Das Haus Habsburg stellte eine ganze Reihe von Kaisern, zahlreiche Könige von Spanien, Portugal und Österreich und herrschte ab dem 15. Jahrhundert über halb Europa. Ein markantes Merkmal vieler Angehöriger dieser Familie war ein auffallend vorstehender Unterkiefer. “Die Mitglieder dieser Dynastie zeigten jedoch noch andere charakteristische Zeichen einer Gesichtsfehlbildung, darunter eine ausgestülpte Unterlippe, auch bekannt als ‘Habsburger Lippe’, sowie eine Nase mit Höcker und herabhängender Spitze, auch bekannt als ‘Habsburger Nase'”, erklären Roman Vilas von der Universität von Santiago de Compostela und seine Kollegen. Auf Portraits unter anderem des Kaisers Maximilian I., der spanischen Könige Philip IV. und Karl I., aber auch der Habsburgerin Margarete von Österreich sind diese Merkmale deutlich zu erkennen.
Inzucht oder ein dominantes Gen?
Die große Frage ist jedoch, warum sich diese Gesichtszüge so lange und ausgeprägt in dieser Familie halten konnten. Zwar vermutete man schon früh, dass die damals weit verbreitet Heirat unter Verwandten ein Grund für die Weitergabe dieses Merkmal sein könnte. Eindeutig belegen ließ sich dies jedoch nicht, wie Vilas und seine Kollegen erklären. Denn eine solche Inzucht fördert vor allem dann das wiederkehrende Auftreten bestimmter Merkmale, wenn die zugrundeliegenden Gene rezessiv sind. Das bedeutet, dass sich das Merkmal nur dann ausprägt, wenn ein Kind von beiden Elternteilen die auslösende Genvariante erbt. Sind beide Elternteile miteinander verwandt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass beide diese Genvariante tragen und sie an ihre Nachkommen weitergeben. Anders ist dies jedoch, wenn das auslösende Gen dominant ist. Dann reicht es schon, wenn der Nachwuchs diese Genvariante nur von einem Elternteil erhält. In diesem Fall kann ein Merkmal in Familien gehäuft auftreten, ohne dass Inzucht im Spiel sein muss.
“Obwohl der vorstehende Unterkiefer eines der am besten bekannten Beispiele für ein vererbtes Gesichtsmerkmal beim Menschen ist, bleibt seine genetische Basis weitgehend unklar”, erklären die Forscher. Ob die Habsburger Lippe auf rezessive oder dominante Gene zurückgeht, ist daher umstritten. An diesem Punkt setzt nun die Studie von Vilas und seinem Team an. Sie haben mithilfe von 66 Porträts von 15 Männer und Frauen aus dem Habsburger-Clan zunächst ermittelt, bei wem die typischen Gesichtszüge am stärksten ausgeprägt waren. Die Einstufung überließen sie dabei zehn erfahrenen Gesichtschirurgen, die die Merkmale nach 18 Kriterien begutachteten. Anschließend untersuchten die Forscher anhand der Familienstammbäume, ob der Verwandtschaftsgrad und die Abstammung auf einen dominanten Erbgang oder aber einen durch Inzucht geförderten rezessiven Erbgang schließen lassen.





