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Entwicklungshilfe für den Wald
Unter dem Schutz von alten Bäumen reckt sich eine junge Tanne keck empor. Kein Frost hat sie erwischt, das Klima am Boden ist gleichmäßig kühl und windgeschützt. Als Jungbaum profitiert sie vom schattigen Schirm über ihr ebenso wie von den Mikroorganismen im Wurzelgeflecht der erwachsenen Bäume. Es ist eine Ammenwirkung, die sich auch die Baby-Douglasie ein paar Schritte weiter zunutze macht. Ihre winzigen Äste ragen aus lichtgrünem Moos heraus, das jeden Tritt abfedert. Dick mit Moos bepackt sind auch die Baumstümpfe, die fesselhoch auf dem Waldboden stehen.
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von ANDREA MERTENS
Unter dem Schutz von alten Bäumen reckt sich eine junge Tanne keck empor. Kein Frost hat sie erwischt, das Klima am Boden ist gleichmäßig kühl und windgeschützt. Als Jungbaum profitiert sie vom schattigen Schirm über ihr ebenso wie von den Mikroorganismen im Wurzelgeflecht der erwachsenen Bäume. Es ist eine Ammenwirkung, die sich auch die Baby-Douglasie ein paar Schritte weiter zunutze macht. Ihre winzigen Äste ragen aus lichtgrünem Moos heraus, das jeden Tritt abfedert. Dick mit Moos bepackt sind auch die Baumstümpfe, die fesselhoch auf dem Waldboden stehen.
Der Blick nach unten lohnt sich – überall sprießt es, schießt es, macht sich Leben breit. Vogelbeere und Holunder wachsen in einem Lichtschacht heran, auch eine junge Buche mag es gerne so hell. Weiter unten am Waldesrand stehen Eichen. Dieser Wald pflanzt sich selbst fort, mit einer Vielfalt von Pflanzen, die ganz nach ihren Bedürfnissen an den Plätzen zum Leben erwachen, die ihnen am besten gefallen.
Nicht nur heimische Baumarten wurzeln hier, sondern auch Gäste aus anderen Ländern. Die Douglasie etwa kommt ursprünglich aus Nordamerika. Kein Förster hat die Samen dieser Bäume ausgesät oder ihre Früchte verteilt. Nur der Wind oder einer der vielen Waldbewohner hat sie weitergetragen. Aus Vergesslichkeit heraus, so wie der Eichelhäher, der sich seine Futterverstecke schlecht merken kann. Oder weil die Verdauung es so wollte, wie bei der Amsel.
Natürliche Verjüngung ist das Zauberwort für einen solchen Wald, der sich selbst entwickeln darf. Biologische Automation nennen Forstleute den Prozess dahinter. Jungbäume werden nicht gepflanzt, sondern sie entwickeln sich aus den Samen im Unterholz. Erst wenn der Nachwuchs zur lebensfähigen Größe herangewachsen ist, werden umliegende Bäume gefällt. So entstehen allmählich strukturreiche Wälder mit einer Vielzahl an Bewohnern, abgestuft in verschiedenen Altersklassen, angepasst an den Boden und das Klima. Der Mensch steht einem solchen Wald als Entwicklungshelfer zur Seite, um ihn auch für die eigenen Interessen nutzen zu können.
Entwicklungshilfe im Wald heißt: Auf Kahlschlag und Räumung verzichten, stattdessen die einzelnen Bäume und die unterschiedlichen Standorte nach ihren Bedürfnissen betreuen und ernten. Entwicklungshilfe heißt auch: Totholz bleibt lieben, weil es ein Biotop ist für neues Leben und das Mikroklima im Wald verbessert. Ökologisch wichtige und seltene Baumarten werden gefördert, auch Gastbaumarten dürfen zeigen, wie gut sie sich ins Ökosystem einfügen.
Keine Experimente dagegen gibt es beim Wild, starke Bejagung hält die Bestände klein. Wo kein Rehverbiss den jungen Bäumchen den Lebenstrieb nimmt, braucht es keine teuren Schutzmaßnahmen und keine mühevolle Pflanzarbeiten. Das minimiert Kosten und Ausfallrisiko. All diese Maßnahmen gehören zu den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft (ANW), einem Zusammenschluss von Waldbesitzern, Forstleuten, Wissenschaftlern und interessierten Laien. Ihr Ziel ist ein vielgestaltiger Wald, der sich selbst erneuert, ein Dauerwald.
