In der Ostsee versenkte chemische Waffen: Keiner fühlt sich zuständig, die Natur ist überfordert, es klemmt bei der Entgiftung.
Für die Deutsche Bundeswehr ist die Debatte um die Kriegsaltlasten kein Thema: „Wir haben schließlich nie chemische Waffen besessen und sind somit auch nicht für die Hinterlassenschaften auf dem Meeresgrund verantwortlich”, erklärt Oberstleutnant Gerhard Bahr, Sprecher für Rüstungskontrolle. Formal ist das richtig: Die schätzungsweise 50000 bis 200000 Tonnen giftiger Kampfstoffe, die nach den beiden Weltkriegen in der Ostsee versenkt wurden, gehörten größtenteils der Reichswehr oder der Wehrmacht. Trotzdem drängt der niederländische Wissenschaftler Egbert Duursma von der Heineken-Umweltstiftung in Amsterdam zu internationalen Maßnahmen. „Da unten tickt eine Zeitbombe, gegen die dringend etwas unternommen werden muß”, mahnt Duursma. Besonders prekär: Die lange Zeit anerkannte Meinung, das Giftgas würde vom Meerwasser entsorgt, ist nur bedingt richtig.
Größter Problemfall: das Senfgas – eine Substanz, die Haut und Schleimhaut zerfrißt. Normalerweise zerfällt die Chemikalie in harmlose Bestandteile, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommt. Wenn das Gift jedoch plötzlich und in großen Mengen austritt, passiert etwas anderes: Sie polymerisiert in der kalten See zu einer gallertartigen Masse und verkrustet dann zu plastikartigen Päckchen mit giftigem Inhalt. „Die können jahrelang umhertreiben, bevor Wind und Wellen sie schließlich zerstören”, erklärt Duursma, „oder bis jemand zufällig Bekanntschaft mit ihnen macht.”
Dänische Fischer können von solchen Begegnungen berichten. Seit 1985 wurden mehr als 350 Fälle gemeldet, bei denen neben chemischer Munition auch die giftigen „Plastikpäckchen” ins Netz gegangen waren. Manchem Fischer verätzten sie Haut oder Augen. Den Seemännern drohen zudem Langzeitschäden – vor allem Krebs. In den US-amerikanischen Sandia Laboratories und dem Marburger Büro für Altlastenerkundung und Umweltforschung (BFAU) entwickeln Forscher derzeit neue Methoden, um alte Kampfstoffe loszuwerden: Anstatt – wie bisher – das Gift in Spezialanlagen zu verbrennen, wollen sie es noch auf dem Schiff mit chemischen Schäumen oder biochemischen Tricks vernichten.
Der Deconschaum 100 von Sandia macht aus Senfgas in wenigen Minuten harmlose Schwefelverbindungen. Zudem ist er umweltverträglich und billig. Die Wirkstoffe des Schaums findet man auch in Haarwasser, Zahnpasta und Waschmittel – sie kosten nur 60 Pfennige pro Kilogramm. Die Marburger Forscher dagegen wollen Arsen-haltige Kampfstoffe wie Clark I und II nicht chemisch, sondern enzymatisch vernichten: Ihr Katalysator knackt die Giftmoleküle auf biologischem Weg.
Der Vorteil beider Methoden: Das Gift muß nicht über weite Strecken transportiert und bis zur Verbrennung gelagert werden. Dabei helfen mobile Laborgeräte und Sicherheitscontainer, die extra für Einsätze außerhalb der Lagerstätten entwickelt wurden. Alle Schritte, ob Analyse, Entschärfung oder Entgiftung, können sofort am Fundort stattfinden. Duursma sieht diese Bemühungen dennoch skeptisch. Er fürchtet, daß die neuen Verfahren meist schon beim ersten Schritt scheitern werden: „Das Salzwasser hat den Kriegsschrott auf dem Meeresgrund so angefressen, daß die Granaten eine Bergung niemals überstehen würden.” Sein Gegenvorschlag lautet, die Lagerstätten auf dem Grund der Ostsee lieber unter reichlich Kies und Sand zu begraben.
Thomas Niemann





