhaltbarer werdende Situation beklagte und Änderungsvorschläge machte. Aber für den “ausgesprochen originellen Querdenker und hervorragenden Forscher”, wie er ihn nennt, konnte Erhardt nicht viel tun – so gern er wollte:
“Herr Schmidt saß im Tübinger Klinikum auf einer Stelle, die weder seinen Fähigkeiten gerecht wurde noch seinen Erwartungen entsprach”, urteilt Erhardt rückblickend. “Als Habilitierter war er in Forschung und Lehre frei, aber auf seiner Stelle als ,wissenschaftlicher Mitarbeiter` war er weisungsgebunden. Das war eine mißliche Situation für ihn.”
Schmidt konnte den Gang der Dinge nicht aufhalten. “Zuletzt war die klinische Forschung aufgesplittert in urologische Forschung, orthopädische Forschung, pädiatrische Forschung und so weiter”, sagt er. “Jeder Sektor wollte sein eigenes Süppchen kochen. So entstanden lauter kleine, unterkritische Forschungsbereiche, die miteinander nicht kooperierten und alleine nicht viel auf die Beine stellen konnten. Ende der achtziger Jahre war ich innerlich soweit, daß ich gehen wollte.”
Nur ein paar Kilometer Luftlinie trennen den Aussteiger heute von der Tübinger Bühne seiner Hochschulforschungslaufbahn. Innerlich trennen ihn Lichtjahre.
Sein Domizil liegt am Ortsrand von Gomaringen, einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb. Weit schweift der Blick über die buckelige grüne Hochfläche. Um ihn zu genießen, muß man nicht am Fenster sitzen: Überall in dem zeltartigen, lichten Bauwerk fühlt man sich “draußen”.
Einen Steinwurf entfernt liegt das eigentliche Wohnhaus, wo Schmidts Familie – er ist verheiratet und hat vier Kinder – zu ihrem Recht kommt. Doch dies hier ist eindeutig sein Reich. In einem Arbeitszimmer vom Zuschnitt eines veritablen Denk-Tempels läßt der Hausherr seiner professionellen Kreativität freien Lauf. Das Bauwerk atmet Prosperität und Unabhängigkeit, auch Härte bei der Durchsetzung dessen, was Schmidt für richtig hält. “Ich mache, was ich will”, könnte als Hausspruch über der Tür stehen.
Diese Unabhängigkeit hat der gebürtige Stuttgarter seit 1991 auch in beruflicher Hinsicht erreicht. Wenn er heute vom Alb-Flecken Gomaringen ins Nekkartal nach Tübingen hinabfährt, ist nicht mehr die Universität, sondern die Ossacur Arzneimittel GmbH & Co in der Eisenbahnstraße sein Ziel. Das Unternehmen ist sein Baby – die mit Risiken behaftete Chance, aus der ungeliebten Universitätsstruktur auszusteigen.
1990 war das Jahr der Firmengründung: der Schlußpunkt hinter jahrelangem Klinkenputzen und Metzgersgängen bei rund 20 Pharmaunternehmen. Der rührige Forscher wollte die Industrie überzeugen, sein Forschungs-Highlight zu einem Marktprodukt zu machen: den Knochenwachstums-Faktor. Nach Implantation der krümeligen graubraunen Substanz füllen sich Knochendefekte, etwa Hohlräume im Kiefer, wieder mit körpereigenem natürlichem Knochen. Patienten, die an fehlendem Knochen leiden, etwa nach Operationen oder Unfällen, können auf Heilung hoffen.
Doch die Pharmaindustrie griff nicht zu. Schmidt mußte das Fazit ziehen: “Die wollten von mir nur Informationen abpumpen, aber dachten nicht daran, in das Projekt zu investieren.”
Dann kam das, was er sein “Schlüsselerlebnis” nennt: eine Pressekonferenz 1989 in Stuttgart, in Zusammenhang mit dem Beitrag in bild der wissenschaft. “Das bundesweite Echo hatte mich überzeugt, daß ich es auf eigene Faust versuchen sollte.”
Ein privater Investor steckte 10 Millionen Mark in das Wagnis. Als 1994 klar wurde, daß dieses Geld bei weitem nicht reichen würde, fand sich ein zweiter Kapitalgeber. 1996 mußten nochmals 20 Millionen Mark beigebracht werden. Das ist viel Geld, indes: “Wenn wir mit insgesamt 50 Millionen Mark Kapitalaufwand auskommen, wäre das gigantisch”, sagt Schmidt. “Die großen Pharmafirmen schaffen Produkt-Entwicklungen meist nicht unter dem Dreifachen.”
