Es kommt selten vor, dass abstrakte kosmologische Theorien bis in die Popkultur vordringen. Doch Stephen Hawking hat das möglich gemacht: Der wohl berühmteste Wissenschaftler der Gegenwart hatte mehrere Gastauftritte in der amerikanischen Kult-Zeichentrickserie „The Simpsons”. In einer Episode sagt der gelbgesichtig gezeichnete Hawking zu Homer Simpson: „Deine Theorie eines ringförmigen Universums ist interessant, Homer. Ich muss sie wohl klauen.” Zwar ist Homer nicht der hellste Kopf, und der echte Hawking hat dieses Weltmodell nie verfochten. Aber vielleicht tut er das bald – und zwar nicht, weil er geistiges Eigentum gestohlen hat, sondern aus Einsicht und Überzeugung. Denn ein Ring-Universum hat beträchtliche theoretische Vorzüge und kann bestimmte Messdaten besser erklären als das gegenwärtige kosmologische Standardmodell.
Unendlich einfach – aber paradox
Die einfachste Form des Weltraums entspricht, wenn man eine Raumdimension der Übersichtlichkeit halber vernachlässigt, einer unendlichen Fläche und ist global ungekrümmt. Mit diesem topologischen Raum hat schon der griechische Philosoph Demokrit die Welt beschrieben. Seit den hochpräzisen Messungen der letzten 15 Jahre avancierte diese Variante zum kosmologischen Standardmodell. Allerdings wirft ein solches Weltmodell auch Probleme auf. So kann die Unendlichkeit zu Paradoxien führen – etwa zu unendlich vielen exakten Doppelgängern von jedem von uns. Prominente Mathematiker und Kosmologen wie David Hilbert und George Ellis meinen deshalb: Diese Art von Unendlichkeit kann es in Wirklichkeit nicht geben.
Ein weiteres Problem kommt hinzu: Wenn der Raum unendlich ist, hätte er das bereits sofort nach dem Urknall sein müssen. Doch wie kann etwas Unendliches entstehen und warum so schnell? Außerdem argumentieren einige Kosmologen: Wenn der Urknall eine zufällige Quantenfluktuation war, wie etwa Stephen Hawking annimmt, ist ein winziges Anfangsuniversum am wahrscheinlichsten – und ein unendlich großes mit womöglich unendlich viel Energie geradezu unendlich unwahrscheinlich. Die „einfachste” Form des Weltraums macht es den Kosmologen also alles andere als leicht, das Universum zu erklären. „Selbst Gott könnte ein Budget haben, das er nicht überziehen darf”, scherzt George Smoot vom Lawrence Berkeley Laboratory der University of California, der für die Entdeckung der Temperaturvariationen in der Kosmischen Hintergrundstrahlung 2006 den Physik-Nobelpreis bekam.
All diese Schwierigkeiten würden sich erübrigen, wenn der Weltraum endlich wäre. Hier hilft die kosmologische Topologie weiter: Eine euklidische, also flache Geometrie verlangt nämlich keineswegs ein unendliches Volumen, wie in den meisten Lehrbüchern zu lesen ist. Mathematisch sind auch kompakte euklidische Geometrien möglich: mehrfach verbundene endliche Räume.
EIN UNIVERSUM WIE EIN Donut
Tatsächlich könnte unser Universum eine solche Gestalt haben. Der simpelste Fall ist ein Hypertorus, ein ringförmiger Raum. Er entspricht in einer dimensionsreduzierten Analogie der Topologie eines Donuts, wobei die zweidimensionale Oberfläche des Donuts der gesamte Weltraum wäre. Unsere Vorstellungskraft versagt hier im dreidimensionalen Fall, zumal der Hypertorus keine Umgebung hat wie der Teigkringel auf dem Frühstücksteller. Was gemeint ist, lässt am ehesten der Vergleich mit dem Computerspiel Space Wars ahnen: Dort hat jeder der beiden Spieler ein Raumschiff, mit dem er Torpedos auf seinen Gegner abfeuert. Wird ein Schiff über den linken oder rechten Bildschirmrand hinaus gesteuert, taucht es am gegenüberliegenden Rand wieder auf: Zwar ist der Raum dieses Spiels horizontal unbegrenzt – es gibt keine Wand. Doch er besitzt eine endliche Ausdehnung, nämlich die des Bildschirms.
