Der Homo florensiensis war nur etwa einen Meter groß und hatte im Vergleich zu anderen Frühmenschen ein kleines Gehirn. Dennoch galt dieser bis vor rund 50.000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores vorkommende „Hobbit“-Mensch als erstaunlich weit entwickelt. Da Skelettreste und Steinwerkzeuge des Homo floresiensis zusammen mit Knochen von Stegodonten – einer ausgestorbenen Art von Rüsseltieren – gefunden wurden, glaubte man, die „Hobbits“ hätten bereits Großwild erlegt. Einige kleinere Tierreste an der Fundstelle wurden zudem als verkohlt beschrieben und als Hinweis darauf interpretiert, dass Homo floresiensis bereits das Feuer für sich nutzte.
Fütterungsexperiment mit Komodowaranen
„Die Jagd auf Großwild und der Umgang mit Feuer werden im Allgemeinen mit Hominiden mit großem Gehirn in Verbindung gebracht, etwa mit Neandertalern und modernen Menschen“, erklärt ein Team um Grace Veatch vom National Museum of Natural History in Washington. „Deshalb war und ist die Zuordnung dieser Verhaltensweisen zu Homo floresiensis besonders unerwartet.“ Doch wie Veatch und ihr Team nun festgestellt haben, wurden die fossilen Hinweise bislang wahrscheinlich falsch interpretiert.
Um zu überprüfen, ob der Homo floresiensis die Stegodonten tatsächlich selbst gejagt hat, analysierten die Forschenden detailliert die Spuren auf den Knochen. Die einzigen anderen Lebewesen auf Flores, die zur Zeit des Homo floresiensis einen Stegodon hätten erlegen können, waren Komodowarane. Aber wie sehen Knochen aus, nachdem ein Komodowaran mit ihnen fertig ist? Um das herauszufinden, fütterten die Forschenden Komodowarane im Zoo von Atlanta mit getöteten Ziegen und dokumentierten anschließend die Bissspuren an den Knochen. Diese Ergebnisse glichen sie mit den Spuren an den fossilen Stegodon-Knochen ab.
Kadaverreste statt Großwildjagd
Und tatsächlich: An den besten, fleischreichsten Stellen der Stegodonten, etwa an den Oberschenkelknochen, fanden die Forschenden vor allem Bissabdrücke von Komodowaranen. Schnittspuren von Steinwerkzeugen der Hobbit-Menschen tauchten dagegen in Bereichen auf, die für die Komodowarane weniger attraktiv waren, beispielsweise an der Wirbelsäule. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Komodowarane den primären Zugang zur Beute hatten und nur Teile von geringem Nutzen für den Homo floresiensis zum Aasverzehr zurückließen“, so die Forschenden. Demnach waren es wahrscheinlich die Komodowarane, die die Stegodonten erlegten, während die Frühmenschen lediglich die Reste nutzten.

Die Schnittspuren von Werkzeugen des Homo floresiensis (links) unterscheiden sich bei genauer Analyse von den Bissabdrücken der Komodowarane (rechts). — © Grace Veatch et al./ Science Advances, CC-by 4.0
Auch was den Gebrauch von Feuer angeht, widersprechen Veatch und ihre Kollegen früheren Annahmen. „Wir fanden keine Anzeichen für die absichtliche Nutzung von Feuer“, berichten sie. Verkohlte Tierreste stammen demnach aus stratigraphisch jüngeren Schichten und sind anatomisch modernen Menschen zuzuordnen, die später an der gleichen Stelle lebten. Einige Tierknochen aus der Schicht des Homo floresiensis sind zwar ebenfalls schwarz, doch die Analysen ergaben, dass diese Färbung nicht auf Brandschäden zurückgeht, sondern auf Manganoxide im Boden. Homo floresiensis verzehrte das erbeutete Fleisch demnach wahrscheinlich roh.
Die neuen Ergebnisse legen nahe, dass Homo floresiensis wichtige Meilensteine in der frühmenschlichen Evolution – die koordinierte Jagd auf Großwild und die Nutzung von Feuer – doch noch nicht erreicht hatte. Damit gerät das Bild des hochentwickelten Frühmenschen-Winzlings ins Wanken.
Quelle: Grace Veatch (National Museum of Natural History, Washington, DC, USA) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aeb7219