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Auch im Untergrund gibt es größere Wasserstoffvorkommen – unter anderem unter den Pyrenäen. Doch wie viel Wasserstoff entsteht dort wirklich?
Das Prinzip eines solchen Dauerwaldes ist nichts wirklich Neues, hat aber dennoch Nischencharakter: Hierzulande wachsen Wälder nicht einfach, sie werden aufgebaut, vielfach in Form von Fichtenmonokulturen. Das hat jahrhundertelange Tradition. Kritische Stimmen sagen: Diese Tradition ist ein Fehler, durch den der Wald keine Zukunft hat. Kritiker der bisherigen deutschen Waldbaupraxis sind Prominente wie der Förster Peter Wohlleben ebenso wie eine Reihe von Wissenschaftlern, darunter Pierre Ibisch, Professor für Nature Conservation an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, der als Sachverständiger auch den Deutschen Bundestag berät. Zu ihnen gehören auch die großen deutschen Naturschutzverbände und viele Forstpraktiker.
Ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt, knapp die Hälfte davon ist in Privatbesitz. In den vergangenen zehn Jahren hat die Waldfläche geringfügig zugenommen – um 50.000 Hektar, das entspricht 0,4 Prozent am Gesamtanteil. Doch immer mehr Bäume sind abgestorben, vor allem in den Jahren 2018 bis 2020 mit ihren heißen, trockenen Sommern. Längst sind nicht mehr nur die flachwurzelnden Fichten davon betroffen, auch Buchen- und Eichenwälder leiden.
„In den letzten Jahren ist der Klimawandel endgültig und für alle sichtbar im deutschen Wald angekommen“, heißt es im einem Bericht des Thünen-Instituts zur Waldzustandserhebung 2020. „Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten hat verbreitet zum vorzeitigen Abfallen der Blätter geführt. Bei der Fichte begünstigte sie die weitere Massenvermehrung von Borkenkäfern. Der Kronenzustand hat sich 2020 gegenüber den Vorjahren bei allen Baumarten weiter verschlechtert. Verstärkt wurde ein Absterben von Bäumen beobachtet.“
Dennoch, so schreibt das Braunschweiger Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, könne man nicht von einem „Waldsterben“ reden. „Der Wald verschwindet nicht, sondern andere Bäume können die entstehenden Lücken zum Aufwachsen nutzen, sodass wieder Wald entstehen kann.“ Bleibt die Frage: Welche Bäume können in Zukunft bestehen? „Das lässt sich nicht endgültig beantworten“, sagt Franz Straubinger, nimmt seine junge Tiroler Bracke an die Führleine und stapft mit großen Schritten in das Grün hinein, das er verantwortet. Seit 32 Jahren ist Straubinger Betriebsleiter des Forstbesitzes der Familie Hatzfeldt-Wildenburg.
Wie in einem Naturtheater wechseln sich hier auf einem Waldstück im Siegerbergland Licht und Schatten ab. Kühl ist es in diesem Wald, ein Effekt, der gewünscht ist: So trocknen die Böden nicht aus, und sie behalten ihre Funktion als Wasserspeicher. Türkisgrüne Flechten kleben an den Stämmen ringsum, Pilze sprießen auf Baumruinen, in denen Fledermäuse ihr Zuhause finden – ebenso wie Bilche, Hohltauben und Waldkäuze. Hier wächst er, der Wald, der Zukunft hat.
Straubingers Chef, Hermann Graf von Hatzfeldt-Wildenburg-Dönhoff, ist der größte Privatwaldbesitzer in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. In die Wiege gelegt war dem Grafen das ökologische Wirtschaften nicht: Als er die Ländereien seiner Familie im Jahr 1969 übernahm, fand er eine Kahlschlagswirtschaft vor. Von Naturnähe und Artenreichtum keine Spur.
Von der Monokultur zum Mischwald
Den Wendepunkt brachte der größte Windwurf der deutschen Geschichte in den letzten Februartagen des Jahres 1990: Sturmtief Wiebke zerstörte Wälder in halb Europa. Inmitten seiner Schneise lag der Hatzfeldt-Wildenburgʼsche Besitz. Die Wiederherstellung von Infrastruktur und Neuanpflanzung kostete so viel, dass vom Holzverkauf kaum Geld übrigblieb. So konnte es nicht weitergehen – der Wald-Graf stellte den Betrieb konsequent auf einen naturgemäßen Waldbau um. Auf einer Fläche von gut 15.000 Hektar betreiben die angestellten Förster und Waldarbeiter seither in Rheinland-Pfalz wie auch in Brandenburg und Thüringen eine ökologisch und ökonomisch ausgerichtete Waldwirtschaft.