Der Weg war steinig genug. Eine Firma, die die zur Zulassung notwendigen toxikologischen Tests machen sollte, ging vor Erstellung des Abschlußberichts pleite – einige Millionen Mark waren dahin, die Tests mußten nochmals in Auftrag gegeben werden. Eine schadhafte Lötstelle an einem Wasserrohr, das unter dem Estrich verlegt war, ließ das Mauerwerk unbemerkt voll Wasser laufen, so daß eines Tages plötzlich ein Brunnen mitten im Gebäude sprudelte – also: Estrich herausreißen, sanieren, neu versiegeln.
Das ist ausgestanden. Schmidts Ossacur entwickelt den Knochenwachstums-Faktor zum Marktprodukt. Er wird aus Tierknochen gewonnen, ist derzeit im Stadium der klinischen Prüfung und war bereits bei mehr als 50 experimentell behandelten Patienten erfolgreich. Die Zulassung der Substanz, sagt Schmidt, sei in Kürze zu erwarten.
“Interessant ist”, kommentiert er grimmig, “daß dieselben Unternehmen, denen ich damals das Projekt angeboten habe und die keinerlei Risiko bei der Produktentwicklung tragen wollten, jetzt Schlange stehen. Sie sind nun gerne bereit, nach der Zulassung den risikolosen Vertrieb des Produktes zu übernehmen.”
Formal ist er in der Ossacur nur “beratend tätig” – weder Eigentümer noch Geschäftsführer. Aber er hält hier fraglos die Fäden in der Hand, ist Kompetenzträger, Motor und Marketing-Mann in einer Person. Beim Gang durchs Haus – vorbei an Büroräumen und einem steril geführten Fabrikationsraum mit blitzenden Stahlbehältern – verrät die Reaktion der Mitarbeiter: Schmidt ist auch ohne hierarchisches Lametta faktisch der Chef.
Sähen Kollegen von der Universität ihn in seiner silbermetallicfarbenen, sterngekrönten Limousine der Oberklasse vor der Ossacur vorfahren – einige von ihnen würden ihre Vorurteile bestätigt sehen. Hinter vorgehaltener Hand (“aber zitieren Sie mich ja nicht”) ermahnen sie den Journalisten, beim Schmidt bloß vorsichtig zu sein. Der sei ein Geschäftemacher, wissenschaftlich zweitrangig, ein Schaumschläger mit Charakterfehlern.
Im Urteil seiner früheren direkten Mitarbeiter in der Zentralen Forschung der Chirurgie kommt der Geschmähte deutlich besser weg. Einen gewissen Hang, sich in den Vordergrund zu stellen, attestieren sie ihm schon. Aber er sei ein menschlich angenehmer Chef gewesen. Im Spätsommer kam stets der Höhepunkt des Jahres: Da fuhr der leidenschaftliche Bergsteiger Schmidt mitsamt Mitarbeitern, zu zehnt oder mehr, zu Klettertouren in die Schweiz.
Fair sei er seinen Leuten gegenüber gewesen, sehr liberal. “Er ließ einem viel forscherischen Freiraum, wenn man eine gute Idee hatte”, bezeugt Rolf Schubert, heute Professor am Pharmazeutischen Institut der Universität Freiburg. Dann habe der Chef zu Hartnäckigkeit und Entschiedenheit gemahnt: “Entweder man betreibt Wissenschaft” – im Sinne von mal-sehen-was-rauskommt – “oder man macht sie.”
Wie der Macher Schmidt sich in seine Ideen verbiß und sie unbeirrbar verfocht, das ging auch den eigenen Mitarbeitern mitunter reichlich weit. “Wir haben uns auf wissenschaftlicher Ebene kräftig gestritten”, erinnert sich Schubert. Und noch etwas fiel ihm an seinem Chef auf: “Er hat sich immer gerne mit Autoritäten angelegt.”
Vererbt sich so etwas? Jedenfalls hatte schon KaHa Schmidts Vater, seinerzeit katholischer Theologe in Köln, mit einem Vorgesetzten Reibereien: Vom Bischof zu Demut und Unterwerfung gemahnt, versagte er diesem den geforderten Gehorsam. Josef Schmidt kehrte dem seelsorgerischen Amt den Rücken, studierte Physik und Mathematik, gründete eine Familie und ging ins Lehrfach.
