So banal dieser Spruch klingt, er bekommt in der Forschung oft ein besonderes Gewicht. Denn tatsächlich findet man immer wieder gerade dort, wo man meinte, schon zu wissen, was herauskommen wird, am Ende doch etwas anderes.
In vielen Forschungsartikeln ist dies bereits durch die Wortwahl dokumentiert. Man blättere nur mal beliebige Studien durch und zähle, wie oft darin die Floskel „… than previously thought“ auftaucht. Oder sinngleiche Begriffe wie „than previously expected/estimated/imagined/recognized/…“ Sie werden feststellen: Auffallend oft! Tatsächlich sind das mit die meist verwendeten Floskeln überhaupt in Forschungsartikeln.
Folglich scheint es keine Seltenheit zu sein, dass in der Forschung gewisse Dinge am Ende zumindest etwas anders herauskommen, als deren Vertreter es bis dahin gedacht/erwartet/geschätzt/sich ausgemalt/verstanden/… haben.
Nehmen wir ein paar frische Beispiele, damit der Punkt konkreter wird. Da folgert gerade ein internationales Forschungsteam, dass „die tropischen afrikanischen Bergwälder mehr Kohlenstoff speichern als bisher gedacht“. Kurz zuvor ließen Kollegen aus der Technischen Universität Wien verlauten: „Tröpfchen mit Coronaviren halten länger als gedacht.“ Und eine Gruppe aus dem Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik fasste ihre Ergebnisse über die Inaktivierung des X-Chromosoms in weiblichen Säugetieren sogar im doppelten Komparativ zusammen: Die zugrunde liegenden Mechanismen seien „dynamischer und komplexer als gedacht“.
Und diese drei Beispiele sind keine skurrilen Einzelfälle. Wie sehr hat sich etwa die gesamte Forscherzunft gerade bei unserem eigenen Genom verschätzt! Nicht nur, dass dessen Sequenzierung am Ende viel weniger Gene als bis dahin angenommen offenbarte – nein, auch bei anderen Fragestellungen hatte sie mit ihren Antworten ziemlich danebengelegen.
So registrierte man etwa in den neuen Datensätzen, dass Mutationen und andere „Umbauten“ im Humangenom viel häufiger vorkommen, als man erwartet hatte. Oder dass der Anteil an rein regulatorischen Abschnitten im menschlichen Genom doch deutlich größer ist als vermutet. Oder dass die Sequenzdaten entgegen allen Erwartungen für die letzten 5000 Jahre eine deutliche Beschleunigung der Evolution unseres Genoms offenbarten – mit der Folge, dass sich unser Erbgut gerade in der jüngsten Vergangenheit schneller verändert hat als in jeder anderen Periode der menschlichen Evolution. Oder dass im Vergleich mit dem Erbgut anderer Säugetiere die Zahl abgeschalteter Gene, die in unseren Genomen schlummern, deutlich größer ist, als die Fachleute geahnt hatten – und dass insbesondere der Aktivitätsverlust einiger Gene, die in der Linie unserer Vorfahren schon lange vorher etabliert waren, stärker zur menschlichen Evolution beigetragen hat als vermutet. Im Rückblick bleibt also zu konstatieren, dass sich unser eigenes Genom nach der Sequenzierung als wahrer Tummelplatz falscher Vermutungen und Schätzungen entpuppt hat.