Entstanden ist ein Mischwald, wie ihn sich auch die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft wünscht: ein dichter, geschlossener Forst mit Naturverjüngung und einem hohen Anteil einheimischer Laubbäume, zertifiziert nach den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC). „Wir haben eine bunte Palette der Biodiversität geschaffen“, sagt Straubinger und zählt ein paar Baumarten auf: „Da ist die Eiche, die Buche, die Fichte, die Weißtanne, die Lärche, der Bergahorn, die Esche, die Douglasie, die Kirsche, ein paar Gastbaumarten.“ In den Wäldern äsen Rehe und wühlen Wildschweine, schnüren Füchse und jagen Uhus, Bilche dösen in Baumhöhlen, Schwarzstörche bauen ihre Nester.
Eine Besonderheit sind die Gastbaumarten, die aus Südeuropa, der Türkei und dem Kaukasus, aus Nordamerika, ja sogar aus Ostasien stammen. Im Siegerbergland wachsen neuerdings Hemlocktannen, die sonst in den Rocky Mountains zu Hause sind, neben den europäischen Weißtannen. Neubürger im Mischwald sind auch die Roteiche, die orientalische Buche, die Küsten-, Nordmann- und Bornmüllertanne.
„Auch die Esskastanie ist ein zukunftsfähiger Baum“, sagt Straubinger. „Sie kann an vielen Standorten wachsen, verträgt sich mit Eiche und Weißtanne, hat ein hartes, leicht spaltbares Holz und durch ihre Blüte einen hervorragenden Honig – plus Früchte, die für viele Waldtiere attraktiv sind. Es werden aber sicher keine Kastanienwälder entstehen, wir brauchen die Vielfalt.“ Wichtig ist, dass diese Kandidaten nicht nur Hitze und Dürre besser vertragen, sondern auch schneereiche kalte Winter und Spätfröste im Frühjahr.
Wo gearbeitet und auch geerntet wird, geschieht das mit Blick auf den Bodenschutz. Denn wenn das Erdreich zusammengepresst wird, kommt irgendwann keine Wurzel mehr durch. Also soll der Boden so wenig wie möglich verdichtet werden. Schon beim Einsatz der Forstmaschinen lässt sich da einiges machen, etwa durch mehr und größere Reifen der Traktoren, einen niedrigeren Reifeninnendruck oder Verteilung der Last über Bänder. Und die Wege zum Abtransport des Holzes – die Rückegassen – sollten einen Mindestabstand von 40 Metern haben.
Auf den 7700 Hektar in Rheinland-Pfalz, die Straubinger verwaltet, gibt es aber auch Flächen, die nicht für die Waldwirtschaft genutzt werden. Der Förster nennt sie Naturwaldzellen. Diese Referenzflächen verraten mehr darüber, was passiert, wenn der Wald sich komplett ohne das Zutun des Menschen selbst entwickelt.
Es ist schmerzhaft, wenn ein 120 Jahre alter Buchenreinbestand in sich zusammenbricht, weil der Klimawandel ihn erwischt hat. Straubinger steht mitten in den sterbenden Buchen, wirft einen Blick in die lichten Kronen, Bedauern liegt in seiner Stimme. „Da oben hat es im Sommer 50 Grad im Schatten, die Bäume müssen das Wasser über 30 Meter in die Krone hochpumpen. Das schaffen die nicht mehr.“ Die Buchen leiden an massiven Trockenstress, ringförmig platzt ihnen die Rinde ab. Nicht nur hier, sondern überall in Deutschland mehren sich die Zweifel, ob die Buche ein Baum der Zukunft ist. Wenige Trockenjahre haben ausgereicht, um sie ihrer Vitalität zu berauben.
Trockenheit ist eine Herausforderung für den Wald im Jahr 2050. Schaut man sich im deutschen Wald 2021 um, so sieht man wenig von nachhaltiger Waldwirtschaft. Stattdessen hat der deutsche Ordnungssinn die Natur in die Mangel genommen. Wo Dürre und Borkenkäfer in den vergangenen drei Jahren für Schäden gesorgt haben, wurden Bäume gefällt, gerückt, gesägt, aufgeräumt. Kahlschläge erhöhen die Temperatur im Boden und lösen eine ökologische Kettenreaktion aus, an deren Ende eine verwüstete Landschaft mit einem völlig veränderten Mikroklima steht. Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hat das zusammen mit Kollegen in vielen Untersuchungen dokumentiert.
