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Flusspferdknochen und Skorpionöl
Ein Flusspferdschädel: in der Renaissance ein beliebtes Ausstellungsstück und gleichzeitig potentielle Quelle medizinischer Zutaten. · Foto: mauritius images / Sabena Jane Blackbird / Alamy / Alamy Stock Photos
In der Renaissance entstanden sogenannte Arzneibücher, die Rezepte zur Anfertigung von Medizin gegen vielfältige Krankheiten enthielten und weite Verbreitung fanden. Ein internationales Forscherteam hat nun eines dieser Bücher einer chemischen Analyse unterzogen, um herauszufinden, wie die Nutzung dieser Rezepte durch die Leser im 16. und 17. Jahrhundert tatsächlich aussah und mit welchen Substanzen sie hantierten.
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von DAVID NEUHÄUSER
Das Augsburg des 16. Jahrhunderts war eine äußerst geschäftige Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern. Handelsmagnaten – allen voran die berühmten Fugger – bauten den Fernhandel aus. Maler wie Hans Holbein d. Ä. und Hans Burgkmair d. Ä. sowie virtuose Kunsthandwerker wie Heinrich Cron und David Altenstetter machten die Stadt zu einem bedeutenden Kunstzentrum. Und geschäftstüchtige Buchdrucker produzierten einen Bestseller nach dem anderen. Besonders beliebt waren damals Werke eines Genres, das sich mit „Anleitungen zum Selbermachen“ zusammenfassen ließe; dazu gehörten die sogenannten Probierbüchlein, Kunstbüchlein und auch die Artzneybücher. Diese Bücher wurden sowohl von Spezialisten als auch von Laien gelesen. Nicht nur in Augsburg, sondern im gesamten Renaissance-Europa machten sich Leser daran, zu experimentieren, Kunst zu schaffen und eigene Medizin herzustellen.
Spuren aus der „Arzneiküche“
Zwei 1531 in Augsburg veröffentliche Artzneybücher – verfasst von dem erfolgreichen Autor Bartholomäus Vogtherr und gedruckt in einem einzigen Band – erfreuten sich ein Jahrhundert lang großer Beliebtheit und fanden weite Verbreitung im gesamten deutschsprachigen Raum. Sie tragen die Titel „Wie man alle gebresten vnd kranckhaiten des menschlichen leibs außwendig vnd ynwendig vo[n] dem haupt an biß auff die füß artzneyen vnd vertreiben sol […]“ und „EJn nutzlich vnd notwendigs Artzney Bu[e]chlin für den gemeynen menschen […]“.
Vogtherr war Augenarzt und Gefolgsmann des Augsburger Bischofs Christof Graf von Stadion. Die Leser vertrauten seinem Expertenwissen und bescherten seinen Büchern eine hohe Nachfrage. Ein Exemplar ist heute im Besitz des John Rylands Research Institute und wurde dort kürzlich zum Gegenstand einer bahnbrechenden Untersuchung, deren Ergebnisse Ende 2025 veröffentlicht worden sind: Ein internationales Team aus Archäologen, Chemikern, Restauratoren, Kuratoren, Historikern, Labortechnikern, Fotografen und Materialwissenschaftlern hat die Spuren analysiert, welche die Leser bei der Lektüre des Buches auf den Seiten hinterlassen haben – Spuren aus Aminosäuren, den Bausteinen von Proteinen.
Sie positionierten dafür kleine runde Kunststofffilmscheiben aus Ethylen-Vinylacetat (EVA), versehen mit Kationen-/Anionenaustauschern und Wasser abweisenden Harzen, an den Rändern der Buchseiten – und zwar immer da, wo Benutzungsspuren sichtbar waren, insbesondere Notizen und Markierungen, die Leser dort zurückgelassen hatten. So konnten per Ionen-Ionen-Wechselwirkungen Proteine eingefangen und anschließend analysiert werden. Um zu verhindern, dass die Scheiben auch Spuren späterer Jahrhunderte aufnehmen würden, vermieden die Forscher beim Platzieren der Scheibchen die unteren Seitenecken des Buches, da Archivnutzer diese beim Umblättern am ehesten kontaminiert haben könnten – dass dies so ist, haben frühere Studien gezeigt. Die genutzte Ryland-Ausgabe war außerdem gut für die Untersuchung geeignet, weil sie in moderner Zeit nicht durch viele Hände gegangen ist.
