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Inseln der Vielfalt
Als Charles Darwin im Jahr 1835 die Galapagosinseln erreichte, war er überwältigt von den zahlreichen verschiedenen Spezies, die die Inseln bewohnten. Viele der Vögel ähnelten Exemplaren, die er vom Festland oder anderen Inseln kannte – und doch wiesen sie einzigartige Merkmale auf. Diese Beobachtung bildete…
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von ELENA BERNARD
Als Charles Darwin im Jahr 1835 die Galapagosinseln erreichte, war er überwältigt von den zahlreichen verschiedenen Spezies, die die Inseln bewohnten. Viele der Vögel ähnelten Exemplaren, die er vom Festland oder anderen Inseln kannte – und doch wiesen sie einzigartige Merkmale auf. Diese Beobachtung bildete eine entscheidende Grundlage für Darwins berühmtes Werk „Über die Entstehung der Arten“, in dem er den Gedanken ausführte, dass die Arten keineswegs unveränderlich sind, sondern von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, sich aber im Laufe der Zeit durch Selektionsprozesse entwickeln.
Nicht umsonst waren es Inseln, die den Begründer der Evolutionstheorie zu seinen wichtigsten Einsichten brachten. „Inseln sind die Laboratorien der Evolution. Für Darwin waren sie ein Mikrokosmos für die überall stattfindenden Veränderungsprozesse“, sagt Lindell Bromham von der Australian National University in Canberra. „Ein Drittel der weltweiten Hotspots der biologischen Vielfalt befindet sich ausschließlich oder hauptsächlich auf Inseln. Allerdings sind Inseln auch Brennpunkte des Verlusts an biologischer Vielfalt: Während beispielsweise nur ein Fünftel der weltweiten Vogelarten auf Inseln vorkommt, waren 90 Prozent der in letzter Zeit ausgestorbenen Vogelarten Inselbewohner.“ Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für die Welt der Gefäßpflanzen, also Pflanzen, die im Gegensatz zu Moosen Wasser und Nährstoffe durch ein Gefäßsystem transportieren. Gemäß einer im Oktober 2024 veröffentlichten Studie kommt fast ein Drittel der weltweit über 300.000 Arten auf Inseln vor, wobei 21 Prozent nirgendwo anders auf der Welt zu finden sind. Rund die Hälfte dieser exklusiven Inselbewohner ist bedroht, und viele sind bereits ausgestorben.
Datenbank der Inselsprachen
Nicht nur mit Blick auf Pflanzen und Tiere sind Inseln Hotspots der Vielfalt, sondern auch hinsichtlich der Sprachen des Menschen. „Inseln haben einen unverhältnismäßig großen Anteil an der Sprachenvielfalt der Welt“, so Bromham. „Bisher gab es noch keine globale Analyse, die die Muster der Entwicklung und Diversifizierung von Sprachen auf Inseln untersucht.“ Um diesen Mustern auf den Grund zu gehen, erstellte Bromham gemeinsam mit ihrem Team eine Datenbank mit 1.197 Sprachen, die auf 13.100 bewohnten Inseln der Welt gesprochen werden. Als Insel zählten die Forschenden Landmassen mit einer Fläche von bis zu 11.000 Quadratkilometern. Das entspricht ungefähr der Fläche Jamaikas.
„Als wir die gesammelten Daten analysierten, stellten wir fest, dass Inseln bei der Entstehung der Sprachenvielfalt eine ähnliche Rolle spielen wie bei der Artenvielfalt“, berichtet Bromham. „Unsere Ergebnisse liefern den quantitativen Nachweis, dass auf Inseln ein wesentlich größerer Anteil der Sprachen der Welt beheimatet ist, als aufgrund der Landfläche zu erwarten wäre.“ Während die Fläche der einbezogenen Inseln nur 0,71 Prozent der bewohnten Landmasse ausmacht, werden auf Inseln 17 Prozent der Sprachen der Welt gesprochen.
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Nicht alle dieser Sprachen kommen exklusiv auf Inseln vor. „Viele Sprachen, die auf Inseln gesprochen werden, sind praktisch Erweiterungen des Sprachgebiets auf dem Festland“, erklären die Forschenden. „So wird beispielsweise Schwedisch auf vier Prozent der bewohnten Inseln der Welt gesprochen, aber die meisten Menschen, die Schwedisch sprechen, leben auf dem europäischen Festland.“ Etwa zehn Prozent der Sprachen insgesamt sind jedoch auf Inseln endemisch, das heißt, sie werden fast ausschließlich auf Inseln gesprochen.
