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Im Wald, da sind die Räuber
Nachdem sie vielerorts schon fast oder ganz ausgerottet waren, haben Europas große Raubtiere den Kontinent neu erobert. Das belegen Studien von Forschern um Josè Vicente López-Bao von der Grimsö-Wildtierforschungsstation in Schweden und der Universität Oviedo in Spanien. Ihre Übersicht über die Jahrzehnte zeigt, wie die einst weitverbreiteten Arten verschwanden und auf welchen Wegen sie nun mit welcher Unterstützung zurückkamen.
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von Christian Jung
Nachdem sie vielerorts schon fast oder ganz ausgerottet waren, haben Europas große Raubtiere den Kontinent neu erobert. Das belegen Studien von Forschern um Josè Vicente López-Bao von der Grimsö-Wildtierforschungsstation in Schweden und der Universität Oviedo in Spanien. Ihre Übersicht über die Jahrzehnte zeigt, wie die einst weitverbreiteten Arten verschwanden und auf welchen Wegen sie nun mit welcher Unterstützung zurückkamen.
Guillaume Chapron, Mitglied der Forschergruppe, ist von der Entwicklung überrascht, denn: „In der Geschichte und Kultur Europas gibt es eine recht verwurzelte Feindschaft gegenüber diesen Arten, die darauf gründet, dass jene großen Räuber die Lebensgrundlage des Menschen beeinträchtigen.“ Dass trotzdem die Zahlen aller großen Fleischfresser in Europa wieder zugenommen haben, sei eine beispiellose und weit unterschätzte Erfolgsgeschichte des Tier- und Artenschutzes – vor allem ermöglicht durch die europäischen Artenschutzabkommen.
„Begünstigt wurde diese Entwicklung durch eine koordinierte Gesetzgebung, klare Regelungen für Waldwirtschaft und Jagd sowie die starken Umweltbewegungen seit den 1970er-Jahren, die zu gesamteuropäischen Regelungen geführt haben“, fassen die Forscher zusammen. „Diese europäische Erfolgsgeschichte bei den großen Räubern gibt Hoffnung, und sie zeigt Wege auf, Wildtiere in Landschaften zu bewahren, in denen der Mensch dominiert. Damit ist sie auch für andere Regionen weltweit wegweisend.“
In Deutschland gilt der Abzug des russischen Militärs aus der ehemaligen DDR als Stunde Null der dauerhaften Wiederkehr der Wölfe. Einzelne Tiere – vor allem aus polnischen Beständen – hatten zwar zuvor immer mal wieder ihre Nase über die Grenze gesteckt. Doch erst die neue ungestörte Weite riesiger, sich selbst überlassener, menschenleerer Truppenübungsplätze ließ die großen Grauen dauerhaft zuwandern, neue Reviere abstecken und Rudel gründen. Es dauerte nur wenige Winter, in denen die Räuber zunächst vereinzelt gesichtet wurden, bis einige Exemplare immer wieder identifiziert wurden und man sicher sagen konnte: Sie sind gekommen, um zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hatten in vielen Regionen Deutschlands seit mehr als einem Jahrhundert keine Wölfe mehr gelebt.
Aber auch andere längst verschwundene große Räuber haben den Weg zurückgefunden. Sie sind ebenfalls bestrebt, teils mit Unterstützung des Menschen, frühere Lebensräume zurückzuerobern. Die Zeichen stehen also auf Veränderung in Deutschlands wildem Leben. Wie aber reagiert der Mensch, wenn große Rudel von Raubtieren oder als gefährlich deklarierte Einzelgänger durch dicht besiedeltes Land streifen? Erschrickt er, wenn er merkt, dass ein wilder Räuber sich verhält wie ein wilder Räuber? Wenn ihm klar wird, dass er die Geister, die er rief, nun nicht mehr loswird? Dass er sich das Überlassen des Terrains so nicht vorgestellt hatte? Wird es dann für einige Arten schnell wieder eng und ungemütlich? Es deutet einiges darauf hin.
