Wie es prinzipiell zu solch bizarr anmutenden Fragen kommen kann, illustriert sehr schön ein Beispiel aus der jüngeren Frosch-Forschung: Aus durchaus plausiblen Gründen, die hier im Detail jedoch keine Rolle spielen sollen, hatte ein Biologenteam geprüft, ob ein bestimmtes mobiles DNA-Element, das man aus einer ganzen Reihe von Säugetier-Genomen kannte, auch im Erbgut von Fröschen herumspringt. Konkret handelt es sich bei diesem springenden Element um ein Mitglied aus der Familie der Retrotransposonen, das auf den Namen Bovine-B (Bov-B) getauft war. Und weil es auf der Insel Madagaskar besonders viele Froscharten gibt, waren die Forschenden für ihre Studie extra dorthin gereist. Der Lohn für ihre Bemühungen: Sie entdeckten Bovine-B-DNA im Erbgut nahezu aller auf Madagaskar eingesammelten Froscharten.
Das Bovine-B-Element war – wie der Name vermuten lässt – zuallererst im Erbgut von Hausrindern aufgespürt worden. Im Nachhinein wundert das kaum, denn später stellte sich heraus, dass deren Genome von Bovine-B-Sequenzen geradezu übersät sind: Die abertausendfach vervielfältigten Kopien des mobilen DNA-Elements machen in einigen Fällen mehr als 18 Prozent der gesamten Rinder-Genomsequenz aus. In manchen Exemplaren der Madagaskar-Frösche, so die neuen Ergebnisse, nahmen sie immerhin ein halbes Prozent von deren Erbgut in Anspruch.
Elf Jahre nach der Entdeckung im Rindergenom hatten zwei slowenische Forscher nach weiteren Analysen den überraschenden Befund publiziert, dass die Vorfahren der Rinder sich die Bovine-B-Retrotransposonen offenbar vor Jahrmillionen über horizontalen Gentransfer aus Schlangen eingefangen hatten.
Von Schlangen zu Fröschen
Das wusste natürlich auch das Frosch-Team, weshalb es umgehend Schlangen als evolutionäre Bovine-B-Lieferanten für die Madagaskar-Frösche verdächtigte. Also machten sich die Forschenden daran, die Bovine-B-Sequenzen etlicher Reptilien- und Amphibienarten miteinander zu vergleichen – und kamen mit dem resultierenden molekularen Stammbaum zu dem Ergebnis, dass die Bovine-B-Exemplare der madegassischen Frösche in der Tat am engsten mit denjenigen von madegassischen Schlangen verwandt sind. Und die Analyse offenbarte noch etwas: Die Frosch-Ahnen erwarben die Retrotransposonen tatsächlich durch horizontalen Gentransfer aus den Vorfahren der Schlangen – und zwar nicht nur einmal, sondern sukzessiv in über fünfzig Transferereignissen, die in den letzten 85 Millionen Jahren immer wieder unabhängig voneinander stattgefunden hatten.
So weit, so gut. Wenn man nun jedoch auf das Verhältnis der beiden Tiergattungen schaut, landet man schnell bei der – oben versprochenen – bizarren Frage, die auch den Frosch-Forschenden sofort in die Hirne sprang: Wie konnten getötete, gefressene und anschließend verdaute Beutetiere, also Frösche, Sequenzen aus dem Erbgut ihrer Räuber, also von Schlangen, in ihr eigenes Genom aufnehmen und dort stabil etablieren?