Ähnlich ist es beim Hypertorus: Wenn der Weltraum so geformt wäre, könnte man immer geradeaus fliegen und müsste dennoch zum Ausgangspunkt zurückkehren. Tatsächlich gibt es sogar unendlich viele solcher direkten Wege – im Gegensatz zum einfach verbundenen euklidischen Raum. „In drei Dimensionen erhält man leider keine anschauliche Struktur wie den Rettungsring im zweidimensionalen Fall”, sagt Ralf Aurich vom Institut für Theoretische Physik der Universität Ulm. Mit Holger Janzer, Sven Lustig und Frank Steiner hat er nachgewiesen, dass die gemessene Temperaturverteilung der Hintergrundstrahlung besser zu einem Hypertorus-Universum passt als zum aktuellen kosmologischen Standardmodell. Die Physiker konnten sogar das Volumen abschätzen, das der Weltraum dann hätte: über 1032 Kubiklichtjahre – gigantisch, aber eben nicht unendlich. „Die Daten sind also gut damit vereinbar, dass wir in einem begrenzten Universum leben, das die Form eines Hypertorus hat”, sagt Aurich.
Kubistische Welten
Noch besser zu den Messungen der Kosmischen Hintergrundstrahlung passt eine andere Ringform. Mathematiker nennen sie Half-turn Space. Dieser Raum lässt sich wie der Hypertorus konstruieren, besitzt aber zusätzlich noch eine halbe Drehung zwischen einem der drei gegenüberliegenden „ identifizierten” Seitenpaare eines Würfels (siehe Grafik „Raum mit Dreh”). „Da der Half-turn Space inhomogen ist, kann man die Beobachterposition gut an die Daten anpassen”, sagt Sven Lustig. „ Deshalb brauchen wir noch unabhängige Untersuchungen.”
Dass Räume wie der Hypertorus und der Half-turn Space flach sind, also nicht gekrümmt, demonstriert ein Torus aus Papier (siehe Grafik „Raum als Ring”): Schneidet man ihn quer durch wie eine Wurst und schneidet dann die so entstandene Papierröhre entlang ihrer Längsachse auf, erhält man ein Quadrat oder Rechteck. Eine Kugeloberfläche hingegen lässt sich nicht verzerrungsfrei in eine Ebene abwickeln. Dieses Quadrat bildet die topologische Einheitszelle, die sich aufgrund der identifizierten Kanten wie in einem Spiegelkabinett unendlich oft zu wiederholen scheint, obwohl es doch nur eine Zelle ist. „Wenn unser Universum ein Hypertorus wäre, hätte seine fundamentale Würfelzelle eine heutige Seitenlänge von etwa 55,6 Milliarden Lichtjahren”, sagt Aurich. Im Prinzip ist es in einem solchen kubistischen Universum möglich, sich gleichsam selbst auf den Hinterkopf zu schauen. Allerdings reicht das Weltalter noch nicht aus, um einmal ringsum zu blicken. Immerhin wäre das Hypertorus-Universum klein genug, damit sich unser Rundumblick quasi selbst überlappt (siehe Grafik oben „Einmal Universum und zurück”). Deshalb müssten sich – laut Voraussage der Forscher – neun Paare von Kreisen in der Hintergrundstrahlung an gegenüberliegenden Himmelsregionen abzeichnen. In den achtjährigen Messungen der Raumsonde WMAP konnten diese 53 und 32 Grad großen Kreise nicht aufgespürt werden: Zum einen verhindert die Vordergrundstrahlung der Milchstraße den Nachweis. Zum anderen ist das Auflösungsvermögen der WMAP-Teleskope zu gering. Durch die 2009 gestartete europäischen Planck-Sonde, die die Hintergrundstrahlung viel genauer vermisst, besteht aber eine gute Chance, die Kreise zu finden – falls sie existieren.
