Das Afar-Becken im Nordosten Äthiopiens ist bekannt für seine reichhaltigen Fossilien, die mehr als vier Millionen Jahre menschlicher Evolution dokumentieren. Hier findet sich das Who is Who unserer Vorfahrenreihe, von Australopithecinen wie „Lucy“ über Ardipithecus bis hin zu frühen Vertretern der Gattung Homo. Doch eine Gattung fehlte bislang: der frühe Menschen-Verwandte Paranthropus. Fossilien dieser Homininen, die sich vor allem durch ihr starkes Gebiss kennzeichnen, fanden sich bisher vor allem in Südafrika. Viele Fachleute gingen deshalb davon aus, dass Paranthropus sich nicht bis nach Afar vorgewagt hat, etwa, weil er sich auf Nahrung spezialisiert hatte, die nur im südlichen Afrika verfügbar war, oder weil er nicht mit dem vielseitigeren Homo konkurrieren konnte.

Frühe Ausbreitung
„Beides traf nicht zu“, sagt Zeresenay Alemseged von der University of Chicago. Gemeinsam mit seinem Team hat der Paläoanthropologe nun in der Fundstätte Mille-Logya in der Afar-Region Teile eines Unterkiefers entdeckt, der sich eindeutig Paranthropus zuordnen lässt. „Dieser Fund belegt, dass Paranthropus ebenso weit verbreitet und vielseitig war wie damalige Vertreter der Gattung Homo“, erklärt Alemseged. „Sein scheinbares Fehlen in Afar war lediglich ein Artefakt der Fossilienfunde.“
Die neu entdeckten Fossilien umfassen den linken Teil eines Unterkiefers sowie eine Backenzahnkrone. Beide sind sehr robust gebaut, typisch für Paranthropus. Mikro-CT-Scans offenbarten die innere Struktur und unterstützten diese Zuordnung. Datiert wurden Kiefer und Zahn auf ein Alter von 2,5 bis 2,9 Millionen Jahren. „Damit gehört der Fund zu den ältesten Fossilien, die Paranthropus zugeordnet werden können“, erläutern die Forschenden. Schon zu Beginn seines Auftretens lebte Paranthropus demnach in der ostafrikanischen Afar-Region.
Interaktionen mit Homo-Vertretern?
Die Entdeckung eröffnet auch die Möglichkeit, dass Paranthropus mit frühen Vorfahren unserer eigenen Spezies interagierte. „Wenn wir unseren eigenen evolutionären Werdegang als Gattung und Spezies verstehen wollen, müssen wir die Umwelt-, Ökologie- und Wettbewerbsfaktoren verstehen, die unsere Evolution geprägt haben“, sagt Alemseged. „Die Entdeckung von Paranthropus in der Afar-Region unterstreicht, wie wenig über die Evolution der Hominiden in Ostafrika in der entscheidenden Phase zwischen drei und 2,5 Millionen Jahren bekannt ist, als diese Gattung und die Homo-Linie vermutlich entstanden sind.“





