Lachen oder Husten hat bei vielen Menschen unangenehme Folgen: Schon der leicht erhöhte Druck auf die Blase löst Harnfluss aus. Ihnen kann ein neuartiges Verfahren helfen, bei dem der Blasen-Schließmuskel durch körpereigene Muskelzellen gestärkt wird.
Mehr als die Hälfte der über 60-Jährigen klagt zumindest gelegentlich über Harninkontinenz, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Es gibt zwei Haupt-Typen: die sogenannte Drang-Inkontinenz („Reizblase”), die durch eine überaktive Blasenmuskulatur ausgelöst wird, und die Belastungs- oder Stress-Inkontinenz. Hier ist der Schließmuskel zu schwach, um die Harnblase auch bei höherem Druck wie beim Lachen oder Husten sicher abzudichten. Je nach Ursache und Schweregrad gibt es diverse Therapiemöglichkeiten – vom Beckenbodentraining über Medikamente, die die Blasenmuskeln beruhigen, bis hin zu künstlichen Schließmuskeln, die mit einer im Hodensack oder zwischen den Schamlippen versteckten Pumpe reguliert werden können. Patienten mit schwerer Stress-Inkontinenz haben jetzt eine weniger belastende Alternative: die von Hannes Strasser am Universitätsklinikum Innsbruck entwickelte Zelltherapie. „Unsere erste Operation haben wir 2002 durchgeführt. Mittlerweile ist das Verfahren bei uns schon fast Routine”, sagt der Urologe. Zunächst entnehmen die Mediziner den Patienten unter örtlicher Betäubung eine kleine Gewebeprobe aus dem Oberarm. Die Muskel- und Bindegewebszellen werden dann getrennt voneinander in Zellkulturen vermehrt.
Nach etwa sieben Wochen erfolgt der eigentliche Eingriff: Bis zu sechs Millionen der frischen Muskelzellen injizieren die Mediziner unter Ultraschallkontrolle in den Blasen-Schließmuskel. Dazu wird ein spezieller Katheter durch die Harnröhre vorgeschoben. Ein Hautschnitt ist nicht erforderlich. Die Bindegewebszellen werden mit Kollagen vermischt und in die Schleimhaut der Harnröhre gespritzt. Das soll dazu beitragen, die Harnröhre zusätzlich abzudichten. Der viertelstündige Eingriff kann ambulant erfolgen. „Bei Frauen genügt dabei oft eine örtliche Betäubung. Bei Männern bevorzugen wir dagegen eine Vollnarkose”, sagt Hannes Strasser.
Nach etwa drei Monaten führen die „frischen” Muskelzellen zu einer mit Ultraschall messbaren Verdickung und Stärkung des Schließmuskels. Im Rahmen einer in Innsbruck durchgeführten Pilotstudie waren von 42 behandelten Frauen mit Stress-Inkontinenz ein Jahr nach der Zelltransplantation 38 wieder beschwerdefrei. Bei Männern ist die Therapie nicht so erfolgreich. „Zum einen ist bei ihnen aufgrund der Anatomie der Harnröhre der Eingriff komplizierter”, erklärt Hannes Strasser. „ Aber entscheidender ist, dass die meisten Männer, die wir behandeln, aufgrund einer Prostata-OP inkontinent geworden sind.” Narben und das durch eine Strahlentherapie geschwächte Gewebe erschweren es den neuen Zellen, im Gebiet des Schließmuskels anzuwachsen. Der Innsbrucker Urologe betont, dass sein Verfahren keine „Wundertherapie” sei. Eine Voraussetzung ist, dass der Blasenschließmuskel noch nicht zu stark geschwächt ist. Dr. Ulrich Fricke
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