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Darüber hinaus haben die Forscher eine gute Möglichkeit, Spuren aus der Renaissance von moderner Kontamination zu unterscheiden: Die Peptide (kurze Ketten von Aminosäuren), nach denen die Forscher Ausschau halten, können anhand der Anzahl und der Art ihrer Modifikationen zeitlich eingeordnet werden. Oxidation und Deamidierung (eine chemische Reaktion in Proteinen, hervorgerufen durch Alterung oder Krankheit, bei dem sich Struktur, Stabilität und Funktion der Proteine verändern) sind dabei deutliche Anzeichen für Abbauprozesse. Je zahlreicher diese Modifikationen zu beobachten sind, desto wahrscheinlicher ist ein höheres Alter der Peptide.
Das Ergebnis der biochemischen Detektivarbeit: 100 Jahre lang wurde das Buch von Lesern konsultiert, die gleichzeitig mit den darin beschriebenen Zutaten hantierten, ebenso wie mit ergänzenden Zutaten, die Vogtherr gar nicht erwähnte. Auf den Seiten blieb alles haften – von Rotbuche, Brunnenkresse und Rosmarin bis hin zu Kollagenpeptiden, die wahrscheinlich von den Knochen eines Flusspferdes stammen.
Außerdem hinterließen die Körper der Leser selbst Spuren auf dem Papier, darunter Dermcidin, das in menschlichen Schweißdrüsen entsteht, sowie Immunglobulin, Lipocalin und Lysozym, die bei Immunreaktionen im Körper entstehen. Lysozym beispielsweise kommt in Tränen, Speichel und Muttermilch vor und zerstört die Zellwände von Bakterien. Unabhängig von den im Buch aufgeführten Rezepten, kann man anhand dieser Funde darauf schließen, dass Leser unter Durchfall, Haarausfall oder Meningitis litten. Zudem landeten immer wieder Blutspuren auf dem Papier, wenn Leser beispielsweise Ausschlag auf der Kopfhaut oder offene Wunden behandelten.
Gegen Zahnschmerzen oder Haarausfall
Kombiniert mit den Texten der schriftlichen Quellen bieten die Analyseergebnisse ergänzende Einblicke in die Funktionsweise der Renaissance-Medizin im Alltag. „Vogtherrs Bücher sind beispielhaft für eine große Zahl einheimischer medizinischer Handbücher, die im frühen 16. Jahrhundert gedruckt wurden und ‚dem einfachen Mann‘ eine reichhaltige Sammlung von Rezepten für den täglichen Gebrauch zur Verfügung stellen sollten“, so Hauptautor Stefan Hanß, Historiker an der University of Manchester. „Diese Bände enthalten Hunderte von medizinischen und kosmetischen Rezepten, die weit verbreitet waren, darunter Heilmittel gegen Hirnerkrankungen sowie gegen Nierensteine, Unfruchtbarkeit und andere schwere Krankheiten, die neben alltäglichen Rezepten zur Behandlung von Wunden, Hauterkrankungen, Haarausfall und Kosmetika besprochen werden.“
An den Rand gekritzelte Kommentare der untersuchten Ausgabe verraten, dass die Leser dieses Bandes besonders an Mitteln gegen Zahnbeschwerden interessiert waren: Rezepte gegen Mundgeruch, Zahnverfärbungen, Stomatitis, Aphthen und schwarze Zähne sind im gesamten Buch hervorgehoben. Ein Leser fügte handschriftlich den Tipp hinzu, man solle bei Zahnschmerzen und Aphthen Korallenpulver auf das Zahnloch oder die betroffene Schleimhaut auftragen. Ein anderer schrieb, sich lockernde Zähne solle man mit einer Mundspülung aus Wasser und Kreuzsalbei, einer Mischung aus deutschem und mediterranem Salbei, behandeln.
