Mediziner und Sportwissenschaftler schlagen Alarm: Die deutschen Jugendlichen werden immer schlapper und dadurch zunehmend früher krank. Viele sprechen schon von der „ Generation Kartoffelsack”.
Man soll seinen Ehepartner gut aussuchen, vor allem, wenn man 13 Jahre alt ist. Thomas Canther aus Essen war mit seinem Computer verheiratet. Dadurch wurde er zwar der beste Counterstrike-Schütze im Umkreis von fünf Kilometern. Die Ehe aber tat ihm nicht gut. Am Ende wog Thomas Canther 146 Kilogramm.
Er ging deshalb ins Bischofswiesener Adipositas-Rehazentrum Insula, um sich von seinem Computer scheiden zu lassen. Dort betreuen Ärzte Jugendliche ab 13 Jahren und einem Body-Mass-Index (BMI) von durchschnittlich 42 – das ist doppelt so hoch wie bei normalgewichtigen Menschen (siehe Kasten „Neues Fett-Maß”). Sechs bis neun Monate leben die Jugendlichen im Berchtesgadener Land mit Blick auf den Watzmann, gehen zur Schule oder machen ein Praktikum.
Vor allem aber nehmen sie ab, was sie in all den Jahren zuvor zugelegt haben. Thomas Canther wog 75 Kilogramm zu viel. Reines Fett dieser Menge hat einen Energieinhalt von 675000 Kilokalorien. Ein Radprofi könnte damit ungefähr 50 Etappen der Tour de France durchstehen, ohne jemals etwas zu essen. Mit Sport allerdings hatte Thomas Canther zu dieser Zeit nicht viel am Hut.
Er ist nicht der Einzige. Jedes fünfte Kind in Deutschland hat inzwischen eine völlig unzureichende körperliche Leistungsfähigkeit. Klaus Bös, Sportwissenschaftler an der Universität Karlsruhe: „Im Vergleich zu den siebziger Jahren schneiden heutige Jungs in der körperlichen Leistungsfähigkeit bis 20 Prozent schlechter ab.” Horst Rusch, Sportpädagoge an der Technischen Universität München, kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei seinem standardisierten Fitness-Test – unter anderem in Zielwerfen, Rumpf- und Hüftbeuge, Standhochsprung, Stufensteigen – erreichten im Jahr 2001 nur ein Viertel der 11- bis 14-jährigen Kinder eine Leistung, die 15 Jahre zuvor noch die Hälfte schaffte.
„Manche unserer Patienten können bei der Aufnahme nicht einmal einen auf der Wiese liegenden Baumstamm entlang balancieren”, sagt Wolfgang Siegfried, der ärztliche Leiter der Abspeckklinik Insula. Einige seiner Schützlinge hatten seit Jahren nicht mehr am Schulsport teilgenommen, manche gingen sogar monatelang kaum aus dem Haus.
Stattdessen aßen sie und blieben auf der zugeführten Energie sitzen – im wahrsten Sinne des Wortes. Inzwischen stellen die Übergewichtigen unter den Jugendlichen einen Anteil von rund 20 Prozent, das ist doppelt so hoch wie vor 20 Jahren. Übergewicht ist dabei nur die offensichtlichste Folge der wachsenden Trägheit in jungen Jahren. Die Gefahr baut sich im Verborgenen auf und wird erst Jahre später virulent: Fett macht alt. Werden schwer adipöse Jugendliche nicht behandelt, erkrankt die Hälfte von ihnen innerhalb von zehn Jahren an Altersdiabetes. Schon jetzt ist jeder dritte Neuerkrankte ein Jugendlicher. Bei vielen von Siegfrieds Patienten deutet sich diese unheilbare Stoffwechselstörung an. Gang und Gebe sind bei ihnen zudem Bluthochdruck, ungünstige Blutfettwerte, Herz-Kreislauf-Probleme.
Darüber hinaus nehmen bundesweit bei Kindern und Jugendlichen die Gelenkschäden zu. 80 Prozent klagen über Kopf- und 40 Prozent über Rückenschmerzen, die Hälfte hat Konzentrationsschwierigkeiten. Inzwischen haben die Alarmsignale das Robert-Koch-Institut in Berlin aufgeschreckt. Bundesweit wird es in den kommenden vier Jahren 20000 Unter-18-Jährige befragen. Ziel ist, die Wechselwirkungen zwischen Lebensumständen und Gesundheitsrisiken wie Übergewicht, Unfällen, aber auch psychischem Zustand und Drogenkonsum aufzudecken.
Die Ergebnisse werden erst 2006 vorliegen. Doch Klaus Hurrelmann, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld und Autor einer Studie zur Jugendgesundheit für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), schreibt schon jetzt: „Kinder haben heute kaum noch Kinder-, sondern eher Erwachsenenkrankheiten.” Probleme mit den Gelenken also, Herz -und Gefäßkrankheiten und sogar Diabetes.
