Depressionen gehen oft mit Antriebslosigkeit und gedrückter Stimmung einher. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Schlafstörungen. Behandlungen umfassen typischerweise Psychotherapie, oft in Kombination mit Antidepressiva wie SSRI und SNRI, die die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin hemmen. Doch nicht alle Betroffenen profitieren davon. Forschende versuchen deshalb, Subtypen der Depression zu identifizieren, die bessere Vorhersagen darüber erlauben, welche Therapie wem am besten hilft.
Zirkadiane Depression als neuer Subtyp
Forschende um Emiliana Tonini von der University of Sydney haben nun klinische und genetische Daten von mehr als 10.000 depressiven Menschen aus Australien ausgewertet und einen möglichen neuen Subtyp identifiziert, den sie als „zirkadiane Depression“ bezeichnen. Zu den typischen Merkmalen zählen ein jahreszeitlich schwankender Krankheitsverlauf, weit nach hinten verschobene Schlafenszeiten, starke morgendliche Müdigkeit sowie längeres Schlafen in depressiven Phasen. „Das betraf etwa ein Viertel der Menschen in unserer Studie mit schwerer, wiederkehrender oder anhaltender Depression“, berichtet Tonini.
Die zirkadiane Depression tritt der Auswertung zufolge oft bereits in jüngeren Lebensjahren auf und ist häufiger mit schwerwiegenden Symptomen wie Suizidgedanken, Psychosen und körperlichen Beschwerden verbunden als nicht-zirkadiane Depressionen. Die Betroffenen berichteten zudem davon, schlechter auf SSRI- und SNRI-Antidepressiva anzusprechen und unter mehr Nebenwirkungen zu leiden. Genetische Analysen ergaben außerdem, dass Menschen, die dem zirkadianen Subtyp zugeordnet wurden, ein höheres genetisches Risiko für ADHS, Angststörungen sowie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.
Potenzial für wirksamere Therapien
Aus Sicht des Forschungsteams könnten die Erkenntnisse dazu beitragen, wirksamere Behandlungen für Betroffene zu finden. „Da die zirkadiane Depression mit der inneren Körperuhr der Betroffenen zusammenhängt, könnten Behandlungen, die auf den zirkadianen Rhythmus abzielen – wie Lichttherapie und Melatonin –, weitaus relevanter sein, und Ärzte sollten bei Menschen mit diesem Krankheitsbild viel früher auf diese zurückgreifen“, sagt Toninis Kollege Jacob Crouse.
Ob solche Therapien allerdings tatsächlich besser wirken als gängige Antidepressiva, lässt sich auf Basis der bisherigen Ergebnisse nicht beantworten. Die aktuelle Studie stützt sich auf eigene Angaben der Betroffenen, nicht auf kontrollierte Versuche zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsmethoden.
Weitere Studien erforderlich
Umstritten ist auch, inwieweit die „zirkadiane Depression“ tatsächlich einen neuen Subtyp darstellt. „Depressive Patienten weisen eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome auf, und die Auswahl einiger Patienten, die bestimmte Symptome angeben, bedeutet nicht, dass man einen neuen Subtyp der Depression identifiziert hat“, kritisiert David Curtis vom University College London, der nicht an der Studie beteiligt war.
Aus Sicht von Ronan Lordan vom Royal College of Surgeons in Ireland (RCSI) in Dublin liefert die Studie aber dennoch interessante Hinweise und rechtfertigt weitere Untersuchungen. „Die Arbeit gibt uns einen weiteren Anstoß, die Rolle der inneren Uhr bei affektiven Störungen zu untersuchen, und macht gleichzeitig deutlich, wie viel wir noch verstehen müssen, bevor wir diese Erkenntnisse in die klinische Praxis umsetzen können“, kommentiert er. „Letztendlich könnte diese Forschung dazu beitragen, uns einer personalisierteren Behandlung von Depressionen näherzubringen, vorausgesetzt, die Ergebnisse lassen sich unabhängig replizieren und das Profil sagt die Behandlungsergebnisse prospektiv voraus.“
Quelle: Emiliana Tonini (University of Sydney, Australien) et al., British Journal of Psychiatry, doi: 10.1192/bjp.2026.10798





