Nach Modellrechnungen der UN steigt die Weltbevölkerung weiterhin stark an. In Europa und Deutschland gehen die Bevölkerungszahlen hingegen zurück. Wissenschaft.de fragt Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz nach Ursachen und Folgen dieser Entwicklung.
Rainer Münz lehrt an der Humboldt-Universität Berlin Bevölkerungs-wissenschaften. Er war Mitglied der Zuwanderungskomission des Bundes.
Nach Angabe der UN Population Division wird die Weltbevölkerung um die Mitte des 21. Jahrhunderts etwa 9 Milliarden Menschen betragen . Wie verlässlich sind diese Rechnungen?
Das sind relativ verlässliche Zahlen, denn ein Gutteil der Menschen, die dann leben werden, sind bereits unter uns. Wenn keine Großkatastrophe über uns hereinbricht, tritt das ein.
Wie könnte es danach weiter gehen? Sinkt die Weltbevölkerung dann wieder?
Bis Ende des Jahrhunderts werden etwa 10 bis 12 Milliarden Menschen auf dieser Welt leben. Danach könnte die Weltbevölkerung abnehmen, aber das können wir nicht sicher wissen. Modellrechnungen, die einen Rückgang der Bevölkerung ergeben, setzen voraus, dass die Fertilität also die Anzahl der Kinder pro Frau unter 2,1 sinkt. Die Fertilität ist derzeitig in allen Teilen der Welt rückläufig mit wenigen Ausnahmen. Aber es könnte auch anders kommen: Eine Demokratisierung in China könnte dazu führen, dass die Ein-Kind-Politik aufgegeben wird und die Chinesen wieder mehr Kinder bekommen. In Indien ist die Kinderzahl pro Familie zumindest im letzten Jahr nicht mehr zurückgegangen.
Anders als weltweit ist die Fertilität in Europa bereits jetzt sehr niedrig. Was hat das zur Folge?
Die Entwicklung ist in Europa regional unterschiedlich. Die Fertilität ist in Deutschland, Süd- und Osteuropa sehr niedrig. In Frankreich, Skandinavien und Irland liegen die Kinderzahlen pro Familie höher. Eine Fertilität von 1,3 wie in Deutschland bedeutet, dass sich jede Generation um ein Drittel verringert. Das ist eine Schrumpfungsspirale, die sich so lange fortsetzt, bis wieder eine Generation mehr als zwei Kinder bekommt. Ein solcher Umschwung ist in Deutschland derzeit allerdings nicht absehbar.
Wie werden sich also die Bevölkerungszahlen Deutschlands in den nächsten 50 Jahren entwickeln?
Für Deutschland sind Vorhersagen schwieriger als für die Welt, denn wir kennen die Größe der Zuwanderung nicht. Die letzten 50 Jahre haben wir eine Nettozuwanderung von etwa 10 Millionen Menschen gehabt. Ob wir das so in die Zukunft extrapolieren können, wissen wir nicht.
Ohne Zuwanderung stünden wir im Jahr 2050 bei etwa 59 Millionen Einwohnern. Man bräuchte ungefähr eine Netto-Zuwanderung von 460.000 Menschen jährlich, um das gegenwärtige Bevölkerungsniveau zu stabilisieren. Das sage ich nur zur Verdeutlichung: Es müssen in Deutschland ja nicht 83 Millionen Menschen leben.
Wie wird sich die deutsche Gesellschaft verändern?
Die Gesellschaft wird altern: Es wird weniger Menschen unter 60 Jahren geben und mehr über 60 Jahre. Selbst bei einer Netto-Zuwanderung von 300.000 Personen pro Jahr das wären etwa 15 Millionen zusätzliche Zuwanderer bis 2050 würde der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung auf über ein Drittel steigen.
Kommt es zu einem Zusammenbruch der Sozialsysteme?
Diese Ideen von plötzlicher Schrumpfung oder Zusammenbruch sind völlig falsche Bilder. Sie haben mehr mit der Vorstellung zu tun, irgend etwas ändere sich von heute auf morgen wie das Wetter. Man sollte betonen: Diese Veränderungen gehen langsam vor sich. Wir haben es mit gut absehbaren Entwicklungen zu tun, die man seit Jahrzehnte voraussieht, auf die die Politik unter anderem deshalb nicht reagiert, weil sie so weit weg liegen. Für Politiker ist es wichtiger, die nächste Wahl zu gewinnen, als zwanzig Jahre später sagen zu können, sie hätten Recht gehabt. Man kann sagen, das Gesundheitssystem wird dadurch belastet, dass es immer mehr alte Leute gibt. Es gelingt uns, immer älter zu werden, weil wir Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Herzinfarkt zurückdrängen. Dadurch wird es mehr Menschen geben, die unter chronisch degenerativen Prozessen wie Altersdemenz, Altersdepression, Parkinson oder Diabetes im fortgeschrittenen Stadium leiden. Das erzeugt einen Betreuungsbedarf.