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Gut 150 Jahre lang war Canis lupus in Deutschland verschwunden – bis vor 20 Jahren erstmals wieder ein Wolf in freier Wildbahn geboren wurde. Ende 2019 gab es 11 Einzeltiere, 35 Paare und 128 Rudel mit bis zu einem Dutzend Tieren, insgesamt etwa 1300 Tiere, die 174 Territorien im Land besetzten – eine rasante Bestandszunahme.
Doch es könnten sich bei uns noch deutlich mehr Wölfe heimisch fühlen, wie eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz zeigt. „Weite Teile Deutschlands sind grundsätzlich als Lebensraum geeignet“, sagt Studienleiterin Stephanie Kramer-Schadt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung der Technischen Universität Berlin. Denn die Ansprüche der Wölfe an ihren Lebensraum – pro Rudel etwa 250 Quadratkilometer Fläche – seien geringer als angenommen.
Es muss nicht immer dichter Wald sein. Auch Agrarlandschaften kommen infrage, sofern sie genügend Verstecke bieten. In Spanien leben Wölfe sogar in einer offenen Agrarsteppe, ähnlich wie ihre Verwandten in der baumlosen Tundra oder den Wüsten des Nahen Ostens. Genügend Nahrung dürften die Jäger überall finden, der hohe Wildbestand machtʼs möglich. Die Untersuchung der Losung aus diversen Arealen zeigt, dass Wölfe sich hierzulande zur Hälfte von Rehen und zu jeweils einem Fünftel von Rothirschen und Wildschweinen ernähren, natürlich mit jahreszeitlichen Schwankungen.
Der Studie zufolge gibt es in Deutschland bis zu 1400 mögliche Territorien für die verschiedenen Formen wölfischen Single- oder Zusammenlebens – anstelle der bis dahin angenommenen 440. Das hören manche mit Erschrecken. Denn seit seiner Rückkehr nach Mitteleuropa polarisiert der Wolf. Die einen idealisieren ihn, die anderen fürchten um ihre Weide- oder sonstigen Tiere und sähen ihn am liebsten zum Abschuss freigegeben. Öffentliche Gesprächsrunden verlassen meist rasch den Boden des unaufgeregten Austauschs von Fakten und münden in eine Dauereruption von Emotionen.
Von allen großen Räubern unserer Breiten werde der Wolf gesellschaftlich am meisten abgelehnt, sagt Andreas Zedrosser von der Universität Südostnorwegen in Bø. Das zeigten alle jüngeren Studien: „Das gesellschaftliche Konfliktpotenzial ist durch die Beteiligung der Landwirtschaft am größten. Dazu kommt die ganze mentale Kulturgeschichte vom ‚bösen Wolf‘ – eine ungünstige Kombination.“
Wasser auf diese Mühlen sind die knapp 1000 Wolfsrisse, die das Land Niedersachsen im Jahr 2020 in der Weidetierhaltung verzeichnete – fast eine Verdopplung gegenüber 2018. Die Kompensationszahlungen liegen bei über 200.000 Euro. Und die Aufwendungen für die Präventionsmaßnahmen schlagen mit gut 4 Millionen Euro noch weitaus stärker zu Buche. Diese Gelder fließen in Aufklärungsprojekte und aufwendigen Herdenschutz, etwa durch teure Spezialzäune oder Herdenschutzhunde.
Mit den Kompensationszahlungen steht und fällt das Maß an Wohlwollen gegenüber dem Wolf bei der betroffenen Landbevölkerung. Allein der offizielle „Wolfsnachweis“ als Voraussetzung für eine Entschädigung erfordert gute Nerven. Denn das Prozedere ist aufwendig: Gemäß Wolfsmanagementplan muss gemeinsam mit dem zuständigen Experten alles haarklein dokumentiert werden. Dem Schaf muss teils das Fell abzogen werden, Bisswunden sind zu vermessen und Speichelproben müssen an das zuständige Analyselabor geschickt werden.
