Falls das “global village” kein böhmisches Dorf für Sie ist, wird Ihnen Virilios Essay wichtige Marksteine zur besseren Orientierung in der virtuellen Gemeinde setzen. Was Sie erwartet, ist keine technische Anleitung für den Umgang mit dem Internet, sondern Überlegungen, wie der Einsatz interaktiver Übertragungstechnologien die menschliche Erfahrungswelt grundlegend verändert.
Der französische Architekt und Stadtplaner Paul Virilio gilt seit vielen Jahren als herausragender Theoretiker der technischen Beschleunigung unseres Lebens. Ausgangspunkt seines Buches ist die These, daß die Weitergabe von Informationen in Echtzeit die Entfernungen auf der Welt zu Null schrumpfen lassen. Das irdische Territorium und damit auch die lokale Zeit werden zurückgedrängt zugunsten einer globalen, immerwährenden telepräsenten Gegenwart. Mit der Entwertung des Territoriums, der Distanz und damit der Geschichte verliert der Mensch seine sinnliche Erfahrungswelt.
Der anspruchsvolle Text gerät zur mitreißenden Lektüre, wenn der Autor seine Gedanken am Alltag mißt und die Wirkung der Echtzeit-Technologien auf Gesellschaft und Politik schildert, auf Wirtschaft, Arbeitswelt und ganz besonders auf die menschlichen Beziehungen (“…und liebe deinen Fernsten wie dich selbst…”).
Virilio ist kein Maschinenstürmer, sondern ein kritischer Beobachter. Erfrischend deutlich bezieht er Position und scheut sich nicht, die politisch-moralische Forderung nach einer erweiterten Ökologie zu stellen, die vor der Verschmutzung unserer physischen Umwelt ebenso schützt, wie vor der Entwertung der menschlichen Erfahrung.
Die leisen, eindringlichen Töne, mit denen Virilio die Ausbreitung interaktiver Kommunikationstechnologien begleitet, verzerren die Hurra-Rufe der Patrioten des “global village” zu schrillen Dissonanzen.
Paul Virilio FLUCHT- GESCHWINDIGKEIT Carl Hanser Verlag, München, Wien 1996 204 S., DM 29,80
Ulrich Schendzielorz