„Hitze in der Landschaft ist ein zentrales Problem, dem noch zu wenig Beachtung geschenkt wird“, schreibt er in einer Stellungnahme für den Umweltausschuss des Deutschen Bundestages. „Höhere Temperaturen wirken mehrfach schädlich auf Pflanzen. Neben Hitzestress und der Verringerung der Wasserverfügbarkeit durch Austrocknung des Bodens kommt die austrocknende Wirkung heißer Luft hinzu.“
Ibisch fordert deshalb ein Einschlagsmoratorium in naturnahen und vor allem älteren Laubmischwäldern. In Nadelbaumforsten müsse kurzfristig ein Verbot des Kahlschlags jeglicher Größe gelten. Nicht wenige Forstleute ballen bei solchen Worten die Faust in der Lodenjacke. Das Wort „Radikalgrüner“ fällt schnell, wenn man Ibischs Forderungen zur Diskussion stellt. Doch der ist entspannt: „Damit kann ich gut leben“, sagt er, „schließlich kommt radikal vom lateinischen Wort für Wurzel. Und ich bemühe mich, die Probleme bis zur Wurzel zu denken.“
Totholz steckt voller Leben
Betrachtet man den Wald an seiner Wurzel, sieht man: Forste mit hohen Humus- und Totholzvorräten sind günstig für Bodenfeuchtigkeit, Mikroorganismen und Baumwachstum. Franz Straubinger sagt: „Nie ist ein Baum lebendiger als in der Zeit seines Todes.“ Er zeigt auf eine mächtige Buche, an deren Stamm es sich fußballgroße Konsolenpilze gemütlich gemacht haben. Noch steht der Baum, doch sein Ende ist abzusehen. Die Pilze zehren im Inneren Lignin auf, das für die Verholzung von Zellen verantwortlich ist. Mit dem Tod wird der Baum zu Nahrungsquelle, Lebensraum und Brutstätte, alles in einem. Tausende spezialisierte Bakterien, Pilze, Moose und Flechten oder Käfer leben von ihm. Spechte bauen ihre Höhlen im Totholz. Auch Wildkatzen finden in Baumhöhlen ihren Platz. Und Samen von Nadelbäumen nutzen den von Moos bewachsenen toten Baum als Keimstätte. Ohne Zutun wachsen jungen Sprösslinge heran.
Doch tote Bäume einfach stehen und dem natürlichen Zerfall überlassen? Damit verdienen Waldbesitzer kein Geld. Forstwirtschaft ist vor allem eine Sache der Ökonomie. Waldbesitzer finanzieren mit der Holzernte die Ausbildung ihrer Kinder oder die eigene Rente. Lange galt der Wald als die Sparbüchse der Bauern, weil sie bei Missernten mehr Holz schlagen konnten. Das Geschäft mit Kiefern und Fichten boomte. Beide Baumarten wachsen schnell. Bis sie erntereif sind, dauert es nur 80 Jahre.
Doch das war einmal. Stürme, die extreme Dürre und Borkenkäferbefall haben den Wäldern in Deutschland vor allem in den vergangenen drei Jahren immens zugesetzt. Fachleute gehen von einem Schadholzbefall von 171 Millionen Kubikmetern und einer zerstörten Fläche von 277.000 Hektar aus, die wiederbewaldet werden muss. Die Ergebnisse der aktuellen Waldzustandserhebung 2020 gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebung. Der Anteil von Bäumen ohne Kronenverlichtung war mit 21 Prozent noch nie so gering. Nur noch wenige Bäume sind vital, die Wälder siechen dahin.
Waldwirtschaft ist ein Verlustgeschäft geworden. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat den Eigentümern deshalb Hilfe in Aussicht gestellt. Unter anderem hat der Bund Ende 2020 eine Waldprämie bewilligt. 500 Millionen Euro wurden für private Waldbesitzende und kommunale Forsten zur Verfügung gestellt. Einzige Bedingung: ein Siegel nach Zertifizierungskriterien von Organisationen wie dem Forest Stewardship Council (FSC) oder dem Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes (PEFC). Ob der Empfänger seinen Wald naturnah bewirtschaftet oder Kahlflächen produziert, ob es um den größten Privatwaldbesitzer Deutschlands Thurn und Taxis geht oder um Eigentümer von wenigen Hektar – was mit dem Geld gemacht wird, das interessiert das Ministerium nicht. Nur wer in den vergangenen drei Jahren schon mehr als 200.000 Euro Fördergeld bekommen hat oder weniger als einen Hektar besitzt, geht leer aus.