Förster plädieren dagegen für die Anwesenheit der Wölfe. Denn das Raubtier dezimiert den seit Jahren viel zu hohen heimischen Bestand an Rehen. Die Huftiere verbeißen die jungen Baumschösslinge und verhindern so, dass sich der Wald kontinuierlich erneuert. Auf der anderen Seite steht die Jägerschaft. Sie interessiert das Gehölz wenig, die dezimierte Rehpopulation hingegen treibt sie auf die Barrikaden. Nach deutschem Recht ist Wild herrenlos. Erst wenn ein Jäger ein Reh erlegt, hat er ein Aneignungsrecht. Frisst ihm jedoch der Wolf die Rehe und Hirsche vor der Flinte weg, erhält er im Unterschied zu Tierhaltern keine Kompensationszahlung.
Das könnte erklären, warum die öffentliche Debatte im Spätherbst 2020 über das Für und Wider, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, so vehement und scharf geführt wurde. „Es muss ein Nebeneinander von Weidetierhaltung und Wolf geben“, argumentiert Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies. „Um das sicherzustellen, braucht es Rahmensetzungen.“ So soll es künftig unkomplizierter als bisher möglich sein, sogenannte Problemwölfe zu entnehmen – im Klartext: abzuschießen –, die etwa Schutzzäune überspringen und Rinder und Pferde töten. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass sich die Situation ohne natürlichen Feind löst“, ergänzt Lies.
Nach Verabschiedung einer Verordnung des Landes Niedersachsen vom Oktober 2020 konkretisiert sich das Ansinnen, den Wolf zur „Bestandsregulierung“ ins Landesjagdrecht aufzunehmen. Anfang November 2020 verständigten sich die Regierungsfraktionen auf einen Entschließungsantrag. In einem eigenen Passus wird darin die Bundesregierung zu einem Wolfsmanagement nach französischem Vorbild angehalten: Danach sei unter anderem die Größe einer Wolfspopulation zu definieren, ab der die Erhaltung der Art gesichert ist. Damit steht im Raum, überzählige Wölfe abschießen zu können. Vor allem der Deutsche Jagdverband plädiert für einen „bundesweit einheitlichen Umgang mit dem Wolf“. Hauptargument der Jägerlobby: Durch die Änderung des Jagdrechts könne man am besten den selbst ernannten „Wolfentnahmetrupps“ in Brandenburg und Südwestdeutschland entgegentreten.
Eine generelle Bejagung des Wolfs wäre jedoch auch mit geändertem Jagdrecht nicht möglich, da der Wolf durch EU-weit geltende Regelungen streng geschützt ist. Es könnte sich aber eine Hintertür für Ausnahmeregelungen „im Umgang“ mit renitenten Tieren und bei schweren Problemlagen öffnen.
Der Goldschakal
Canis aureus scheint verträglicher zu sein. Nur drei im Jahr 2017 in Schleswig-Holstein verletzte Schafe sollen auf sein Konto gehen. Hochrechnungen der Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE) zufolge leben mittlerweile etwa 120.000 Exemplare in Europa – Tendenz: deutlich steigend. Wie sich eine stete Zunahme der Goldschakal-Population auf Weidetiere auswirkt, lässt sich nach Ansicht der Experten noch nicht abschätzen. Doch mögliche Risiken und Konflikte sollte man rechtzeitig im Blick haben, gibt Jörg Tillmann von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zu bedenken.
Der Goldschakal sieht aus wie ein etwas klein geratener, in der Abendsonne gelbrot-graubraun leuchtender Wolf. Obwohl auch er seit zwei Jahrzehnten unser Land durchstreift, finden sich seine Spuren selten. Vermutlich haben einzelne Exemplare zumindest zeitweise Fuß gefasst. Gut drei Dutzend meist unbestimmte Hinweise seit der Erstmeldung im Jahr 1999 zeigen, wie versteckt sich die Tiere bewegen.
