Bereits vor rund 650.000 Jahren lebten die ersten Auerochsen in Europa. Steinzeitliche Höhlenmalereien geben Einblicke in die lange gemeinsame Geschichte von Mensch und Auerochse, die von der Bejagung bis zur Domestizierung führte. Vor etwa 400 Jahren starben die letzten Exemplare dieser urtümlichen Wiederkäuer aus. Heute leben nur noch Nachzüchtungen dieser einst weit verbreiten Urzeit-Rinder. Die Nachkommen der Auerochsen, die Hausrinder, liefern uns Menschen seit Jahrtausenden Milch, Fleisch und Arbeitskraft. Heute machen sie ein Drittel der gesamten Säugetierbiomasse unseres Planeten aus. Die Entwicklungsgeschichte der Auerochsen bis hin zu den Hausrindern war allerdings bislang noch unklar.
Unterschiedliche Abstammungslinien
Ein Team um Conor Rossi vom Trinity College Dublin in Irland hat nun mit Hilfe alter Auerochsen-DNA die komplexe Abstammung dieser Urzeit-Rinder in Eurasien rekonstruiert. „Wir haben 38 alte Genome analysiert und dabei vier verschiedene Abstammungslinien gefunden – eine europäische, eine südwestasiatische, eine nordasiatische und eine südasiatische –, von denen jede eine dynamische Entwicklung aufweist, die auf Veränderungen des Klimas und des menschlichen Einflusses reagiert hat“, berichtet das Forschungsteam. Die Fundorte der untersuchten Individuen reichen von Sibirien bis nach Großbritannien. Die ältesten analysierten Auerochsen-Genome sind rund 47.000 Jahre alt, die jüngsten etwa 4000 Jahre.
„Durch die Sequenzierung der alten DNA haben wir einen detaillierten Einblick in die Vielfalt der einst in freier Wildbahn lebenden Auerochsen gewonnen und unser Verständnis der Hausrinder verbessert“, sagt Rossi. Die Ergebnisse zeigen, wie Klimaveränderungen die verschiedenen Populationen beeinflusst haben. So trennte der Beginn der letzten Eiszeit vor etwa 100.000 Jahren die europäischen von den nordasiatischen Auerochsen. Die europäische Population zig sich nach Südeuropa zurück und schrumpfte so weit, dass die genetische Vielfalt deutlich sank. Erst als sich das Klima gegen Ende der Eiszeit wieder erwärmte, breiteten sich die europäischen Auerochsen wieder aus und vermischten sich erneut mit Individuen aus der nordasiatischen Population.
Schwierige Domestizierung
Ein Vergleich mit den Genomen moderner Rinder eröffnet zudem neue Einblicke in die Domestizierungsgeschichte. Als Rossi und sein Team die mitochondriale DNA analysierten, die nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, stellten sie fest, dass die heutigen Hausrinder wahrscheinlich auf eine kleine Anzahl weiblicher Auerochsen zurückgehen, die alle aus der südwestasiatischen Population stammten. Das legt nahe, dass es erst den Menschen dieser Region gelang, die wilden Auerochsen zu zähmen und gezielt zu züchten.





