von KLAUS-DIETER LINSMEIER
Auf einem Hochplateau im Süden Maltas befindet sich der jungsteinzeitliche Tempelkomplex Hagar Qim (stehender Felsen). Hier gibt es keine eckigen Grundrisse und geraden Mauern, wie man es von heiligen Stätten der Antike kennt, sondern kompakte Konstruktionen, die wie gewachsen erscheinen. Mächtige Steinblöcke formen die Außenmauern, andere bilden im Innern einen Korridor, Kammern, Durchgänge und Nischen. Ein rundes Loch in einer Platte fällt auf. Die gängige Deutung interpretiert es als Durchreiche für Opfergaben.
Was hat die neolithischen Bauern dazu bewogen, hier zwischen 3600 und 2500 v.Chr. unter größten Mühen mit riesigen Steinen Tempel zu bauen, sie immer wieder umzugestalten und zu erweitern? Wir können nicht wissen und kaum erahnen, was Menschen schriftloser Kulturen vor Jahrtausenden dachten oder fühlten. Aber dass Hagar Qim eine Tempelanlage war und der Verehrung von einem oder mehreren überirdischen Wesen diente, ist unter Forschern Konsens. Funde von Tierknochen und Werkzeugen zur Speisenzubereitung legen nahe, dass rituelle Opfer dargebracht wurden.
Zudem kamen in Hagar Qim, wie auch in anderen archäologischen Fundplätzen Maltas, Plastiken zum Vorschein. Da Prähistoriker ähnlich füllige Skulpturen schon von altsteinzeitlichen Kulturen kannten, wurden sie als Darstellungen einer Muttergöttin gedeutet und als Fruchtbarkeitsymbole.
Dass der sexuellen Reproduktion im Neolithikum besondere Bedeutung zukam, liegt auf der Hand: Jeder Familienzuwachs bedeutete eine weitere Arbeitskraft auf dem Feld, jedes neugeborene Nutzvieh mehr Nahrung, von der Fruchtbarkeit der Äcker ganz zu schweigen.
Doch was die maltesischen Plastiken angeht, zeigt nur die etwa 13 Zentimeter hohe Tonskulptur „Venus von Malta“ aus Hagar Qim eindeutig weibliche Züge, alle anderen erwiesen sich bei genauer Betrachtung zwar als füllig, aber auch als androgyn. Die Religionswissenschaftlerin und Professorin an der Universität Hannover Ina Wunn sieht in ihnen daher eher Darstellungen rituell verehrter Vorfahren.
Monumentale Bauten für die Ahnen
Das Phänomen der Ahnenverehrung hat die Schweizerin Christa Sütterlin bei heutigen Wildbeutern und Bauern auf Neuguinea ethnologisch erforscht. Ihrer Ansicht nach handelt es sich um eine uralte kulturelle Praxis. Die Verehrung der gemeinsamen Vorfahren stärke den Zusammenhalt einer Gemeinschaft und verleihe ihren Mitgliedern eine gemeinsame Identität. Das helfe im täglichen Kampf ums Überleben. Denn je geschlossener eine Gruppe agiere, desto besser schlage sie sich in der Konkurrenz um Ressourcen. Diesen Wettbewerbsvorteil gibt es allerdings nicht umsonst: In den Dörfern, die Sütterlin besuchte, waren den Ahnen spezielle Häuser gewidmet, die zwar ebenfalls aus Holz waren, aber im Verhältnis zu den anderen aufwendig verziert und monumental groß.