Experten werten den Schnappschuss einer Fotofalle nahe der Grenze Bayerns zu Tschechien im Jahr 2017 und kurz danach den Fund eines auf der A9 getöteten Goldschakals als deutliche Fingerzeige, dass die Art auf Dauer zugewandert ist. „Wir können wohl in der Tat von einem Neubürger sprechen, und es dürften nach und nach mehr Tiere werden“, sagt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung.
Ursprünglich erstreckte sich das Verbreitungsgebiet des dämmerungs- und nachtaktiven Goldschakals von Südostasien über den Nahen Osten bis zur Balkanhalbinsel. Seit einigen Jahren wandert er verstärkt durch mittel- und nordeuropäische Länder wie Dänemark, Finnland, Österreich und die Niederlande, wo ebenfalls Sichtungen gemeldet wurden. Für die Ausbreitung des Goldschakals gen Westen sehen Forscher mehrere Ursachen. „Vor allem die milden Winter haben das vorangetrieben“, sagt Jörg Tillmann.
Weitere Faktoren seien eine ausreichende Bewaldung mit offenen Flächen im Gehölz durch nicht aufgeforstete Rodungen und ein strenges Jagdverbot. Denn gemäß der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union gehört der Goldschakal nicht zum jagdbaren Wild – anders als der Fuchs. Kategorisiert als „Art von gemeinschaftlichem Interesse“ sind die Mitgliedsstaaten angehalten, einen „günstigen Erhaltungszustand der Art“ zu gewährleisten, bevor über Eingriffe in die Population nachgedacht wird.
Alles in allem entsteht so ein lebensfreundliches Umfeld für den Neubürger, der in kurzer Zeit enorme Distanzen von mehreren Hundert Kilometern am Stück überbrücken kann. Häufen sich die Sichtungen und wird der Goldschakal heimisch, gilt er dennoch – anders als andere Neuankömmlinge – nicht als echte gebietsfremde Art. Denn obschon er weit außerhalb seines bisherigen Verbreitungsgebietes lebt, hat er sich die neuen Lebensräume selbst erschlossen. Spannend ist die Frage, sagt Tillmann, wie sich seine Anwesenheit auf die Ökosysteme und damit die Artenzusammensetzung und Biodiversitätsprozesse auswirkt.
Studien zu Artengemeinschaften zeigten zuletzt stets: Die Zuwanderer auf vier Pfoten sind nicht per se erfolgreich, sondern immer dann, wenn sie sich mit „dem Menschen und dessen Bedürfnissen gut arrangieren“, wie William Ripple von der Oregon State University in den USA formuliert. Weitere Merkmale anpassungsfähiger Opportunisten: Sie sind Allesfresser, und sie können die Größe und Frequenz ihrer Würfe an die Situation, also an das Nahrungsangebot und saisonale Klimaschwankungen anpassen. Das Forscherteam um Ripple hat das an den Kojoten Nordamerikas gezeigt, die sich nach weitgehender Ausrottung der dortigen Wölfe fast im gesamten Westen des Kontinents massiv ausbreiteten und die menschliche Nachbarschaft entspannt akzeptierten. Umgekehrt sind die Menschen oft weniger entspannt: Inzwischen werden die gleichermaßen schlauen wie opportunistischen Aufsteiger vielerorts als Plage angesehen, da sich die Tiere selbst dann, wenn sie gezielt bekämpft werden, kaum dezimieren beziehungsweise in Schach halten lassen.
Um mehr über die bei uns noch sehr seltenen Goldschakale und ihre bevorzugten Lebensräume zu erfahren, empfiehlt Tillmann, die Kapazitäten des sehr gut etablierten Wolfs-Monitorings zu nutzen, das gemäß der EU-Naturschutz-Richtline von Bund und Ländern aufgebaut wurde. Interessant seien Fragen wie: „Was geschieht mit dem Goldschakal, wenn sich der Wolf weiter so rasant ausbreitet?“ Eine These: Es könnte wegen zunehmender Überschneidung der Reviere eng werden für die einzige in Europa lebende Schakalart – der Wolf duldet den Nahrungskonkurrenten nicht und tötet ihn. Ein anderer Wettbewerber um die Nahrung ist der Fuchs, der dem Goldschakal aber klar unterlegen ist. Das lasse womöglich dessen Bestände hier und da schrumpfen, meint Tillmans. Und das wiederum hätte weitreichende Folgen für andere Tiere, etwa bodenbrütende Vögel.
