Nach der herrschenden Lehrmeinung erleben wir in diesen Tagen einen Jahrtausendwechsel. bild der wissenschaft-Leser wissen natürlich, daß dies genaugenommen nicht stimmt, weil die erste Zahl beim Zählen die Eins ist und nicht die Null. Doch was nützt dieser Purismus: Die Jahreszahl 2000 ist einfach zu schön, um sie nicht als Millenniumswende wahrzunehmen. Erstmals – und einmalig – steht unser Monatsmagazin aus diesem Grunde unter nur einem Thema: Zukunft. Obwohl sie sich prinzipiell nur unzureichend beschreiben läßt, ist das, was sein wird, doch so facettenreich, daß Sie beim ersten Durchblättern und der späteren Lektüre keine Déjà-vus haben werden.
Hinzu kommt, daß wir das übliche Themenspektrum breiter gefächert haben. So führten wir über den Freitod ein brisantes Interview mit dem Schweizer Pfarrer Werner Kriesi – nachzulesen auf den Seiten 56 bis 58. Auch der Beitrag über den Städtebau „ Die Magie der Metropolen” verläßt das angestammte bdw-Terrain (ab Seite 82). Ein weiteres Extra ist das bdw-Futuroskop – ein Superposter, das dem Heft beiliegt und Ihnen wichtige Entwicklungen vor Augen führt, die Forscher im kommenden Jahrhundert auf uns zukommen sehen. Mit solcherlei Weitblick tun sich selbst Trendforscher sehr schwer: Was am Ende des 3. Jahrtausends mit uns Menschen sein wird, vermag auch das kühnste wissenschaftliche Szenario nicht zu beschreiben. Ja, noch nicht einmal erste Umrisse des 22. Jahrhunderts zeichnen sich ab. Wir haben uns bei besonders prognosefreudigen US-Trendforschern umgehört, um zu berichten, wie sie die Zeit nach 2100 sehen – doch Fehlanzeige: So weit vor wagte sich keiner. Vor einem Jahrhundert war man da mutiger, wie das Essay „Visionen von gestern” auf den Seiten 60/61 zeigt. Damals tickte die Menschheit freilich auch langsamer: Die Weltbevölkerung lag bei 1,5 Milliarden, die schnellste vom Menschen erreichte Geschwindigkeit war die einer Dampflokomotive, niemand wußte etwas von Elektronik. Eines ist dennoch sicher: Die Menschen des 21. Jahrhunderts werden die Welt mehr verändern als die aller Centenarien zuvor.
Bundeskanzler Gerhard Schröder setzt auf bild der wissenschaft. Ende Oktober, bei seiner Rede anläßlich des Festaktes zum 50jährigen Bestehen der Fraunhofer-Gesellschaft, trug er Passagen wortwörtlich vor, die mein Kollege Reiner Korbmann für das Editorial von bild der wissenschaft-plus „Die Zukunft im Griff” geschrieben hatte. Unser Supplement über die Fraunhofer-Gesellschaft ist im April erschienen. Im Sinne einer zukunftsfähigen Politik ist zu wünschen, daß die Bundesregierung die Informationen unserer sonstigen Hefte ebenso gründlich studiert.
Heinz Haber, der 1990 verstorbene Gründungsherausgeber von bild der wissenschaft, ist unvergessen. Am 11. November wurde an der Fachhochschule Westküste im schleswig-holsteinischen Heide eine Straße nach ihm benannt. Im Beisein von Habers Frau Irmgard enthüllte Bürgervorsteher Reinhard Woelk das Straßenschild mit den Worten: „Professor Heinz Haber steht als Vorbild für die Studierenden und Lehrenden an unserer Fachhochschule.” Zu seinen Lebzeiten war das Engagement des Professors für öffentliche Wissenschaft von deutschen Hochschulen keineswegs so anerkannt. Beispielsweise konnten sich die deutschen Hochschullehrer nirgendwo dazu durchringen, dem großen Wissenschaftspublizisten eine Ehrendoktorwürde zu verleihen. Sie vergaben und vergeben solche Auszeichnungen lieber an Politiker und Manager.
Wolfgang Hess