“Fachliche Autorität akzeptiere ich, aber autoritäres Verhalten ist mir zuwider”, sagt der Sohn des Theologen. “Ich habe mit Gehorsam so meine Probleme.” Sich ja nichts vorschreiben lassen – diesem Prinzip blieb KaHa Schmidt auch als Hochschulforscher treu, und anscheinend nicht ohne Genuß.
Dadurch machte er sich Feinde im Universitäts-Establishment. Daß man ihm zunehmend Knüppel zwischen die Beine warf, bestärkte ihn nur in seinem Unabhängigkeitsdrang. Neider schuf er sich sowieso. Er leistete Erstklassiges und dachte gar nicht daran, aus diplomatischen Erwägungen sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Aufzufallen hat ihn nie gestört, eher im Gegenteil – und das störte andere.
Um so mehr Wellen schlug die Sache mit der Liste. In den achtziger Jahren verteilte die baden-württembergische Regierung an ihre Hochschulforscher zusätzliche Landesmittel nach dem Kriterium: Wer die meisten Drittmittel für seine Forschung eingeworben hat, erhält am meisten zusätzliche Landesmittel.
Drittmittel sind Gelder aus externen Aufträgen, die nur derjenige Hochschulforscher an Land ziehen kann, der erstens draußen mit seiner Forschung hohes Ansehen genießt und zweitens rege Außenkontakte pflegt. Diese Aktiven an den Hochschulen sollten durch zusätzliche Gelder der öffentlichen Hand ermutigt und belohnt werden, um den Transfer von Hochschulforschung in die industrielle Anwendung zu fördern.
Aufgrund einer bürokratischen Panne kam die Drittmittel-Hitliste der Tübinger medizinischen Fakultät in den offenen Umlauf. KaHa Schmidt stand auf Platz eins. “Das brachte mir Ärger ein”, sagt er rückblickend. “Die Majorität derer, die an Drittmitteln nichts oder wenig vorzuweisen hatten, machte von da an hintenherum Stimmung gegen mich.”
An Universitäten bestünden Zunft-Strukturen, besonders in der Medizin. Er habe wiederholt gegen die unausgesprochenen Zunftregeln verstoßen. “Ich verstand die Wissenschaft schon immer als einen Markenartikel. Wissenschaft muß hinein in die Gesellschaft, muß sich zeigen, sich darstellen, ihren Wert transparent machen”, lautet sein Credo.
Schmidt setzte sich mit Zeitungen und Zeitschriften in Verbindung und begann, populärwissenschaftliche Beiträge zu verfassen. Als er in den achtziger Jahren auch noch eine Pressekonferenz in Bonn veranstaltete, um die Medien über seine Sicht zum Thema Selbstmedikation zu informieren, war der Ofen aus. “Da mußte ich anschließend zu einer hochnotpeinlichen Sitzung beim Dekan und Kanzler. Man bedeutete mir, ich solle in der Öffentlichkeit etwas zurückhaltender sein.”
Das hat offensichtlich nicht gefruchtet. So gründete der Gerügte unter anderem einen Verein “Lebensstil 2000”, der durch Öffentlichkeitsarbeit mit Plakaten und Aktionstagen die Bürger zu eigenverantwortlicher “Individual-Prävention” zu motivieren versucht. Schmidt hält die kurative Medizin, die lediglich in Großkliniken Schäden repariert und zunehmend ihre Unbezahlbarkeit nachweist, für fragwürdig. Er denkt an ein neues Berufsbild für Ärzte: Sie sollen künftig den einzelnen beraten, was er speziell tun und lassen sollte, um möglichst lange gar nicht erst krank zu werden.
Schmidt ist überzeugt, daß dies nicht ohne die Macht der Medien funktionieren kann. Er hat gelernt, selbst mit diesem Instrument gekonnt umzugehen. Beim Fernsehsender n-tv moderiert er inzwischen eine eigene Sendung – “Gesundheit live”.
Heute hat sich die Einstellung zu den Medien auch an den Universitäten gedreht, bezeugt er. Universitäre Kollegen konsultieren ihn neuerdings in Medienangelegenheiten: “Sie haben da doch Erfahrung…”
Thorwald Ewe