Der Luchs
Bodenbrüter verschmäht auch der Luchs nicht – obwohl Rehe mindestens 80 Prozent seiner Nahrung ausmachen. Die sprichwörtlichen „Augen und Ohren wie ein Luchs“ helfen bei der Jagd: Wie Forscher vor Kurzem zeigten, können die Großkatzen das Rascheln einer Maus in 50 Meter Entfernung wahrnehmen. Und ein vorbeiziehendes Reh hören sie noch 500 Meter weit entfernt. Doch das wichtigste Sinnesorgan des Luchses sind die mandelförmig geschnittenen und nach vorne orientierten Augen. Sie sind etwa sechs Mal so lichtempfindlich wie die des Menschen. Das erlaubt dem Luchs die Jagd bei Dämmerung und in der Nacht.
Studien haben gezeigt, zu welchen teils überraschenden Verschiebungen es in den Bestandsgrößen der Artenzusammensetzung eines Ökosystems kommen kann, je nachdem, welche Räuber zugegen sind, hinzukommen oder wegfallen. Am Beispiel des Fuchses, der mit dem Luchs in vielen Fällen die Vorliebe für die gleiche Beute teilt, zeigt sich: Taucht der Luchs in einem Fuchsterritorium auf, nehmen die Bestände mancher Beutetiere beider Räuber anders als erwartet zu. Denn: Der Rotpelz steht selbst auf dem Speiseplan der Katze. Landet er häufiger in deren Magen, hilft das anderen Tieren, zum Beispiel dem seltenen Auerhuhn. Das findet sich zwar auch dann und wann im Maul eines Luchses wieder, weitaus häufiger aber fällt es Füchsen zum Opfer. Werden die Füchse jedoch selbst zunehmend gefressen, dann profitieren davon etliche seiner Beutetiere, wie eine Studie aus Finnland zeigt.
Forscher stießen in den vergangenen Jahren immer wieder auf solch spürbaren Veränderungen in Ökosystemen, die sich gerade auf „nachgeordnete“ Räuber einschneidender auswirkten als erwartet. Da der Mensch den Luchs wieder angesiedelt hat, ist er es letztlich, der das gesamte Ökosystem oder Biotop umkrempelt.
Gerade die Rolle der mittelgroßen Räuber lässt sich Forschern zufolge oft nur schwer einschätzen. Zwar halten sie die Bestände kleinerer Raubtiere begrenzt, zu denen hierzulande Iltis oder Marder, aber auch Wildkatze und Katze gehören. Allerdings dezimieren sie auf der anderen Seite als unmittelbare Nahrungskonkurrenten viele von deren Beutetieren, etwa bodenbrütende Vögel. Die genauen Effekte sind daher nur schwer zu greifen und schon gar nicht vollständig, da unzählige Einflussfaktoren zusammenwirken. „Das sollte der Mensch im Zuge jeglicher Artenschutzprojekte stets im Blick behalten“, sagt Tillmann. Kommt es zu einer Veränderung in der Zusammensetzung der Arten, entscheidet sich immer wieder neu, ob, wann oder wodurch der Bestand einer Art im System zu- oder abnimmt.