Uwe Büsching, Bielefelder Kinderarzt und Vorstandsmitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, warnt: „Wenn bereits Kinder Alterserscheinungen zeigen, ist das hochgradig pathologisch für eine Gesellschaft.”
Es geht also um mehr als um ein paar Kilogramm und erst recht um mehr als um die Frage, ob einer 100 Meter nun in 12 oder in 20 Sekunden sprintet. Es geht um die Vorausschau, was eine Gesellschaft erwartet, wenn jene, die die Zukunft gestalten sollen, schon jetzt zu alt für diese Zukunft sind. Denn aus dem persönlichen Schicksal entwickelt sich ein gesellschaftliches Drama in drei Akten:
• Altern ist teuer. Dem Deutsche Ärzteblatt zufolge schlägt die Adipositas jährlich mit rund 25 Milliarden Euro zu Buche – 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Herz-Kreislauf-Beschwerden kosten in Deutschland rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. Schäden am Muskel- und Skelettapparat belaufen sich auf etwa 17 Milliarden Euro und sind zudem die häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Die Behandlung der Diabetes liegt bei etwas über 3 Milliarden Euro. Wie viel in Zukunft für diese Krankheiten ausgegeben werden muss, weiß heute niemand. Sicher ist allerdings: Die Kosten werden steigen.
• Altern ist riskant. Die US-amerikanische Bogalusa Heart Study begleitete mehr als 14000 Kinder und Jugendliche 25 Jahre lang, um der Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten auf die Spur zu kommen. Das Ergebnis: Bereits im Alter von 5 bis 8 Jahren werden die Grundsteine für eine spätere Arteriosklerose oder einen Herzinfarkt gelegt. Übergewichtige sterben im Schnitt zehn Jahre früher als normalgewichtige Menschen. Junge Diabetiker haben sogar eine um 15 bis 20 Jahre reduzierte Lebenserwartung. Die Zuckerkrankheit ist hierzulande die verbreitetste Ursache für Erblindung.
• Wer zu früh altert, dem fehlen die Erfahrungen der Jugend. Kinder bewegen sich heute oft genau in der Phase ihres Lebens zu wenig, in der zahlreiche Verbindungen im Gehirn geknüpft und motorische Grundfertigkeiten erlernt werden.
„Je mehr Sinne ein Kind anspricht, desto zahlreicher und intensiver sind auch die Verschaltungen im Gehirn”, sagt Renate Zimmer. Die Sportpädagogin an der Universität Osnabrück hat bei über 300 Kindern untersucht, wie sich körperliche Betätigung auf den Intellekt auswirkt: „Bereits nach sechs Monaten mit mehr Bewegung schnitten Kinder bei einem Intelligenztest besser ab als die Kontrollgruppe.” bild der wissenschaft titelte zu entsprechenden Untersuchungen: „Spielen macht Kinder schlau” (Heft 2/2002).
Als Reaktion auf diese Erkenntnisse führte die Friedrich-Ebert-Grundschule in Bad Homburg in den neunziger Jahren eine tägliche Sportstunde ein. Die Konzentrationsfähigkeit der Kinder im Unterricht nahm zu, die Lehrer konnten etwa 15 Prozent mehr Schüler auf das Gymnasium schicken. Umso verwunderlicher ist da, wie zäh heute um Sportstunden gerungen werden muss. Da mag Annette Schavan, Baden-Württembergs Ministerin für Kultus, Jugend und Sport, noch so nachdrücklich betonen: „Wer über Pisa spricht, muss auch über den Schulsport sprechen.” Getan wird wenig.
Dabei liefert Sport Schlüsselqualifikationen, die für jedes andere Fach von Bedeutung sind. Renate Zimmer: „Dinge wie Drehmoment, Gleichgewicht oder Beschleunigung sind physikalische Grunderfahrungen, die man sich nur durch Bewegung erschließen kann.” Wenn Kinder toben, fordern sie jedes Mal die Naturgesetze neu heraus, sie versuchen, die Welt aus den Angeln zu heben. Das klappt zwar nie, die Natur wehrt sich, beispielsweise mit der Schwerkraft. „Viele Eltern glauben daher, ihren Kindern solche Erfahrungen ersparen zu müssen”, sagt Zimmer. Ohne aufgeschlagene Knie und zerrissene Hosen fehle den Kindern jedoch das Gefühl dafür, wie schnell man beispielsweise mit einem Fahrrad um die Kurve fahren kann. „Kinder haben oft keine richtige Vorstellung davon, was wirklich ist”, sagt die Osnabrücker Sportwissenschaftlerin.
