Die Weltbevölkerung wächst und wächst und wächst. Doch in Zukunft könnte dieser Trend sich umkehren, wenn nach dem “Baby-Boom” die “Baby-Pleite” kommt. Denn weltweit entscheiden sich immer weniger Frauen dafür, mehrere Kinder zu bekommen und das nicht nur in den reichen Ländern.
Das klingt wie eine gute Verheißung, würde es doch den armen Ländern den Weg aus der Überbevölkerung weisen. Aber eine Welt mit immer weniger Kindern wird eine andere sein als unsere heutige. Sie wird von alten Menschen und vom Mangel an jungen Arbeitskräften geprägt sein. Seit 1965 hat sich die mittlere Kinderzahl pro Frau die sogenannte Fertilität von 5 auf 2,7 fast halbiert. Dieser Trend scheint sich fortzusetzen. Bei 2,1 Kindern pro Frau liegt jedoch eine entscheidende Grenze: Ist die Fertilität geringer, ersetzt die Generation der Kinder nicht mehr die der Eltern und die Bevölkerungszahl schrumpft. Bisher nahmen Bevölkerungswissenschaftler an, dass sich die weltweite Fertilität bei dieser Grenze stabilisieren würde. Nun wird diese Annahme aber bezweifelt. Anfang März dieses Jahres verkündeten Experten auf einer Konferenz der UN Population Division in New York: Zahlreiche Staaten, die im vergangenem halben Jahrhundert Schrittmacher des Bevölkerungswachstums waren, werden voraussichtlich innerhalb von 20 Jahren unter der entscheidenden Grenze liegen. Zu ihnen gehören China, Indien, Brasilien, Indonesien und Mexiko. Der Trend hat die unterschiedlichsten Länder erfasst: steinreiche und bettelarme, katholische und islamische, solche mit einer rigiden Familienplanung und andere ohne. Ob dieser Entwicklung ungebrochen anhält, ist ungewiss. In vielen afrikanischen Ländern liegt die Fertilität nach wie vor sehr hoch. Der Rückgang der Kinderzahlen pro Familie hat sich dort in vielen Regionen wieder verlangsamt. In anderen Ländern hat sich die Fertilität auf einem hohen Niveau stabilisiert. Argentinien und Uruguay liegen seit 50 Jahren bei 2,5 bis 3 Kindern pro Frau.
Was aber geschieht, wenn die Fertilität weiter sinkt? Nach einem der verschiedenen Szenarien, die auf der Konferenz präsentiert wurden, erreicht die Weltbevölkerung im Jahre 2050 mit 7,5 Milliarden Menschen ihr Maximum. Anschließend geht es abwärts: Im Jahre 2150 leben danach nur noch 5,3 Milliarden Menschen auf der Erde, soviel wie in den neunziger Jahren. Nach Schätzungen der UN, die noch von einem moderateren Sinken der Fertilität ausgehen, werden dann 33 Prozent der Menschen 60 Jahre oder älter sein, heute sind es lediglich rund 10 Prozent. Niedrigere Fertilitäten werden diese Situation noch verschärfen. Für die Welt mag dies noch ein ungewisses Zukunftszenario sein. In Europa steht diese Entwicklung bereits vor der Tür. Hier sind die Kinderzahlen pro Frau schon seit geraumer Zeit niedrig. Im Jahre 2050 werden nach UN-Schätzung noch etwa 600 Millionen Menschen leben, 100 Millionen weniger als zurzeit. Von diesen Menschen werden rund 37 Prozent 60 Jahre oder älter sein, derzeit sind es etwa 20 Prozent. Die Gründe für den weltweiten Kinderschwund sind vielschichtig. Heute leben rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, in Zukunft werden noch wesentlich mehr sein. Während Kinder auf dem Land eine Hilfe sein können, stellen sie in Städten eher eine Belastung dar. Frauen sind zunehmend besser ausgebildet und übernehmen mehr und mehr Verantwortung in Beruf und Gesellschaft. Für Kinder bleibt da keine Zeit. “Die Frauen stimmen mit ihren Bäuchen ab”, charakterisiert das britische Wissenschaftsmagazin ” New Scientist den Zusammenhang. Die nordeuropäischen Länder kennen vielleicht einen Ausweg. Dort haben Frauen europaweit die höchsten Kinderzahlen. Die durchschnittliche Schwedin bekommt wie die Durchschnitts-Britin im Schnitt 1,6, die Norwegerin gar 1,8 Kinder. Das Geheimnis: Die männlichen Partner beteiligen sich häufiger an der Kindererziehung, der Staat stellt Kinderhorte und Teilzeitstellen zur Verfügung. “Die beste Familienpolitik ist die, die es den Müttern ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften”, sagt Rainer Münz Bevölkerungswissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Lesen Sie hierzu auch das Interview von Wissenschaft.de mit dem Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz .
Weiterführende Links:
Webseiten der UN Population Division in New York Ausführliches Handbuch zur Demographie vom Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung Informationen zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland vom Statistischen Bundesamt
Bericht der Zuwanderungskommission
ddp/bdw – Florian Sander