Auch Lynx lynx war Mitte des 19. Jahrhunderts aus unseren heimischen Wäldern verschwunden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand der Luchs generell vor dem Aussterben. Nur eine Handvoll kleinerer Populationen versteckte sich in den Wäldern Skandinaviens, im Baltikum, in den Karpaten, auf dem Balkan – allesamt von Deutschland weit entfernt. Es bedurfte daher einer „unterstützten Zuwanderung“, um ihn wieder ins Land zu holen. Doch bei den europaweit durchgeführten Wiederansiedlungsprojekten bekam der Luchs ähnlich viel Gegenwind wie der Wolf. Der Mensch tötete zahlreiche Exemplare: vergiftete oder schoss sie – ob im Bayerischen Wald, in den Vogesen oder in den Wäldern Osteuropas. Das dem Luchs zugeschriebene Gefahrenpotenzial ist jedoch deutlich kleiner als beim Wolf. Man muss zwar ebenfalls damit rechnen, dass der Luchs Weidetiere angreift, der Schaden bleibt aber begrenzt, da er anders als der Wolf nicht in einen Blutrausch gerät, sondern nur ein Beutetier reißt.
In Deutschland streifen derzeit laut Bundesamt für Naturschutz etwa 140 der scheuen Großkatzen durchs Unterholz. Sie bevorzugen geräumige, möglichst unzerteilte, struktur- und felsreiche Wälder – die Reviere umfassen bis zu 100 Quadratkilometer. Die größten heimischen Populationen leben mit gut 80 Exemplaren im Harz – dort sind alle Luchsreviere besetzt – und mit etwa 50 Tieren im Bayerischen Wald, zudem ist seit einigen Jahren eine dritte mit derzeit etwa einem guten Dutzend Tieren im Pfälzerwald im Aufbau. Vereinzelte Sichtungen gibt es im Thüringer Wald, Erzgebirge, Schwarzwald und im Grenzgebiet von Hessen und Nordrhein-Westfalen.
Zudem trifft man die Großkatze vereinzelt am Rand dieser Territorien auf der Suche nach neuen Revieren, und ein halbes Dutzend Exemplare streift in Nordhessen durch die Gehölze. Sie könnten ein wichtiges Bindeglied darstellen zwischen den Populationen im Harz und im Bayerischen Wald. Und ihnen kommt eine große Bedeutung zu mit Blick auf die Erhaltung und Ausbreitung der Art in Europa. Die Luchse sind dabei auch Nutznießer der über die Republik verstreuten, in den vergangenen Jahren für Wildkatzen angelegten Wald- und Buschkorridore.
Aus den Fehlern früherer Projekte hat man bei dem jüngsten Wiederansiedlungsvorhaben gelernt. So wurde im Pfälzerwald von Beginn an kontinuierlich um Akzeptanz in der Öffentlichkeit geworben. Man installierte ein Luchsparlament, einen Luchsstammtisch, einen Luchsmanagementplan, eine Luchsbeauftragte. Ein ganzes Luchs-für-alle-denkbaren-Zwecke-Betreuungswesen entwickelte sich. Es gibt ausführliche Empfehlungen, was Wanderer tun sollen, wenn sie einem Luchs begegnen. Kurz gesagt: eigentlich nichts. Denn es ist kein Fall bekannt, in dem ein Luchs einen Menschen angegriffen hätte. Im Gegenteil: Da der Luchs äußerst scheu ist, kann sich jeder glücklich schätzen, der mal auf einen trifft.
Begegnungen mit Menschen oder gefährlichen Konkurrenten vermeiden Luchse übrigens auch dadurch, dass sie tagsüber ruhen und in der Dämmerung oder gelegentlich nachts aktiv sind. Im Unterschied zu vielen anderen Tieren ist diese Lebensweise im Dunkeln jedoch keineswegs streng festgelegt, hat ein Forscherteam um den Wildbiologen Marco Heurig gezeigt. Die Forscher hatten den Alltag von 38 in Mitteleuropa und Skandinavien lebenden Luchsen mithilfe von GPS-Sendern begleitet. Die Daten belegen, dass die Luchse ihren Tagesverlauf erstaunlicherweise nicht nach den Lichtverhältnissen, sondern nach den Gewohnheiten ihrer wichtigsten Beutetiere gestalten. Zudem entwickelt jeder Luchs persönliche Vorlieben – die Wissenschaftler sprechen von „Frühaufstehern“ und „Nachtschwärmern“ unter den Pinselohren. Auch eine Erklärung haben sie zur Hand: Taucht der Räuber zu verschiedenen Zeiten auf, hat es die Beute schwerer, sich darauf einzustellen und auszuweichen.
