Der Mensch rennt auf kurzer Distanz deutlich langsamer als etwa Gazellen oder Geparde. Er ist im Tierreich damit zwar nicht der beste Sprinter, kann aber sehr ausdauernd und über weite Strecken rennen. Möglich machen dies vor allem unsere Becken- und Beinmuskulatur aus erst spät ermüdenden Muselfasern und unsere einzigartige Fähigkeit, reichlich zu schwitzen, wodurch unser Körper effektiv Wärme ableiten kann. Unser aufrechter Gang ermöglicht zudem eine flexiblere Atmung als bei Vierbeinern. Unter den Säugetieren ist der Mensch damit einer der besten Ausdauerläufer. „Lange Strecken zu laufen, einen entwickelten Gang zu haben, der auf einzigartige Weise von Ausdauer durchdrungen ist, ist in der Tierwelt ungewöhnlich“, sagt Seniorautor Bruce Winterhalder von der University of California in Davis.
Aber wozu haben wir diese Fähigkeit einst entwickelt? Eine Theorie des Biologen David Carrier aus dem Jahr 1984 besagt, dass der Mensch dadurch große Wildtiere stunden- oder tagelang verfolgen und zur Strecke bringen kann. Die dafür nötigen physiologischen Merkmale besitzen wir seit fast zwei Millionen Jahren, sie prägen seither die menschliche Körperform. Doch weil Laufen deutlich mehr Energie kostet als Gehen, scheint dieses Jagdverhalten auf den ersten Blick nicht besonders effizient. Da heute zudem nur noch wenige Menschen jagen, gibt es unter Experten Zweifel, ob Ausdauerläufe zum Jagen tatsächlich einst so gängig und wichtig waren, wie angenommen. „Wir haben einige Beispiele von zeitgenössischen Jägern und Sammlern, die Ausdauerjagd betreiben, aber es sind wahrscheinlich weniger als ein Dutzend Fälle“, sagt Winterhalder.
Mit welcher Taktik jagen Menschen?
Winterhalder und sein Kollege Eugène Morin von der Trent University im kanadischen Peterborough haben daher nun diese Jagdtheorie auf den Prüfstand gestellt. Dafür werteten sie rund 8000 historische Berichte vom Verhalten verschiedener Jäger und Sammler-Gemeinschaften aus. Mit mathematischen Modellen analysierten sie die von Entdeckern, Missionaren und Amtsträgern verfassten und inzwischen digitalisierten Berichte und suchten darin nach Hinweisen auf Ausdauerläufe. Tatsächlich fanden sie insgesamt 391 Beschreibungen von ausdauernden taktischen Jagden, die zwischen 1527 und dem frühen 20. Jahrhundert regelmäßig an 272 verschiedenen Orten der Welt stattgefunden haben. Winterhalder und Morin schließen daraus, dass Ausdauerjagden selbst in der jüngeren Geschichte weiter verbreitet waren als gedacht.
Die Jagd verlief dabei stets nach einem ähnlichen Muster, wie die Analysen zeigten: Die Jäger verfolgten ein großes Beutetier – oft Huftiere wie Hirsche, Elche, Karibus und Bergschafe, aber auch Bären und andere Tiere –, welches die Menschen in einem Sprint zunächst rasch abhängte. Während sich das Tier erholte, schlossen die langsameren Jäger jedoch wieder auf und attackierten es erneut, woraufhin das Tier wieder floh. Dieser Ablauf wiederholte sich so lange, bis das erschöpfte und überhitzte Beutetier schließlich von den Menschen mit dem „längeren Atem“ überwältigt werden konnte. Innerhalb dieses Jagdmusters entdeckten die Forschenden zudem taktische Unterschiede: „Es gibt eine ganze Reihe von Fällen, in denen diese Verfolgungen von Teams, mit Staffeln, durchgeführt werden. Wir haben auch Fälle, in denen eine Person einen Hügel in der Nähe erklimmt und mit Handzeichen anzeigt, wohin das Tier geht, damit die Person, die folgt, Abkürzungen nehmen und Energie sparen kann“, sagt Winterhalder. Der Anthropologe schließt aus dieser Kooperation beim Jagen, dass Ausdauerläufe beim Menschen mit einer sozialen Komponente verknüpft waren. Jäger beeinflussten demnach durch das Laufen auch ihren sozialen Status in der Gemeinschaft.





