Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Herr Prof. Thines, was ist Biopiraterie?
Biopiraterie ist die Nutzung von biologischen Ressourcen aus einem bestimmen Land für Zwecke, denen es nicht zugestimmt hat. Die Steviapflanze kommt etwa in Paraguay und Brasilien vor und wird dort von Indigenen zum Süßen von Speisen genutzt. Seit den 1980er-Jahren wird Stevia auch in den USA gebraucht – ohne aber das Ursprungsland am mit Steviaprodukten erzielten Gewinn teilhaben zu lassen. Heutzutage geht es häufig auch um genetische Ressourcen, die biotechnologisch nutzbar gemacht werden. So fällt etwa unter Biopiraterie, wenn im brasilianischen Urwald Mikroorganismen gefunden werden und mithilfe der genetischen Information dann ein Medikament hergestellt wird, ohne das Herkunftsland vom Gewinn profitieren zu lassen.
Welche Bemühungen gibt es, um Mensch und Natur vor Biopiraterie zu schützen?
Verschiedene internationale Vereinbarungen regeln Maßnahmen für den Schutz der Artenvielfalt und die Beteiligung der Herkunftsländer und deren Bevölkerung an möglicherweise erzielten Gewinnen aus der Nutzung von Lebewesen. Das Nagoya-Protokoll ist zum Beispiel seit zehn Jahren in Kraft und hält fest, wo ich mich als Forscher hinwenden kann, um in einem bestimmten Land Zugriff auf Ressourcen zu bekommen. Darin steht auch, dass das Land von einem möglichen Nutzen profitieren muss. Allerdings gibt es keine einheitliche Regelung: Jedes Land entscheidet selbst, welche Aspekte aus dem Gesamtpaket es umsetzen möchte. Doch Arten halten sich nicht an Ländergrenzen. Es erschwert die Forschung ungemein, wenn ich für meine Forschung in jedem Land einen anderen Genehmigungsprozess durchlaufen muss. Hinzu kommt, dass viele Arten in Museen unterschiedlicher Länder archiviert sind und teils nicht mit DNA-Techniken untersucht werden dürfen. So können wir nicht feststellen, welche überhaupt neue Arten sind – und welche nicht. Indem wir Biopiraterie vermeiden möchten, bremsen wir die Biodiversitätsforschung also massiv aus. Letztlich schadet das der Artenvielfalt: Wir können nur schützen, was wir kennen.
Wie könnten Schutz, Teilhabe und Forschung in Einklang gebracht werden?
Ein international tragfähiger Lösungsansatz wäre ein Abkommen, das allgemein regelt, wie Ressourcen genutzt werden können. Ein gewisser Anteil an Gewinnen würde in einen Fonds eingezahlt, aus dem das Geld entsprechend an die Herkunftsländer einer Ressource fließt. Dort könnte es dem Naturschutz oder Forschungsinstitutionen zugutekommen. Und dann wäre es natürlich schön, wenn zum Beispiel indigenes Wissen entsprechend gewürdigt wird. Wenn also die Menschen, die zum Beispiel entdeckt haben, dass Stevia süß schmeckt, auch profitieren.