Auf der Suche nach den Triebkräften der Sprachenvielfalt auf Inseln orientierten sich Bromham und ihre Kollegen an der sogenannten Theorie der Inselbiogeographie. Demnach hängt die biologische Artenvielfalt einer Insel vor allem von ihrer Größe und ihrer Isolation, also der Entfernung zum Festland, ab. Je größer eine Insel ist, desto mehr Platz und verschiedene biologische Nischen bietet sie, was die Aussterberate bestehender Arten auf der Insel verringert. Je weiter die Insel vom Festland entfernt ist, desto weniger neue Arten wandern ein – was einerseits die potenzielle Artenvielfalt begrenzt, andererseits die bestehenden Arten auf der Insel bewahrt.
„Im Einklang mit der Theorie der Inselbiogeographie zeigen unsere Ergebnisse, dass die Anzahl der endemischen Sprachen pro Insel mit der Fläche zunimmt“, berichten Bromham und ihr Team im September 2024 in der Fachzeitschrift Nature Ecology and Evolution. Doch während die biologische Artenvielfalt gemäß dieser Theorie durch Isolation begrenzt wird, stellten die Forschenden bezüglich der Sprachenvielfalt einen gegenteiligen Effekt fest: Je weiter eine Insel vom Festland entfernt ist, desto mehr endemische Sprachen werden auf ihr gesprochen. Zudem zeigte sich die größte Sprachenvielfalt in tropischen und subtropischen Regionen. Ähnlich wie für biologische Arten gilt also offenbar auch für Sprachen, dass die Vielfalt von den Polen zum Äquator zunimmt.
Faktor Nahrungsangebot
Doch welche Faktoren sorgen für den Zusammenhang zwischen der Biodiversität und der Vielfalt der Sprachen? Zu dieser Frage forscht der Linguist Balthasar Bickel von der Universität Zürich. Seine Ergebnisse legen nahe, dass tatsächlich eine kausale Beziehung zwischen der Artenvielfalt und der Sprachenvielfalt besteht. „Der entscheidende Faktor ist die Nahrungsverfügbarkeit“, erklärt er. „In Gebieten mit hoher Biodiversität finden Menschen das meiste, was sie zum Überleben brauchen, in ihrer unmittelbaren Umgebung. Austausch und Handel zwischen verschiedenen menschlichen Gemeinschaften sind in solchen Gebieten weniger relevant.“
Auf diese Weise kann ein reichhaltiges, vielseitiges Nahrungsangebot die Isolation gegenüber anderen Gruppen fördern – und damit eine eigene Sprache. „Wir beobachten sogar, dass Sprache gezielt zur Abgrenzung eingesetzt werden kann, etwa um Außenstehende von den eigenen Ressourcen fernzuhalten“, berichtet Bickel. „Die Sprachen von Gruppen, die in Gebieten mit hoher Biodiversität leben, sind oft besonders komplex und lassen sich durch ihre unregelmäßige Struktur nur schwer von Nicht-Muttersprachlern erlernen.“
Anders als bei biologischen Arten geht es bei Sprachen also mitunter weniger um eine geografische Isolation – auch wenn diese ein zusätzlicher Faktor sein kann. Meere und Gebirge können wir Menschen seit Langem überwinden, sodass diese keine relevanten Grenzen mehr für wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Austausch darstellen. Wichtig ist vielmehr, ob die Umwelt, in der wir leben, einen solchen Austausch sinnvoll erscheinen lässt oder nicht.
Auch bei der festgestellten Sprachenvielfalt auf Inseln könnte es Bickel zufolge sein, dass gar nicht die Inseln selbst die Ursache für die Vielzahl an Sprachen sind. „Aus früheren Studien wissen wir, dass Küstengebiete oft eine besonders große Zahl verschiedener Sprachen fördern“, berichtet er. Dank des großen Nahrungsangebots aus dem Meer können kleine Dorfgemeinschaften an Küsten unabhängig von anderen überleben und ihre eigene Sprache sprechen. „Da Bromham und ihr Team sich auf kleine Inseln mit einer Fläche bis zu 11.000 Quadratkilometer fokussieren, beziehen sie automatisch überproportional viele Küstengebiete mit ein“, so Bickel. „Ob die Sprachenvielfalt also tatsächlich exklusiv auf Inseln so hoch ist oder ob vergleichbare Küstenregionen auf dem Festland eine ähnlich hohe Vielfalt beherbergen, bleibt eine offene Frage.“
Evolutionäre Besonderheiten
Auch wenn unklar ist, ob Inseln die Sprachenvielfalt tatsächlich auf ähnliche Weise fördern wie die Artenvielfalt, gibt es Hinweise darauf, dass die besonderen Bedingungen auf Inseln sowohl Arten als auch Sprachen verändern können.