Lebensfreundliche Flachheit
Ein Hypertorus-Universum hätte eine weitreichende Bedeutung für unser Weltbild – und sogar für unsere Existenz. Viele Kosmologen betrachten einen Dichte-Parameter von ungefähr dem Wert 1 als gutes Argument für eine exakte globale Flachheit des Raums. Tatsächlich sind annähernd flache Geometrien im Gegensatz zu exakt flachen kurz nach dem Urknall extrem unwahrscheinlich – etwa 1 zu 1058. Das haben Stephen Hawking und Barry Collins schon 1973 gezeigt: Wäre das Universum nicht flach gewesen, hätte es sich völlig anders entwickelt als es der Fall war.
Ein sphärisches Universum etwa wäre längst kollabiert, ein hyperbolisches so schnell expandiert, dass sich aus der rasch verdünnten Urmaterie keine Sterne und Galaxien gebildet hätten. Somit könnte die euklidische Geometrie sogar die Voraussetzung für die Existenz der Erde sein. Warum das All so gleichförmig und euklidisch erscheint, beantworteten Hawking und Collins deshalb schlicht so: „Weil wir hier sind.”
Kosmische Aufblähung
Diese auf den ersten Blick kuriose Antwort bedeutet: Wenn das Universum nicht so homogen und flach wäre, wie es den Anschein hat, dann gäbe es uns gar nicht. Allerdings ist diese Antwort nicht befriedigend, denn woher rührt die Flachheit? Kosmologen kennen nur die Alternative: Entweder ist unser Universum im Urknall flach entstanden oder es ist kurz darauf nahezu flach geworden. Viele Kosmologen postulieren inzwischen eine Phase der exponentiellen Aufblähung des Weltraums kurz nach oder sogar vor dem Urknall. Diese sogenannte Kosmische Inflation hat das Universum riesig gemacht, sodass der von uns heute beobachtbare Ausschnitt euklidisch erscheint und winzig klein ist: sehr viel kleiner als ein flacher Sportplatz auf der kugelförmigen Erde. Das Szenario der Kosmischen Inflation kann die Flachheit des Weltraums also erklären.
Wenn aber die Inflation bei relativ geringen Energien startete, haben die Szenarien ein Problem. In diesem Fall wären die Ausgangsbedingungen für die Inflation äußerst unwahrscheinlich, wie Andrei Linde von der Stanford University gezeigt hat. Doch wenn das Universum ringförmig ist (oder kompakt und hyperbolisch), dann gibt es diese Schwierigkeit nicht, hat der renommierte Kosmologe zu seinem Erstaunen entdeckt.
Das Hypertorus-Modell könnte – laut Brett McInnes von der Universität Singapur – auch ein anderes vertracktes Problem lösen: warum die Zeit vorwärts „fließt”. Die Naturgesetze sind zwar zeitsymmetrisch, doch die kosmische Entwicklung hat, wie das Leben auf der Erde, eine eindeutige Richtung, die sich auch nicht umdreht. Vermutlich stammt der „Zeitpfeil” schon aus dem Urknall. Denn kurz danach war der Grad der Unordnung – die sogenannte Entropie – extrem niedrig, und er ist es bis heute. Warum das so ist, gehört zu den größten Fragen der Physik. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geradezu atemberaubend gering: etwa 1 zu 10 hoch 10 hoch 123 (bild der wissenschaft 1/2008, „Die mysteriöse Richtung der Zeit”).