Die Folgen ermittelte eine Studie der Unfallkasse Hessen. Sie wies nach, dass in Kindergärten ohne ausreichende körperliche Aktivitäten die Zahl der Unfälle um die Hälfte höher liegt. Gleiches ergab eine Studie von Klaus Bös an zwei Grundschulen im Kreis Frankfurt am Main.
Kinder mit mangelndem Körpergefühl nähern sich der Realität also nicht Schritt für Schritt, sondern stoßen gleich mit ihr zusammen. Die Unfallkassen beheben deshalb schon seit Jahren nicht nur technische Sicherheitsmängel in Schulen und Kindergärten, sondern fördern auch die Bewegung der Kinder. Doch auch diese Bemühungen können selten ausgleichen, was dem Nachwuchs in seiner Freizeit an motorischer Aktivität fehlt.
Wird also in Zukunft jeder fünfte Deutsche über die eigenen Beine stolpern? Wachsen Menschen heran, die sich selbst das größte Hindernis sind? Eindeutige Antworten fallen schwer: Langfrist-Untersuchungen über die Spätfolgen des jugendlichen Bewegungsmangels gibt es nicht. Bisherige Ergebnisse wie jene der Sportwissenschaftler Renate Zimmer oder Klaus Bös stammen aus Fallstudien an einzelnen Einrichtungen. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Jürgen Kretschmer verneint in eigenen Studien die schlechte körperliche Fitness sogar völlig. Die meisten Experten stimmen mit ihm allerdings nicht überein.
Wolfgang Brehm, Sportwissenschaftler an der Universität Bayreuth, stört an der Diskussion denn auch etwas anderes: „Wir sprechen ja immer nur von einem Fünftel aller Kinder und Jugendlichen und vergessen dabei, dass 80 Prozent sehr aktiv sind.” Zudem kenne er keine körperlichen Fertigkeiten, die man nur als Kind lernen kann und dann nie mehr. Mit zunehmendem Alter falle alles eben nur sehr viel schwerer.
Einige Ungeübte mögen in späteren Jahren tatsächlich mit Sport anfangen, sie werden jedoch die Ausnahme bleiben. Denn Lebensgewohnheiten sind zäh. Wer sich heute nicht bewegt, tut es aller Wahrscheinlichkeit nach morgen auch nicht. Ein Indiz: Vor zehn Jahren wurde die schlechte Fitness von Kindern zum ersten Mal festgestellt. Aus den Kindern von damals sind heute junge Erwachsene geworden – und sowohl Bundeswehr als auch Feuerwehr stellen erschreckend schwache körperliche Leistungen bei ihren Eingangstests fest.
Dicke bleiben oft dick. Nur ein Drittel der Insula-Patienten schafft es, zwei Jahre nach der Therapie weniger zu wiegen als zu Beginn – und dann gerade einmal fünf Prozent. Die übrigen zwei Drittel bringen nach dem gleichen Zeitraum sogar 20 bis 30 Prozent mehr auf die Waage. Thomas Canther kämpft in der Insula darum, diese Last loszuwerden. Er trainiert viermal die Woche, wandert, fährt Rad, schwimmt oder macht Kraftübungen. Auf einer Waage wird jede Woche der Erfolg gemessen. Wer nicht mindestens 700 Gramm abgenommen hat, riskiert den Verweis aus der Klinik.
Thomas Canther schaffte in sechs Monaten 35 Kilogramm. Wenn er nach Hause kommt, will er einen Tauchkurs machen, sagt er. „Das ging früher nicht, mit der Menge an Körperfett hatte ich einfach zu viel Auftrieb.” Die Haut hängt ihm dort, wo vor wenigen Monaten das Fett saß, wie ein zu groß geratener Anzug um den Körper – als müsse sein neues Leben erst noch auf ihn zugeschnitten werden.
Für die Ermittlung des Optimalgewichts galt lange die Faustregel: Körpergröße in Zentimetern minus 100. Das Ergebnis lag meist zu hoch. Inzwischen verwenden Mediziner den „ Body-Mass-Index” (BMI). Er berechnet den Anteil der Fettmasse am Gesamtgewicht: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Meter im Quadrat – zum Beispiel 75 dividiert durch 1,70×1,70 (=2,89) ergibt einen BMI von 25. Erwachsene gelten als normalgewichtig, wenn ihr BMI zwischen 20 und 24 liegt. Bei Kindern verschiebt sich diese Grenze um 3 bis 4 Punkte nach unten (17 bis 20). Sportler können aufgrund ihrer höheren Muskelmasse darüber liegen, ohne übergewichtig zu sein. Ab BMI 30 gilt ein Erwachsener als krankhaft übergewichtig, mit weniger als BMI 20 als untergewichtig.
Robert Thielicke