Wie sieht es mit dem Rentensystem aus?
Wenn der Staat ein bestimmtes Rentenniveau garantiert, könnte er gefordert werden. Bisher setzen wir einfach den Beitragssatz in die Höhe, wenn es teurer wird. Nachhaltig kann man jedoch nur etwas verändern, wenn man die Zahl der Beitragszahler stabil oder in einer bestimmten Relation zu den Beitragsempfängern hält.
Wir haben drei Wege, um das Verhältnis der arbeitenden zu den nicht arbeitenden Menschen zu beeinflussen: Längere Lebensarbeitszeit, mehr Zuwanderung und eine höhere Frauenerwerbsquote.
Dies sind die drei Alternativen?
Das sind nicht drei Alternativen, sondern man sollte jede der drei Möglichkeiten nutzen.
Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern könnte beispielsweise stabilisiert werden, in dem man die statistisch letzten zwölf Jahre des Lebens seine Rente erhält und bis dahin arbeitet. Angenommen, die Lebenserwartung eines 60-Jährigen läge dann bei 80 Jahren, müsste er noch bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Das ist aber nur die Andeutung eines möglichen Auswegs.
Das Problem ist: Wir haben derzeit keinen funktionierenden Arbeitsmarkt für die älteren Menschen, weil sie teurer sind und eine veraltete Qualifikation besitzen. Da passt der Preis und die Leistungsfähigkeit das Humankapital nicht zusammen. Das schafft den Anreiz für Betriebe, alte Menschen durch junge zu ersetzen, denn sie sind billiger, haben frisches Wissen und sind motivierter. Diese Strategie kann in Zukunft nicht mehr verfolgt werden.
Skandinavien und Frankreich haben eine höhere Frauenerwerbsquote und eine höhere Fertilität als wir. Es gibt die Ansicht, dass Frauen deshalb weniger Kinder bekommen, weil sie heute über eine bessere Ausbildung verfügen und häufiger einen Beruf ergreifen umgekehrt sich die Männer aber nicht intensiver bei der Kindererziehung engagieren. Haben die französische und skandinavische Männer dazu gelernt?
Ich glaube nicht, dass es die Männer sind, die umgelernt haben. In Skandinavien und Frankreich gibt es einfach bessere Kinderbetreuungssysteme. Wir bräuchten Ganztagskindergarten und Ganztagsschulen und eine Betreuung der Kinder, wenn die Schulen geschlossen haben, also während der Ferien. Die beste Familienpolitik ist die, die es den Müttern ermöglicht, trotz Kinder ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und sich eine eigene Rente zu sichern.
Zur letzten Möglichkeit: Wird man sich neue Zuwanderer in das Land holen?
Zum ersten Januar 2003 bekommt Deutschland ein neues Einwanderungsrecht, da sind alle Instrumente für eine aktive Einwanderungsgspolitik gesetzlich definiert. Dann könnte man beginnen, attraktive Migranten anzuwerben. Diese Entwicklung wird früher oder später eintreten. Zwischen Deutschland und den anderen Ländern wird es zu einer Konkurrenz um gute Köpfe kommen. Die begabten Menschen aus Indien und China werden mehr Wahlmöglichkeiten haben.
Wie sieht es mit Afrika aus?
In den meisten Ländern Afrikas gibt es kein funktionierendes Bildungssystem. Afrika produziert für den Eigenbedarf nicht genügen Akademiker. Auch die hohen AIDS-Infektionsraten bei den jungen Leuten stehen einer vermehrten Zuwanderung entgegen.
Nein, die Einwanderer werden aus Ländern mit einem entwickelten Bildungssystem kommen, wo das Lebensniveau niedriger ist. So werden sie für uns attraktiv sein und einen Anreiz haben, zu uns zu kommen. Im Wesentlichen geht es um Indien und China.
Weiterführende Links
Webseiten der UN Population Division
Handbuch zur Demographie vom Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung
Informationen zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland vom Statistischen Bundesamt
Bericht der Zuwanderungskommission
Das Interview führte Florian Sander