Brett McInnes wies nach, dass die Kosmische Inflation keine irreversiblen und somit „gerichteten” Prozesse ermöglicht hat, wie andere Kosmologen hofften. „Die Inflation erschafft keinen Zeitpfeil, sondern setzt ihn voraus.” Auch die Annahme eines Multiversums aus zahllosen einzelnen Universen, die aus vielen Szenarien der Inflation folgt, hilft nicht weiter. McInnes geht zwar davon aus und hält es deshalb für wahrscheinlich, dass Universen voneinander abstammen oder sich gewissermaßen aus einem ursprünglichen Vakuum abnabeln. Er spricht hier von guten und schlechten Babys: Nur die guten starten mit einer niedrigen Entropie und somit einem Zeitpfeil. Aber warum? Hierzu hat der aus Australien stammende Physiker eine verblüffende Entdeckung gemacht: In der Mathematik gibt es genau eine Klasse von Topologien, die als kosmologisches Raumzeit-Modell eine innere Asymmetrie besitzt: den Hypertorus. Ein solcher ringförmiger Raum wäre aus geometrischen Gründen der ideale Startblock für einen Superzeitpfeil. Wenn McInnes Recht hat, könnte man die moderne Schöpfungsgeschichte so formulieren: Im Anfang war der Hypertorus.
DIE RING-PARABEL
Noch ist unklar, was dieses Ergebnis bedeutet, und ob es wirklich als Grundlage für eine Welterklärung taugt. Ein vielversprechender Ansatz ist es auf jeden Fall. Man kann sogar darüber spekulieren, ob sich Stephen Hawkings Vorschlag für eine Urknall-Erklärung, die Keine-Grenzen-Bedingung, mit einer Hypertorus-Topologie vereinbaren lässt, wie es „Die Simpsons” vormachten. Tatsächlich haben die Kosmologen Hirosi Ooguri, Cumrun Vafa und Erik Verlinde 2005 Hawkings Ansatz auf ein Modell der Stringkosmologie angewendet, das eine ringförmige Topologie besitzt.
Überhaupt postuliert die Stringtheorie – der beste Kandidat für eine Weltformel, die die Naturkräfte einheitlich beschreibt – ein topologisches Wunderland. Ihr zufolge gibt es neben den drei großen Raumdimensionen noch sechs oder sieben weitere. Diese wären kompakt oder „aufgerollt” – und somit winzig klein, im Alltag also völlig unauffällig (bild der wissenschaft 4/2004, „ Strings gegen Schleifen”). Existieren diese mikroskopischen Extradimensionen, dann wäre das ein Indiz für eine reiche, vielleicht sogar dynamische Topologie auf kleinsten Raumskalen des Quantenvakuums.
Aus diesem physikalischen Grundzustand könnte unser Universum entsprungen sein, wenn der Urknall eine zufällige Fluktuation war, die eine bestimmte Energieschwelle überstieg und so die Kosmische Inflation auslöste. Es ist denkbar, dass mit dem Urknall die heutigen drei großen Raumdimensionen „aufgewickelt” wurden. Selbst die Zeit könnte einst kreisförmig zusammengerollt gewesen sein. Diese Spekulationen zeigen, dass das Topologie-Thema keineswegs eine exotische kosmologische Nebenrolle spielt, sondern bis in die Wurzeln der Weltentstehung hineinreicht. ■
von Rüdiger Vaas
Schwarzschilds Vision
Der Astrophysiker Karl Schwarzschild war seiner Zeit weit voraus. 1900 hielt er einen Vortrag „Ueber das zulässige Krümmungsmaass des Raumes”. Er diskutierte nicht nur Möglichkeiten der nichteuklidischen Geometrie des Weltraums und deren Mes-sung, sondern auch die Topologie. Fast prophetisch sprach er von „einem geometrischen Märchenland, aber das Schöne an diesem Märchen ist, dass man nicht weiss, ob es nicht am Ende doch Wirklichkeit ist”. Erstaunlich war der Vortrag, weil Astronomen damals nicht einmal nachgewiesen hatten, dass andere Galaxien existieren. Auch die Relativitätstheorie gab es noch nicht. Die ersten exakten Lösungen davon fand Schwarzschild übrigens 1916, darunter den einfachsten Fall eines Schwarzen Lochs, dessen Halbmesser nun Schwarzschild-Radius heißt.