Für Sprachen haben Bromham und ihr Team festgestellt, dass endemische Inselsprachen andere Evolutionsmuster aufweisen als Sprachen, die üblicherweise auf dem Festland gesprochen werden. „Sprachen, die überwiegend auf Inseln gesprochen werden, haben deutlich weniger Phoneme, also die grundlegenden Lauteinheiten, aus denen Wörter gebildet werden“, sagt Bromham. Dieser Befund widerspricht laut Bickel einer gängigen Theorie der Sprachwissenschaft, der zufolge gerade kleine Sprachen, die sich auf engem Raum von anderen abgrenzen müssen, besonders viele verschiedene Phoneme enthalten. „Wenn man mehr Phoneme hat, kann jede Gruppe eine eigene Teilmenge der Phoneme verwenden und sich dadurch leichter von anderen unterscheiden“, erklärt er. „Sprachen mit wenigen Phonemen sind eigentlich typisch für Gebiete mit geringer Sprachenvielfalt, in denen kaum Abgrenzung notwendig ist.“
Für kleine Inseln, auf denen jeweils nur eine Sprache gesprochen wird, mag das zutreffen. Hier kann die Isolation von Nachbarsprachen ein großes Inventar an Phonemen überflüssig machen. Warum allerdings auch Sprachen von Inseln, auf denen mehrere Sprachen gesprochen werden, wenige Phoneme haben sollten, ist laut Bickel eine offene Frage. Bromham und ihr Team spekulieren, dass nach und nach Phoneme verloren gehen, wenn eine Sprache nur von wenigen Menschen gesprochen wird.
Besser untersucht sind die Auswirkungen des Insellebens auf biologische Arten. Die Isolation, das exklusiv zur Verfügung stehende, aber begrenzte Nahrungsangebot und die Abwesenheit vieler natürlicher Feinde haben erstaunliche Spielarten der Evolution hervorgebracht. Dazu zählen zum Beispiel Riesen- und Zwergformen von Arten, die in „normaler“ Größe auf dem Festland vorkommen. So lebten auf Kreta einst Mini-Mammuts, die mit einer Schulterhöhe von lediglich 1,13 Meter und einem Gewicht von rund 300 Kilogramm gerade mal die Maße eines kleinen Ponys erreichten. Auf Zypern fanden Forschende die Knochen von Mini-Flusspferden, die mit 130 Kilogramm nicht größer wurden als ein Schwein. Andersherum entwickelten sich auf Madagaskar die riesigen Elefantenvögel, deren Fossilien darauf hindeuten, dass einige Exemplare über 700 Kilogramm auf die Waage brachten.
Schutz der Diversität
Heute sind die meisten Riesen- und Zwergarten ausgestorben. Denn gerade weil sie sich perfekt an ihre Inselumgebung angepasst hatten, waren sie nicht auf menschengemachte Veränderungen eingestellt. Ein weiterer Aspekt könnte eine rasche Reaktion erschwert haben: So ergab eine im Juli 2024 in Science Advances veröffentlichte Analyse von fast 3.000 Tierarten auf Inseln und dem Festland, dass das Leben für Inselbewohner in vieler Hinsicht langsamer verläuft. Bei vielen Vögeln und Säugetieren auf Inseln arbeitet der Stoffwechsel gemächlicher als bei Verwandten auf dem Festland. Zudem bekommen sie später Nachwuchs. Diese Anpassungen helfen ihnen womöglich, besser mit den begrenzten natürlichen Ressourcen auf Inseln zurechtzukommen. Doch damit verringert sich auch ihre Fähigkeit, sich flexibel an Veränderungen in der Umwelt anzupassen. Menschliche Bejagung oder neu eingeschleppte Raubtiere können dadurch leicht zum Aussterben der Arten führen. Viele Inselarten sind daher in besonderem Maße bedroht.
Für Sprachen auf Inseln stellen Bromham und ihre Kollegen dagegen kein erhöhtes Aussterberisiko fest. „Aber weil Inseln einen so unverhältnismäßig großen Anteil an der weltweiten Sprachenvielfalt haben, werden sie eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung der sprachlichen Vielfalt spielen“, sagt Bromham. In manchen Fällen können dabei Maßnahmen zum Artenschutz und zur Erhaltung der Sprachenvielfalt Hand in Hand gehen. „Wenn beispielsweise die Abholzung von Regenwäldern gestoppt würde, täte das nicht nur der Biodiversität gut, sondern auch den indigenen Völkern, die dort leben, und damit ihren Sprachen“, sagt Bickel. „Allerdings sprechen wir beim Schutz von Arten und Sprachen von unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen: Der Artenschwund geschieht innerhalb von Jahrzehnten, während sich Sprachen über Jahrhunderte hinweg verändern, diversifizieren oder aussterben. Die Auswirkungen auf die langfristige Vielfalt sind deshalb schwer abzusehen.“ Bromham und ihr Team hingegen sind überzeugt: „Inseln sind nicht nur Wiegen der sprachlichen Vielfalt, sondern auch Archen, die die Sprachenvielfalt in die Zukunft tragen.“
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