Ein anderes Thema, das die Leser sehr bewegte, waren Rezepte zur Haarpflege. Die Rezepte, die Vogtherr in diesem Bereich gesammelt hatte, wurden besonders ausgiebig genutzt. „Dieser Schwerpunkt ist nicht überraschend“, so Hanß. „Mit dem Aufkommen der Porträtmalerei und dem wachsenden Handel mit Kämmen und Spiegeln kamen in der Renaissance die Pflege von Bärten und neue Frisuren in Mode. Haare waren gut sichtbar, gesellschaftlich bedeutsam und eng mit Vorstellungen von Gesundheit und Männlichkeit verbunden.“ Seit Ende des 15. Jahrhunderts waren Vollbärte schon allein deshalb sehr in Mode gekommen, weil man mit ihnen gut die Spuren der Syphilis überdecken konnte, die zu dieser Zeit Europa erstmals epidemisch heimsuchte.
Die Peptidspuren von Rotbuche, Brunnenkresse und Rosmarin wurden neben Rezepten gefunden, die die Verwendung dieser Pflanzen zur Stärkung des Gesichts- und Kopfhaarwachstums empfehlen. Rotbuche sollte außerdem gut gegen Haarmilben wirken – und gleichzeitig ein starkes Schlafmittel abgeben.
Andere gefundene Peptide gehören zur Kohl- und Senffamilie, was zu den Rezepten passt, die gemahlenen Kohl und Rettichöl zur Behandlung von Kahlheit aufführen. Eines der Rezepte empfiehlt bei Haarausfall, den kahlen Kopf täglich mit menschlichen Fäkalien einzureiben. Im medizinischen Denken des Mittelalters und der Frühen Neuzeit galten Haare (wie auch Finger- und Fußnägel) als körperliche Ausscheidungen, und da ein Heilprinzip der damaligen Zeit darin bestand, Gleiches mit Gleichem zu behandeln, lag die Idee, Fäkalien als Haarwuchsmittel zu nutzen, entsprechend nahe. Dass auf der Buchseite dieses Rezepts Lipocalin gefunden wurde, lässt den Schluss zu, dass mindestens einer der Leser sein Glück damit versuchte.
Die Untersuchung der Seiten zum Thema Haarausfall zeigen außerdem, dass die Leser viele weitere Zutaten ausprobierten, von denen Vogtherr nicht schreibt – gefunden wurden etwa Spuren von Wegwarten, Osterlilien, Luzernen, Lupinen, Erbsen, Esparsetten, Sojabohnen und Eukalyptus.
Solche ergänzenden Zutaten wurden hie und da auch in handschriftlichen Notizen der Leser gefunden. Jene Kommentare und Notizen, die über die Jahrhunderte verblasst und verschwunden waren, konnten die Forscher im Labor mit infrarotem und ultraviolettem Licht wieder sichtbar machen, so beispielsweise die Empfehlung, Harnsteine und Geschwüre mithilfe von Veilchen und Skorpionöl zu behandeln.
Ganz eindeutig wurde das untersuchte Buch regelmäßig genutzt und – in einem Fall sogar mit einer Widmung versehen – immer wieder weitergegeben. Somit waren die handgeschriebenen Notizen nicht nur eine Gedächtnisstütze für den jeweiligen Nutzer, sondern richteten sich auch an spätere Besitzer des Bandes. Sie alle probierten Rezepte aus, wandelten sie ab und experimentierten auf Grundlage von Informationen, die sie anderswo erworben hatten.
Arzneizutaten aus aller Welt
Die Analyseergebnisse ließen für die Forscher nicht nur Rückschlüsse auf die Nutzer zu, sondern auch auf die Substanzen und ihre Herkunft. „Wir haben auf diese Weise völlig neue Einblicke in den globalen Handel mit Arzneimitteln im Deutschland der Renaissance bekommen“, so Hanß. „Wir fanden eine Reihe weltweit gehandelter Inhaltsstoffe. Zum Beispiel gab es Spuren von Ginseng neben Rezepten, wie man sich die Haare blond, rot oder schwarz färbt, was auf eine Verwendung als Farbstoff hindeutet. Die gelb oder rot gefärbten Wurzeln und Früchte dieser Pflanze entsprachen dem allgemeinen Glauben an die Kraft der Farbähnlichkeiten in der frühneuzeitlichen Haarpflege, und Wissenschaftler loben auch heute noch die positiven Auswirkungen von rotem Ginseng auf das Haarwachstum.“
An der großen Bandbreite von Inhaltsstoffen, die im Verlauf eines Jahrhunderts zur Anwendung kamen, kann man erkennen, welch bedeutenden Anteil der Medikamentenmarkt auch an der Erweiterung des Fernhandels hatte. Die gefundenen Proteine, die von Schildkrötenpanzern, Sojabohnen, Eukalyptus, Ginseng und Flusspferdknochen stammen, zeigen, dass die Leser auf Zutaten aus aller Welt zurückgreifen konnten. In den Inventaren deutscher Apotheker dieser Zeit fanden solche sogenannten Exotica regelmäßig Erwähnung. In der bayerischen Hofapotheke beispielsweise waren unter anderem Elfenbein, Nashornknochen und Körperteile von Löwen und Tigern zu bekommen.