1900 erkannte der Münchner Forscher, „dass mit der Gültigkeit der euklidischen Geometrie keineswegs, wie das meistentheils angenommen wird, die Unendlichkeit des Raumes verbunden sein muss. Man denke sich als das Resultat einer ungeheuer erweiterten astronomischen Erfahrung, dass die ganze Welt aus unzähligen identischen Wiederholungen unseres Milchstrassensystems bestehe.” Damit hatte Schwarzschild mehrfach verbundene topologische Räume korrekt beschrieben. Er dachte dabei sogar speziell an einen Hypertorus und spekulierte, „dass in Wirklichkeit der Raum so eigenthümliche Zusammenhangsverhältnisse hat, dass wir, indem wir den betreffenden Würfel auf einer Seite verlassen, von selbst im Gradeausgehen durch die gegenüberliegende Seite wieder hereinkommen.”
KOMPAKT
· Selbst wenn der Weltraum keine Krümmung besitzt, also flach ist, kann er ein endliches Volumen haben.
· Ein kompaktes ringförmiges Universum passt gut zu den aktuellen Messdaten und könnte erklären, warum die Zeit eine Richtung hat.
Einmal Universum und zurück
Alles, was die Erde aus derselben Entfernung im All erreicht, bildet gleichsam eine Kugelfläche um sie herum. Falls diese Kugel größer ist als das Universum, muss sie sich selbst überschneiden (links), vorausgesetzt der Weltraum ist topologisch „mehrfach verbunden”. So entsteht ein kreisförmiges Band. Es besteht aus dem, was wir zweimal von gegenüberliegenden Himmelsseiten sehen würden. Der Effekt ist derselbe wie bei einer Kreisfläche, die um einen Stab gewickelt ist (rechts). Kosmologen suchen nach solchen Kreisbändern in der Kosmischen Hintergrundstrahlung. Dieses „ erste Licht” entstand 380 000 Jahre nach dem Urknall, als der Weltraum sich so weit abgekühlt hatte, dass er durchsichtig wurde. Die Strahlung besitzt ein charakteristisches „ Fleckenmuster” winziger Temperaturvariationen. Wenn entlang bestimmter Kreisbänder dieselben Variationen entdeckt würden, wäre erwiesen, dass der Weltraum gleichsam in sich selbst zurückläuft. Anhand der Zahl, Größe und Lage der Kreise ließe sich die Topologie des Alls bestimmen.
Signaturen des Alls UND DIE VERMESSUNG DER WELT
Die winzigen Temperaturunterschiede in der über den ganzen Himmel verteilten Kosmischen Hintergrundstrahlung gleichen einem Steckbrief des Universums, der dessen Zusammensetzung, Alter und vieles mehr enthält – auch dessen Geometrie und Topologie. Um die Temperaturmuster zu analysieren, beschreiben Kosmologen die Größe und Häufigkeit der etwas kühleren und wärmeren Flecken als Temperaturkorrelation (links) oder Winkelleistungsspektrum (rechts). Beides wird in der unanschaulichen Einheit Mikrokelvin im Quadrat (µK²) angegeben und abhängig von dem sogenannten Separationswinkel oder den Multipolen aufgetragen. Die Multipole charakterisieren typische Winkelabstände am Himmel: 2 entspricht dem Quadrupol (90 Grad), 3 dem Oktupol (60 Grad) und so weiter – je größer die Zahl, desto kleiner die Winkel. Die Messwerte hat die Raumsonde WMAP in sieben Jahren gewonnen. Sie lassen sich für große Multipol-Zahlen sehr gut mit dem kosmologischen LCDM-Standardmodell beschreiben. Es postuliert einen einfachen euklidischen („flachen”) Weltraum, der überwiegend von Dunkler Energie (L) und Kalter Dunkler Materie (CDM) ausgefüllt ist. Bei großen Separationswinkeln und kleinen Multipol-Zahlen stimmen die Daten aber nicht gut mit dem Modell überein, sie haben zu wenig „ Leistung”. Besser damit vereinbar sind bestimmte exotische Topologien. Für einen ungekrümmten (euklidischen) Raum ist das besonders das Hypertorus-Modell, wonach der Weltraum eine ringförmige Gestalt hat. Ähnlich gut passt der Half-turn Space, ein dreidimensionaler „Ring” mit Drehung (siehe Grafik „Raum mit Dreh”). Auch manche sphärische und hyperbolische Modelle beschreiben die Daten besser. Die farbigen Bänder in der Grafik markieren die Kosmische Varianz (hellblau vom Standardmodell, orangefarben vom Hypertorus-Modell – jeweils 1-Sigma-Standardabweichung). Die Kosmologische Variante kennzeichnet die prinzipielle Unsicherheit kosmologischer Modelle, weil man die Materieverteilung kurz nach dem Urknall nicht kennt.
