von SUSANNE DONNER
Wenn es wärmer wird und andere endlich mehr Zeit im Freien verbringen, beginnt für Theresa Kühn (Name geändert) eine schlimme Zeit. Sie wickelt ein Tuch um ihren Kopf und setzt eine dunkle Sonnenbrille auf, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht. Schon morgens nimmt sie starke Schmerzmittel. Denn seit ihrem siebten Lebensjahr leidet sie unter schwerer Migräne. Sie habe Angst vor der Zukunft, sagt sie. Denn bisher kennt ihr Leiden nur einen Trend: Es wird immer schlimmer.
Jede fünfte Frau und jeden zwölften Mann plagt hierzulande eine Migräne. 18 Millionen Menschen hat die neurologische Erkrankung im Griff. Unter Kindern und Jugendlichen im Schulalter nehmen Kopfschmerzen deutlich zu, informierte die Deutsche Kopfschmerz- und Migränegesellschaft 2024. Sie litten nicht nur unter der Pein, sondern auch unter Einsamkeit infolge der Erkrankung. Diese wirft zudem einen Schatten auf ihre schulischen Leistungen. Jede Attacke unterbricht jäh den Alltag: Die Betroffenen müssen oft liegen und ertragen weder Licht noch Lärm, so heftig schmerzt der Kopf, und so unangenehm ist jeder Reiz. Viele müssen sich wiederholt übergeben. Eine Attacke quält sie meist mehrere Stunden, in schlimmen Fällen mehrere Tage.
Hinter jeder Migräne steht eine Störung des Hirnstoffwechsels, die bis heute nicht genau in ihrem Ablauf verstanden ist. Während einer Attacke feuern die Nervenzellen in einem bestimmten Teil des Hirnstamms allzu heftig. Die Überaktivität bewirkt, dass der Trigeminusnerv, der vom Gehirn zum Gesicht führt, Schmerzsignale aussendet. Die Nervenzellen setzen überdies Stress- und Entzündungsfaktoren frei. Die Blutgefäße in den Hirnhäuten erweitern sich massiv. Einst vermutete man, dass diese Gefäßweitung die Initialzündung der Migräne sei.
Doch eine andere Theorie besagt, dass der Startschuss schon wesentlich früher fällt. Der Überaktivierung geht bei einer Migräne wohl oft ein Einbruch der Hirnaktivität in einer bestimmten Hirnregion voraus. Dieser Hirn-Blackout heißt „kortikale Spreading Depression“, weil sich die Nervenzellen gleich einem Dominoeffekt nacheinander und wellenförmig um einen Fokuspunkt entladen.
Im Sommer 2024 konnte der Neurowissenschaftler Martin Kaag Rasmussen von der Universität Kopenhagen an Mäusen mit Migräne sogar rekonstruieren, dass der Blackout den Spiegel der Proteine, die die Nervenzellen bilden, verändert. Der Pegel war bei elf Prozent aller Proteine verändert und damit in erheblichem Umfang. Dazu zählen auch zwölf Substanzen, die den Trigeminusnerv aktivieren können. Ein bekannter Verdächtiger darunter ist der Entzündungsbotenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), der in großen Mengen freigesetzt wird – und bereits Ziel einiger Medikamente gegen Migräne ist. CGRP erklärt auch die Folgen des Hirn-Blackouts. Denn der Stoff weitet die Blutgefäße massiv.





