Bei Menschen, die von Gicht betroffen sind, sammelt sich im Blut zu viel Harnsäure an – entweder, weil ihr Körper zu viel Harnsäure produziert oder weil er zu wenig ausscheidet. Die überschüssige Harnsäure, auch Urat genannt, lagert sich in Form von Kristallen ab, insbesondere in den Gelenken. Dort reagiert das Immunsystem auf die Kristalle und löst eine schmerzhafte Entzündung aus. Frühere Studien haben bereits zahlreiche Gicht-Gene aufgedeckt, die unter anderem für einen erhöhten Uratspiegel im Blut sorgen. Ob es noch weitere Gene gibt und welche Mechanismen die Entzündungsreaktion auslösen, war bislang allerdings noch unzureichend erforscht.
Gene offenbaren Immunsystem als wichtiger Faktor
Ein Team um Tanya Major von der University of Otago in Neuseeland hat sich nun mit einer genomweiten Assoziationsstudie auf Spurensuche begeben. Die Forschenden analysierten die genetischen Informationen von 2,6 Millionen Menschen, die Daten zu ihrem Genom und ihrer Gesundheit für die Forschung zur Verfügung stellten. Dabei verglichen Major und ihr Team die Genome von Menschen mit und ohne Gicht, um Genvarianten zu finden, die potenziell mit der Krankheit in Zusammenhang stehen.
„Nicht alle Menschen mit erhöhten Uratwerten entwickeln Gicht“, erklärt das Forschungsteam. „Viele weisen zwar Kristallablagerungen auf, haben aber keine Gichtsymptome.“ Den Forschenden zufolge deutet das darauf hin, dass andere Faktoren an der Entwicklung einer symptomatischen Gicht beteiligt sein müssen. Tatsächlich stießen die Forschenden auf 149 Abschnitte im Genom, die sich bei Menschen mit und ohne Gicht unterschieden und die zuvor noch nicht mit der Erkrankung in Verbindung gebracht worden waren. Viele der entdeckten Variationen betrafen die Regulation des Immunsystems. Sie hängen also wahrscheinlich damit zusammen, ob das Immunsystem als Reaktion auf die abgelagerten Uratkristalle eine Entzündung auslöst oder nicht.
Hinweise auf neue Signalwege und Ansatzpunkte bei Gicht
Die Ergebnisse belegen: „Gicht ist eine chronische Krankheit, die genetisch bedingt ist und an der die Betroffenen keine Schuld tragen – der Mythos, dass Gicht durch den Lebensstil oder die Ernährung verursacht wird, muss ausgeräumt werden“, sagt Majors Kollege Tony Merriman. Dieser Mythos führe dazu, dass sich Gichtkranke schämen und nicht zum Arzt gehen. „Die Menschen müssen verstehen, dass zwar bestimmte Ernährungsfaktoren, wie der Verzehr von rotem Fleisch, Gichtanfälle auslösen können, die grundlegende Ursache jedoch hohe Uratwerte, Kristalle in den Gelenken und ein Immunsystem sind, das die Kristalle attackiert. Bei all diesen Prozessen spielt die Genetik eine wichtige Rolle“, so Merriman.
Die neu identifizierten Gene und das Wissen um ihre Rolle in der Immunregulation könnten nun auch neue Ansätze für die Behandlung von Gichtanfällen liefern. Bisher erhalten Gicht-Patienten vor allem Medikamente, die den Harnsäurespiegel im Blut senken und Kristalle verhindern sollen. Die Studie deutet nun unter anderem darauf hin, dass der Rezeptor des Signalmoleküls Interleukin-6, auf den bereits Medikamente gegen andere immunbedingte Krankheiten zielen, auch eine Rolle für Gichtanfälle spielen könnte. „Wir hoffen, dass mit der Zeit bessere und leichter zugängliche Behandlungen mit den von uns identifizierten neuen Zielen zur Verfügung stehen werden“, sagt Merriman.