Raum mit Dreh
Ein Hypertorus-Universum (links) ist kompakt: Würde ein Raumschiff immer geradeaus fliegen, käme es an seinen Ausgangspunkt zurück. Die „mehrfach verbundene” Topologie lässt sich so veranschaulichen: Wenn das Raumschiff gleichsam durch eine Seite der würfelförmigen „Elementarzelle” fliegt, kommt es auf der gegenüberliegenden Seite wieder herein, denn in dieser Topologie sind beide Seiten identisch. Der Half-turn Space (rechts) gleicht dem Hypertorus, nur würde ein Raumschiff, das eine Seite verlässt, auf der gegenüberliegenden Seite um 180 Grad gedreht auftauchen.
Raum als Ring
Da wir nur eine eingeschränkte Vorstellung von drei Dimensionen haben und den Weltraum auch nicht „von außen” betrachten können, lässt sich ein ringförmiges Universum nur sehr unvollkommen veranschaulichen – obwohl es vielleicht die Welt ist, in der wir leben. Ein solcher euklidischer 3-Torus oder Hypertorus ist gleichwohl der einfachste der „mehrfach zusammenhängenden flachen Räume”. Eine Verständnishilfe bietet der um eine Dimension reduzierte euklidische 2-Torus. Diese zweidimensionale Ringwelt besteht aus einem Quadrat, dessen gegenüberliegende Seiten miteinander „identifiziert” sind (1). Das heißt: Alles, was über einen Seitenrand hinausläuft, kehrt von der gegenüberliegenden Seite ins Quadrat zurück (roter und weißer Pfeil). Eine solche topologisch verbundene Fläche passt nicht in unseren Alltagsraum, kann aber durch Verbiegen und Verkleben veranschaulicht werden: Man rollt die Fläche so zusammen, dass sich ihre obere und untere Kante berühren (2) und biegt dann den Zylinder zu einem Ring (3). Diese Ringwelt ist endlich, aber unbegrenzt. Ein Beobachter in der roten Galaxie könnte nirgends einen Rand erkennen. Allerdings würde ihn das Licht von der grünen Galaxie auf vielen verschiedenen Wegen erreichen (3, 4: farbige Pfeile). Wenn der Ring klein genug ist, könnte ein Astronom dort im Prinzip die grüne Galaxie wie in einem Spiegelkabinett mehrfach sehen – und ebenso seine eigene.
LESEN
bild der wissenschaft berichtete schon mehrfach über die Hintergrundstrahlung und Geometrie des Weltraums: 6/1999, 6/2001, 12/2001, 8/2003, 10/2004, 8/2006, 1/2008, 4/2010, 10/2010, 11/2010
Kosmische Topologie verständlich erklärt von einem führenden Experten: Jean-Pierre Luminet THE WRAPAROUND UNIVERSE AK Peters, Wellesley 2008, € 28,99
Wissenschaftliche Analyse sphärischer Weltraum-Topologien: Sven Lustig MEHRFACH ZUSAMMENHÄNGENDE SPHÄRISCHE RAUMFORMEN UND IHRE AUSWIRKUNG AUF DIE KOSMISCHE MIKROWELLENHINTERGRUNDSTRAHLUNG Dr. Hut, München 2007, € 75,–
INTERNET
Kosmologische Forschung an der Universität Ulm: www.uni-ulm.de/nawi/nawi-theophys/frank-steiners-group.html
Brillante Topologie-Seite von Jeffrey Weeks: geometrygames.org/





