Wer an Demenz leidet, verliert nach und nach seine kognitiven Fähigkeiten. Doch oft geht die Erkrankung auch mit weiteren Symptomen einher, darunter Schlafstörungen, Ängsten, Motivationsstörungen und bei rund vier von zehn Betroffenen auch Depressionen. Da Depressionen bekanntermaßen den Verlauf der Demenz verschlimmern können, sehen die Leitlinien in Deutschland vor, die depressiven Symptome zu behandeln – im ersten Schritt nicht-medikamentös, etwa mit Psycho- und Bewegungstherapie, bei Bedarf aber auch mit Medikamenten.
Kognitive Leistungsfähigkeit im Test
Doch wie wirken sich die antidepressiven Medikamente auf das Fortschreiten der Demenz aus? Mit dieser Frage hat sich nun ein Team um Minjia Mo vom Karolinska Institut in Stockholm beschäftigt. Die Forschenden werteten die Daten von 18.740 Menschen mit Demenz aus, die zwischen 2007 und 2018 in einem schwedischen Register gesammelt wurden. 22,8 Prozent der Personen bekamen im zeitlichen Zusammenhang mit der Demenzdiagnose ein Antidepressivum verschrieben. Die meisten von ihnen erhielten sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), eine Klasse von Antidepressiva, die als besonders gut verträglich gilt.
Als Maß für die kognitive Leistungsfähigkeit der Patienten diente ein standardisierter Test, der sogenannte Mini-Mental-Status-Test (MMSE). Der Test erfasst unter anderem sprachliche und motorische Fähigkeiten der Probanden, ihre Konzentrations- und Erinnerungsfähigkeit sowie ihre Orientierung. Das Ergebnis wird als Score von 0 bis 30 angegeben, wobei eine höhere Punktzahl bessere kognitive Fähigkeiten angibt.
Kausalität unklar
„Wir stellten eine Assoziation zwischen der Einnahme von Antidepressiva und einem schnelleren kognitiven Abbau fest“, berichtet das Forschungsteam. „Allerdings betrug der Unterschied bei allen einbezogenen Antidepressiva weniger als einen Punkt im MMSE-Test pro Jahr und liegt somit unterhalb der Schwelle für klinische Relevanz.“ Selbst bei dem Antidepressivum mit der deutlichsten Assoziation, einem SSRI namens Escitalopram, schnitten Patienten, die damit behandelt wurden, nach einem Jahr nur um durchschnittlich 0,76 Punkte schlechter ab als Patienten, die keine Antidepressiva einnahmen. Bei den in der deutschen Leitlinie empfohlenen Antidepressiva Sertralin und Mirtazapin betrug der Unterschied zu nicht Behandelten 0,25 und 0,19 Punkte.
Zudem ist nicht klar, inwieweit ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und dem kognitiven Verfall besteht. Denkbar ist auch, dass Patienten, deren Symptome so schwer sind, dass ihnen Antidepressiva verschrieben werden, schneller geistig abbauen als Personen, bei denen das nicht notwendig ist. Die Antidepressiva wären in diesem Fall nicht Verursacher der Verschlechterung, sondern würden sie womöglich sogar abbremsen – wenn auch nicht stark genug. Das gleiche gilt für weitere festgestellte Assoziationen, etwa dass Menschen, die hohe Dosen von SSRI benötigen, häufiger stürzen und früher sterben.