Der Braunbär
Die letzte bislang bekannt gewordene Rückkehr eines Braunbären nach Deutschland im Jahr 2019 war – wie jene 13 Jahre zuvor – reiner Zufall. Auch dieses junges Männchen spazierte durch die bayerischen Alpen. Allerdings teilte der nach Weiß-Blau eingereiste Petz nicht das Schicksal seines 2006 eingewanderten Vorgängers. Denn den oft als „Bruno, der Schad- oder Problembär“ Bezeichneten hatte man erschossen und ausgestopft ins Museum gestellt, nachdem er zu oft negativ aufgefallen war.
Circa 15.000 Braunbären leben in Europa und 11.000 in Nordrussland. Von den europäischen Petzen durchstreifen nach Aussage des Bundes für Umwelt und Naturschutz etwa 8000 die Karpaten, je 2500 sind in Skandinavien und im Dinarischen Gebirge (Westbalkan) und knapp 1000 auf dem östlichen Balkan unterwegs – das sind die größten Bestände. Einzelne Exemplare finden sich darüber hinaus in den Alpen (30), den Pyrenäen (15), im Kantabrischen Gebirge (200) und auf dem Apennin (50).
Zwar erweitert Ursus arctor selbst sein bisheriges Verbreitungsgebiet stetig, zugleich laufen in ein paar Ländern aber aktiv Wiederansiedlungsprogramme: zum Beispiel in den Zentralpyrenäen und Norditalien, hierzulande allerdings nicht. In Österreich hat sich von selbst ein kleiner Bestand gebildet: Die Tiere stammen von Abspaltungen der in Slowenien und Norditalien lebenden Kleingruppen ab, aus denen einzelne Exemplare herübergewandert sind. Als Gründungspopulation für eine natürliche Wiederbesiedlung Deutschlands sind Experten zufolge vor allem die Vorkommen in den slowenischen Alpen entscheidend.
Immerhin: Für die hierzulande (noch) nicht existenten Braunbären gibt es schon einen Managementplan – eine Folge von Brunos Tod 2006. In typisch deutscher Gründlichkeit ist der Plan so ausdifferenziert wie die Pläne für die anderen großen Landräuberarten. Als übergreifendes Ziel ist formuliert: Angestrebt wird „ein konfliktarmes Miteinander von Mensch und zu- oder durchwandernden Bären“. Zudem sollen „Bären, die nach Bayern kommen, innerhalb des vorgegebenen rechtlichen Rahmens ihren Lebensraum selbst wählen dürfen.“
Doch heißt das bereits, dass in den touristisch hochfrequentierten deutschen Alpen dauerhaft Platz für Bären ist, der ihnen auch gewährt wird? Ja, lautet das Fazit einer Studie vom Deutschen Zentrum für integrierte Biodiversitätsforschung in Halle-Jena-Leipzig. Die Autoren sehen gute Chancen und großes Potenzial für europäische Braunbären in Deutschland und halten eine Wiederbesiedlung der heimischen Alpen, aber auch anderer Regionen in Europa, früher oder später für wahrscheinlich.
Braunbären benötigen Gebiete, die ihnen ausreichend Deckung versprechen und in denen sie sich nicht gestört fühlen, sagt Jon Swenson, Ko-Vorsitzender des Braunbären-Expertenteams der Internationalen Naturschutzunion IUCN. Und da sich mancherorts die Braunbären nach und nach auf eine (weitgehend) vegetarische Lebensweise umzustellen scheinen, könnten ihnen als Nahrung Beeren, Trauben, Früchte, Bucheckern und Eicheln genügen. All das bieten die Alpen in ausreichender Menge. Damit sollte den Bären ein Willkommen gewiss sein.
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