Erst frass sie Anfang der Achtzigerjahre das Schwarze Meer kahl. Dann fiel sie ins Kaspische Meer ein und raubte dort die Lebensgrundlage der einheimischen Fischer – nachzulesen in der Mai-Ausgabe 2002 von bild der wissenschaft. Jetzt hat die gefräßige Rippenqualle Mnemiopsis leidyi – zu deutsch Seewalnuss – die deutsche Küste erreicht. Im Oktober letzten Jahres fanden Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften/IFM-GEOMAR die ersten Tiere in der Kieler Förde. Inzwischen frisst sich der aggressive Einwanderer, der vermutlich in den Ballastwassertanks großer Frachtschiffe von der US-Ostküste eingeschleppt wurde, durch die Ost- und Nordsee.
„Wir fanden in den Spitzenzeiten bis zu 100 Exemplare pro Kubikmeter Wasser”, berichtet Ulrich Sommer, Professor für Biologische Ozeanographie an dem Kieler Institut. Dies entspricht bereits mehr als einem Drittel der Maximaldichte, die damals im Schwarzen Meer gemessen wurde. Ob Zooplankton, Fischeier oder Fischlarven: Die Seewalnuss vertilgt alles, was kleiner als einen Zentimeter ist – damit frisst sie den Fischen nicht nur die Nahrung, sondern auch den Nachwuchs weg. Nun befürchten die Forscher, dass in Nord- und Ostsee bevorsteht, was die Menschen am Schwarzen und am Kaspischen Meer erlebt haben: „Im schlimmsten Fall stellt sich das Nahrungsnetz des Ökosystems komplett um, und der Großteil der biologischen Produktion endet nicht mehr in den Fischen, sondern in der Rippenqualle”, warnt Sommer.
Die Anrainer-Staaten des Kaspischen Meeres wollen die seit acht Jahren andauernde Mnemiopsis-Plage jetzt biologisch in den Griff bekommen: Ein natürlicher Fressfeind der Seewalnuss – die Seemelone (Beroe ovata), ebenfalls eine Qualle – soll dort angesiedelt werden. Im Schwarzen Meer hatte die Seemelone den Problemfall lösen können: Ebenfalls zufällig durch Schiffe eingeführt, räumte Beroe dermaßen unter den Seewalnüssen auf, dass die Fischerei am Schwarzen Meer inzwischen wieder die Fangquoten vor der Mnemiopsis-Invasion erreicht hat.
Im Herbst 2001 unternahmen iranische Wissenschaftler erste Experimente mit Beroe, um herauszufinden, ob die Qualle im Kaspischen Meer überleben kann. Denn sie liebt Wärme und benötigt eigentlich einen deutlich höheren Salzgehalt als dort. Doch obwohl die Versuche sehr vielversprechend verliefen, blieb es bisher bei den Plänen. Sommers Doktorandin Jamileh Javidpour weiß von befreundeten Forschern aus ihrer iranischen Heimat, dass die Quallenplage im Kaspischen Meer inzwischen nicht mehr so groß ist. Doch der Fischfang, heißt es, ist noch immer weit von dem entfernt, was vor dem Eindringen der Seewalnuss in das Ökosystem normal war.
Vor der deutschen Küste finden die Meeresforscher derzeit (bei Redaktionsschluss Ende Mai) bei ihren regelmäßigen Wasserproben ein Exemplar pro Kubikmeter: „Winterruhe”, kommentiert Ulrich Sommer. Die Quallen haben sich in mehr als zehn Meter Tiefe zurückgezogen, wo das Wasser etwas wärmer und salzhaltiger ist. Die Ruhe vor dem Sturm? Sommer vermutet, dass sich die Seewalnuss stark vermehren wird, sobald die Wassertemperaturen auf sommerliche Werte klettern.
Von Plänen, wie sie seit Jahren für das Kaspische Meer geschmiedet werden, erhofft Sommer sich für die beiden nördlichen Meere nicht viel. „Für Beroe ist die Ostsee zu salzarm”, erklärt er. Die Nordsee ist salzhaltiger. Deshalb gibt es dort auch zwei Beroe-Arten, die künftig bei der Kontrolle der Seewalnuss eine Rolle spielen könnten. Doch am wichtigsten, betont Sommer, ist es, die Ausbreitung der mörderischen Qualle von Anfang an genau zu beobachten. Ein koordiniertes Forschungsprogramm der Anrainer-Staaten Deutschland, Norwegen, Schweden und Holland ist geplant, um herauszufinden, wie man den Eindringling rasch wieder los wird. Nadine Eckert ■





