Am Ende des Neandertaler-Jahres präsentiert die bdw-Bücherrubrik „Nachlese” drei Nachzügler. Eine Spätlese sozusagen – die durchweg mundet.
Klischees sind oft erstaunlich langlebig. So auch das vom Eiszeitjäger – selbstverständlich männlich –, der auf gefahrvoller Pirsch dem biestigen Nashorn nachstellt und dann die blutige Beute zur heimischen Höhle schleppt. Dort haben Frau und Kind unterdessen ein paar Beeren und Kräuter gesammelt und harren geduldig ihres Versorgers.
„Es ist immer wieder interessant zu lesen, welche Art Thesen keiner Belege oder auch nur kleinster Indizien bedürfen”, reagiert Ruth Omphalius auf solche Aussagen, die selbst aus berufenem Forschermund kommen. Genussvoll zitiert die Autorin des Rowohlt-Buchs „Der Neandertaler” den Archäologen Lewis Binford, der in den Sechzigerjahren spezielle Frauen-und-Kinder-Feuerstellen an den Lagerplätzen der Neandertaler postulierte: Lediglich mit zweitklassigem Werkzeug ausgestattet und mit Sammelaufgaben in Lagernähe befasst, hätten die Neandertalerinnen dort ausharren müssen, bis die Männer „den Frauen gelegentlich einen Knochen hinwarfen, aus dem diese das Mark herauskratzten”, während die Herren der Eiszeitwelt selbst das hochwertige Fleisch verzehrten.
„Als ich diese Interpretation las”, kommentiert die ZDF-Wissenschafts- und Kulturredakteurin, Autorin des 2006 gesendeten TV-Films „Die Neandertaler”, „konnte ich mich kaum des Gedankens an eine Neandertalerin erwehren, die sich herzhaft lachend auf die Schenkel klopfte”. Und mit anderswo kaum zitierten Forschungsergebnissen aus Ethnologie und Paläoanthropologie macht sie plausibel, dass die muskelbepackten Eiszeitfrauen weitaus mehr auf dem Kasten gehabt haben dürften als nur Brombeeren vom Busch zu zupfen. Die Autorin kann dazu auf die Arbeit der Pariser Paläoanthropologin Marilène Patou-Mathis zurückgreifen. (Warum beschäftigen sich eigentlich fast nur Forscherinnen mit dieser Frage?)
Auch gegen andere Klischees rund um die Neandertaler geht Omphalius an. Zum Beispiel dass der charakteristische Überaugenwulst bei den Männern dem Schutz der Augen auf Jagdzügen gedient habe. Sie bietet eine andere Erklärung an: sexuelle Selektion durch die Neandertalerinnen. Mangels eines markanten Kinns, das heutzutage die Damenwelt für den Hollywood-Akteur George Clooney schwärmen lässt, könnte die Größe des Überaugenwulsts körperliche und genetische Fitness signalisiert haben. Lachhaft?
Es ist ein Vorzug dieses in geschliffener Sprache abgefassten Buches, dass die Autorin keine Hirngespinste präsentiert, sondern ausgiebig recherchiert hat. So benennt sie für die Überaugenwulst-Erklärung als Kronzeugen den renommierten israelischen Evolutionsbiologen Amotz Zahavi, der jahrzehntelang die sexuelle Selektion anhand äußerer Merkmale erforscht hat.
Jeder professionelle Archäologe oder Paläoanthropologe wird sich aus gutem Grund hüten, beim Thema Neandertaler vergleichbar freimütig zu spekulieren – das schadet dem guten Ruf bei den Kollegen. Und von denen will man weiterhin respektiert und für voll genommen werden. Journalisten hingegen dürfen sich so was trauen. Und wenn sie sorgfältig arbeiten, kommt schon mal ein ungewöhnlich gutes Buch dabei heraus – wie das von Ruth Omphalius.
Die ebenfalls 2006 erschienenen Bücher „Die Neandertaler” von Bärbel Auffermann/Jörg Orschiedt und „Der Neandertaler” von Michael Bolus/Ralf W. Schmitz müssen sich dahinter nicht verstecken. Sie präsentieren das wissenschaftlich Gesicherte über die Entdeckungsgeschichte des robusten Menschenvettern, seine eiszeitlichen Lebensbedingungen, Werkzeugherstellung und -gebrauch, Ernährung und Bestattungsbräuche, die Frage nach Sprachfähigkeit und Kannibalismus. Beide Autorenpaare – allesamt renommierte Archäologen – kommen, was sprachliche Finesse und Unbekümmertheit betrifft, nicht an Omphalius heran, aber das wiegt nicht schwer.
Alle drei Bücher sind es wert, „Urmenschen”-Freaks jeglichen Alters am 24. Dezember unter die Zimmertanne gelegt zu werden. Wem dabei eine großformatige, opulente Bebilderung wichtig ist, wird mit Auffermann/ Orschiedt am besten bedient.
Thorwald Ewe, bdw-Redakteur für Anthropologie
Ohne Titel
Ruth Omphalius DER NEANDERTALER Rowohlt 2006, € 16,90 ISBN 3-498-03227-5
Bärbel Auffermann, Jörg Orschiedt: DIE NEANDERTALER Theiss 2006, € 29,90 ISBN 3-8062-2016-6
Michael Bolus, Ralf W. Schmitz DER NEANDERTALER Thorbecke 2006, € 19,90 ISBN 3-7995-9088-9