Zu diesem Gießkannenprinzip regt sich Protest. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte der Präsident vom Naturschutzbund Deutschland, Jörg-Andreas Krüger: „Das eigentlich Schlimme ist, dass der PEFC nur den gesetzlichen Mindeststandard zertifiziert. Dafür wird jetzt Geld gezahlt. Das ist für uns vom NABU ein Einstieg in eine ähnliche Fehlentwicklung, wie wir sie in der Agrarpolitik erleben.“
Für Leistung bezahlen
Auch Straubinger hält die Waldprämie für verfehlt, weil sie nicht eine nachhaltige, klimaresistente Waldentwicklung fördere. Er spricht sich für eine CO2-Honorierung der Waldwirtschaft aus. Dahinter steht der Gedanke, dass der Wald als die größte CO2-Deponie Deutschlands bisher kostenlos arbeitet.
Deutschland stößt jedes Jahr etwa 810 Millionen Tonnen des Treibhausgases aus, davon schlucken die Wälder etwa 60 Millionen Tonnen. Vor einem Jahr forderte die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Waldbesitzerverbände für diese Leistung eine Art Vergütung. Pro Hektar Wald werden im Schnitt 5 Tonnen CO2 jährlich gespeichert – streng genommen binden die Bäume den Kohlenstoff und geben den Sauerstoff an die Luft ab. Da eine Tonne CO2 im Europäischen Emissionshandel etwa 25 Euro wert ist, stehen einem Waldbesitzer 125 Euro pro Hektar im Jahr zu. Konzeptidee und Berechnung sind nachvollziehbar, werfen aber weitere Fragen auf: Was passiert, wenn das Holz gefällt und verbrannt wird und dadurch wieder CO2 frei wird? Oder bei einem Waldbrand? Muss die Prämie in solchen Fällen zurückgezahlt werden? Und haben das Geld dann nicht auch Moorlandschaften verdient, die riesige Mengen CO2 speichern?
Straubinger steigt über einen moosbepackten Wurzelteller, streift einen Brombeerzweig und dreht sich im Kreis, um all das Wachstum um sich herum in den Blick zu nehmen. „Wir sind zwar die Eigentümer, doch der Wald ist auch Teil der Gesellschaft. Wir können nicht entscheiden, ob Leute hier spazieren gehen oder nicht, ob die Emissionen steigen oder es eine Energiewende gibt. Wir können den Wald auch nicht einpacken und an einem anderen Ort wieder aufbauen.“
Der kleine Ausflug in den Wald der Zukunft endet mit der Fahrt zurück zum Verwaltungssitz Schloss Schönstein. Unterwegs macht der Forstmann noch einen Schlenker vorbei zu einem kleinen Waldparkplatz. Alu-Dosen liegen am Boden verstreut. Ein paar Meter weiter hat jemand Bauschutt und einen alten Schrank in dem Bachlauf entsorgt, den Waldarbeiter Jahre zuvor in mühevoller Kleinarbeit von alten Rohren befreit und damit renaturiert haben. „Es ist dramatisch“, sagt Straubinger, „vor allem seit Corona. Die Gesellschaft schätzt den Wald nur in seiner Funktion, aber nicht als Lebewesen.“
Dabei ist dieses Lebewesen ein Verbündeter gegen den Klimawandel, ein Dienstleister als Wasserspeicher, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter im Bereich Biodiversität und ein Freund für erholsame Spaziergänge. Doch der Druck auf den Wald nimmt zu. Es gibt einen Bauboom mit Holz und einen Trend zum Heizen mit Holzpellets. Auch der Bedarf an Verpackungen aus Papier, Pappe und Karton nimmt zu – im ersten Corona-Jahr wuchs er laut Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft um knapp sieben Prozent.
Doch Forstexperte Ibisch sagt: „Waldentwicklung kann nur zeitgleich mit anderen Maßnahmen und einem Bewusstseinswandel auf allen Ebenen wirksam sein.“ Damit der Wald eine Zukunft hat, braucht es viele Entwicklungshelfer.
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