Klar ist: Die Wiege der Menschheit stand in Afrika. Sowohl genetische Daten heute lebender Menschen als auch Fossilien weisen auf einen afrikanischen Ursprung des Homo sapiens hin. Die ältesten bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien aus Äthiopien: Die Fundstelle Omo Kibish ist 195.000 Jahre alt, Herto wird auf 160.000 Jahre datiert. Die meisten Forscher gingen deshalb davon aus, dass alle heute lebenden Menschen von einer Population abstammen, die vor etwa 200.000 Jahren in Ostafrika lebte. Von dort aus, so die gängige Lehrmeinung, zogen unsere Vorfahren zunächst in den Nahen Osten – davon zeugen Funde von rund 100.000 Jahre alten anatomisch modernen Menschen in Israel. Unklar blieb allerdings bisher, wie sich der Homo sapiens vorher innerhalb Afrikas verbreitet hat und ob er wirklich zuerst in Ostafrika entstanden ist. “Der genaue Ort und die Zeit der Entstehung des Homo sapiens bleiben im Dunkeln, weil es kaum Fossilien gibt und das Alter vieler Funde nicht genau bestimmt werden kann”, erklären Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen.
Viel älter als gedacht
Dies galt bisher auch für Fossilienfunde aus dem Jebel Irhoud-Massiv in Marokko. Hier hatten Forscher bereits in den 1960er Jahren menschliche Fossilien entdeckt, darunter einen fast vollständigen Schädel und mehrere Kieferknochen. Auch Steinwerkzeuge und Tierknochen wurden bei den Ausgrabungen gefunden. Weil damals die Fossilien von der Fundstelle entfernt wurden, ohne ihre genaue Lage zu dokumentieren, blieben ihre Zuordnung und ihr Alter unklar. Spätere Datierungen kamen auf 40.000 oder aber 160.000 Jahre. Jetzt jedoch haben Anthropologen bei erneuten Ausgrabungen in Jebel Irhoud weitere Menschenfossilien entdeckt. Die neuen Funde umfassen die versteinerten Knochen von Schädeln, Unterkiefern, Zähnen, und Langknochen von mindestens fünf Individuen. Gleichzeitig konnten Hublin und seine Kollegen nun erstmals die genaue Schichtenabfolge am Fundort und die Lage der Fossilien dokumentieren.
Die Wissenschaftler konnten die neuentdeckten Überreste mithilfe zweier verschiedener Methoden datieren. Mit der sogenannten Thermolumineszenzmethode bestimmten sie das Alter erhitzter Feuersteine aus den archäologischen Fundschichten. Darüber hinaus ermittelte das Team das Alter eines in den 1960-er Jahren gefundenen Unterkiefers aus Jebel Irhoud erneut mit Hilfe einer neu kalibrierten Uran-Thorium-Datierung. “Für die genaue Altersbestimmung in Jebel Irhoud haben wir die modernsten Datierungsmethoden und die konservativste Berechnung eingesetzt”, erläutert Daniel Richter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Datierungen leitete. Das Ergebnis: Sowohl die Steinwerkzeuge als auch der Kieferknochen sind mindestens 280.000 Jahre, wahrscheinlich sogar rund 300.000 Jahre alt. “Das macht Jebel Irhoud zum ältesten und reichhaltigsten Fundstätte des steinzeitlichen Homo sapiens in Afrika”, konstatieren die Forscher.