Flusspferdknochen, deren Spuren die Forscher in Vogtherrs Buch fanden, wurden in der Frühen Neuzeit auch zur Herstellung von Zahnprothesen verwendet; Pulver aus Flusspferdzähnen galt als wirksames Mittel gegen Zahnschmerzen, während Flusspferdhaut, wie man glaubte, das Haarwachstum anregte und Flusspferdfett zur Fiebersenkung verabreicht werden konnte. Hanß erklärt, dass das von den Forschern gefundene Flusspferd-Kollagen neben Rezepten für den Kopf betreffende Krankheiten gefunden wurde. „Es sieht so aus, als hätten diejenigen, die Flusspferdknochen zu medizinischen Zwecken einsetzten, damit in erster Linie Zahnschmerzen lindern oder ihre Zähne durch Prothesen aus Flusspferdknochen ersetzen wollen.“
Zwischen Rezept und Zaubertrank
In vielen Fällen lief die Verwendung von nicht gerade alltäglichen Zutaten auf privates Experimentieren hinaus. Ungewöhnliche Rezepturen wurden entsprechend sehr unterschiedlich bewertet. So fanden die Forscher auch Kollagenpeptide, die entweder dem Panzer einer Schildkröte oder der Haut einer Eidechse entstammen. Eidechsen wurde im Deutschland des 16. Jahrhunderts eine beträchtliche medizinische Wirkung zugeschrieben. Die Tiere standen traditionell für Regeneration und Transformation, weshalb sie in Märchen regelmäßig als Zutat im Zaubertrank von Hexen landeten. In der Naturphilosophie der Renaissance spielte auch die Erkenntnis eine Rolle, dass Eidechsen als wechselwarme Tiere stark von der Außentemperatur abhängig waren. Da man annahm, dass sich die Temperatur auf das Haarwachstum auswirke, ließ sich eine Verbindung zu experimentellen Haarwuchsrezepten herstellen. Die Berichte über die Ergebnisse waren allerdings eher gemischt. „Einfach ausgedrückt, gab es sehr widersprüchliche Angaben darüber, ob zu Öl verarbeitete Eidechsen das Haarwachstum bei der Behandlung von Alopezie verbessern würde oder ob dieser Inhaltsstoff im Gegenteil zu einer Verschlimmerung des Haarausfalls führt“, erklärt Hanß. Zumindest schien es einigen Betroffenen einen Versuch wert zu sein. „Da wir das Protein neben Vogtherrs Haarwuchs-Rezepten und jenen gegen Alopezie gefunden haben, könnte es durchaus sein, dass Leser des 16. Jahrhunderts Eidechsen verwendeten, um ihre Wirksamkeit in Haarpflegerezepten zu testen.“
So können Vogtherrs Bücher – weit über den gedruckten Inhalt hinaus – viel über den Umgang mit Krankheit und Körpern in der Frühen Neuzeit verraten. Über Generationen hinweg vertrauten die Menschen den Arztneybüchern ihr Leben an, und wenn nicht ihr Leben, dann immerhin ihre Haarpracht. Die Studie lässt erahnen, welche Entdeckungen noch auf die Forscher warten, wenn sie die nächsten Werke im Labor unter die Lupe nehmen. „Wir erweitern die Analyse nun im Rahmen eines größeren Projektes“, so Hanß. „Und wir sind sicher, dass es weitere spannende Erkenntnisse geben wird, die unser Verständnis der Renaissance-Medizin verändern werden.“ ■
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