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Jerusalem: Jahrhundertealter Tunnel wirft Fragen auf
Archäologie

Jerusalem: Jahrhundertealter Tunnel wirft Fragen auf

Diesen wahrscheinlich Jahrhunderte alten Tunnel haben Archäologen am Südrand von Jerusalem entdeckt. Wozu er diente, ist ungeklärt. · Foto: Yoli Schwartz/ Israel Antiques Authority

Mysteriöser Gang: Archäologen haben im Süden Jerusalems einen in den Fels gehauenen Tunnel entdeckt, der sie vor ein Rätsel stellt. Denn wozu dieser jahrhunderte-, vielleicht sogar jahrtausendealte Tunnel einst diente, ist noch völlig unbekannt. Der mindestens 50 Meter lange und fünf Meter hohe Gang im Felsuntergrund beginnt mit einer Treppe und besitzt eine Art Entlüftungsschacht. Doch Form und Lage passen weder zu einem Wasserkanal noch zu einer anderen gängigen Erklärung, wie die Archäologen berichten.
Autor
Redaktion
20. Mai 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Archäologie

Ob Zeugnisse des Ersten Kreuzzugs, eine antike Pilgerstraße oder die Überreste des jüdischen Tempels: Die Stadt Jerusalem ist voller archäologischer Relikte. Immer wieder stoßen Forschende bei Ausgrabungen auf Funde, die von der langen Geschichte dieses Ortes zeugen.

Tunneleingang
Diesen wahrscheinlich Jahrhunderte alten Tunnel haben Archäologen am Südrand von Jerusalem entdeckt. Wozu er diente, ist ungeklärt. © Yoli Schwartz/ Israel Antiques Authority

Sorgfältig in den Fels gemeißelter Tunnel

Jetzt gibt es einen neuen Fund, der den Archäologen Rätsel aufgibt. Denn es handelt sich um einen Tunnel bislang unbekannter Funktion, den Archäologen am Südrand Jerusalems nahe des Kibbuz Ramat Rachel entdeckt haben. Bei Ausgrabungen im Vorfeld eines Neubauprojekts stieß das Team der israelischen Altertumsbehörde um Sivan Mizrahi und Zinovi Matskevich auf etwas Unerwartetes. „Wir gruben in relativ steinigem und exponiertem Terrain, als wir einen natürlichen Karst-Hohlraum entdeckten“, berichten die Archäologen. „Doch zu unserem Erstaunen wandelte sich dieser Hohlraum im weiteren Verlauf der Ausgrabungen zu einem langen Tunnel.“

Dieser Tunnel erstreckt sich mindestens 50 Meter weit durch den Untergrund und ist bis zu fünf Meter hoch und rund drei Meter breit. Der größte Teil des Tunnels ist mit Geröll und Sediment gefüllt, die sich im Laufe von Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden angesammelt haben. Bearbeitungsspuren an den Tunnelwänden belegen eindeutig seinen nicht natürlichen Ursprung und zeugen von sorgfältigen Steinbrucharbeiten. Eine Treppe führte einst von der Oberfläche in die Tiefe bis zu einer in den Fels gehauenen Öffnung, die in den Tunnel führte. Unweit des Eingangs stießen die Archäologen zudem auf eine Art Lüftungsschacht, der von der Tunneldecke an die Erdoberfläche führte.

„Es ist klar, dass diejenigen, die diesen Tunnel gegraben haben, enorme Anstrengungen und sorgfältige Planung in die Arbeit investierten. Sie verfügten offensichtlich sowohl über die nötigen Fähigkeiten als auch die Ressourcen, um dieses Ziel zu erreichen“, erklären Mizrahi und Matskevich.

Wozu diente dieser Tunnel?

Doch wer den Tunnel grub und warum, ist ein Rätsel. Anfangs hielten die Archäologen ihren Fund für eine Trinkwasserleitung – einen Kanal, der zu einer Quelle führte. Doch die ungepflasterten Tunnelwände und die Tatsache, dass es im Umfeld des Tunnels weder Quellen noch einen Grundwasserleiter gibt, sprechen gegen diese Erklärung. An den Wänden des Tunnels sind zudem keine für solche Kanäle typischen Ablagerungen zu erkennen. Auch ein unterirdischer Bewässerungskanal für Felder oder ein Abwasserkanal scheiden deshalb aus, wie das Team berichtet.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass dieser Tunnel einst Teil eines Bergwerks war. Er könnte dann dazu gedient haben, eine Kalksteinschicht zugänglich zu machen, aus der Steine für Bauten gewonnen wurden oder vielleicht auch Material für die Kalkherstellung. Für dieses Szenario sprechen nach Ansicht der Archäologen sowohl der Lüftungsschacht als auch Abbaugeröll am Boden des Tunnels. Allerdings sei auch diese Erklärung bisher rein spekulativ, betonen die Forschenden.

„Erstaunt und ratlos“

„Diese Stadt hört niemals auf, uns zu überraschen“, sagt Amit Re’em, zuständiger Bezirksarchäologe von der israelischen Altertumsbehörde. „Normalerweise haben wir Erklärungen für die von uns gemachten Entdeckungen, aber in diesem Falle sind wir erstaunt und ratlos.“ Die Archäologen hoffen, dass weitere Ausgrabungen im Tunnel ihnen Antworten liefern. „Teile des Tunnels sind inzwischen kollabiert, daher kennen wir noch nicht alle seine Geheimnisse“, berichten Mizrahi und Matskevich.

Selbst das Alter dieses Tunnels ist bislang ein Rätsel. „Wir haben nicht einmal den kleinsten Hinweis darauf finden können, wann dieser Tunnel konstruiert wurde“, sagen die Archäologen. „Gleichzeitig liegt er aber nur wenige hundert Meter von zwei bedeutenden archäologischen Stätten entfernt: einem öffentlichen Bauwerk aus der Zeit des Ersten Tempels und der Fundstätte Tell Ramat Rachel, in der Siedlungsreste von der Eisenzeit bis in die islamische Periode hinein gefunden wurden.“ Ob es jedoch eine Verbindung zwischen diesen früheren Funden und dem Tunnel gibt, ist ebenfalls noch ungeklärt.

Quelle: Israel Antiques Authority

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