„Die Wissenschaftsgeschichte und die wissenschaftliche Praxis zeigen […], dass jene Erkenntnisse, die das menschliche Selbst- und Weltverständnis stark verändern, eher nicht durch bewährte empirische Methoden und etablierte Denkweisen hervorgebracht werden. Es sind in der Regel spontan entworfene Hypothesen, die den Weg zu neuen Erkenntnissen eröffnen. Hier kommt die Intuition ins Spiel, deren Stärke das Entwerfen von Arbeitsthesen ist.“
Diese Einsicht ist nicht neu. Vielmehr gestanden bereits zuvor überraschend viele große Forscherköpfe der Intuition eine Schlüsselrolle in den experimentellen Wissenschaften zu, zum Beispiel Albert Einstein. In seiner Rede zum 60. Geburtstag von Max Planck konstatierte er: „Höchste Aufgabe der Physiker ist also das Aufsuchen jener allgemeinsten elementaren Gesetze, aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist. Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“
Oder der US-Nobelpreisträger Richard Feynman, der in seinen „Vorlesungen über Physik“ die Intuition als absolut notwendig beschreibt, „um aus den Hinweisen die großen Verallgemeinerungen zu finden; um die wunderbaren […] Gesetzmäßigkeiten hinter den Dingen zu erraten und danach durch das Experiment zu prüfen, ob wir richtig geraten haben.“
Aufgrund ihrer Erfahrungen dürften die Herren gewusst haben, welchen Anteil an ihren großen Entdeckungen sie der reinen Intuition verdankten. Dabei gilt die Intuition doch gemeinhin als ziemlich unzuverlässiger Geselle, der einen auch schnell in die falsche Richtung führen kann. Warum sollte ausgerechnet die Forscherzunft immun gegen solche intuitiven Irrtümer sein?
Gut zu begründen – aber falsch
Schon 1967 gab der US-Mathematiker Raymond Wilder zu bedenken: „Die Hauptrolle der Intuition ist es, für eine konzeptionelle Basis zu sorgen, die die Richtung für die weitere Forschung vorgibt. Sie liefert somit einen ‚educated guess‘, der sich im Nachhinein als richtig, aber auch als falsch entpuppen kann.“
Eben! Die Natur schert sich nämlich kein bisschen um die Intuition unserer Forscher – und schlägt ihnen daher oft ein Schnippchen. Weshalb die Wissenschaft auch voll von intuitiven Vermutungen ist, die sich zwar gut begründen ließen („educated guess“ eben) – sich letztlich aber als falsch entpuppten.
Wie war das zum Beispiel mit der Zahl menschlicher Gene? Also derjenigen Gene, die für Proteine kodieren? Sagten nicht so gut wie alle Experten voraus, dass diese die 100.000 weit übersteigen würden, nachdem man im Erbgut des Fadenwurms knapp 20.000 Gene aufgespürt hatte? Schließlich sind wir Menschen doch so viel komplexer als Würmer.





