Jetzt haben sie uns eingeholt, die Jobkiller. Vor 20 Jahren diskutierten Politiker, Gewerkschaftler und Medien über sie: Chips statt Jobs, Arbeitslosigkeit durch Roboter, die menschenleere Fabrik – und wie die Schlagworte alle hießen. Doch dann verstummten die Kassandrarufe fast gleichzeitig mit dem Boom der Computer in Kinderzimmern und auf Schreibtischen.
Heute spüren wir die Folgen der Mikroprozessor-Revolution – aber ganz anders als die Kritiker es damals erwartet hatten: Trotz Wirtschaftswachstums steigt die Arbeitslosigkeit, und manch besorgte Stimme fragt, ob dies nicht nur ein Anfang ist: hochbezahlte Arbeit als Ausnahme, Jobsuche als Regel. Haben wir die neuen Technologien verschlafen? Haben uns profitsüchtige Unternehmer im Stich gelassen, indem sie Arbeitsplätze ins Ausland verlagern? Haben machtverliebte Politiker zu wenig für die soziale, wirtschaftliche und technologische Absicherung unseres Lebensstandards getan? Waren wir einfach zu satt, um noch flexibel auf die neue Zeit zu reagieren?
Reiner Korbmann über neue Technologien und die wahren Ursachen der Arbeitslosigkeit Sicher sind diese Vorwürfe zum Teil richtig. Doch sie helfen kaum, die wirklichen Ursachen der Massenarbeitslosigkeit zu finden. Die stecken in zwei Veränderungen, die wir in den letzten Jahren miterlebt haben: im Zusammenbruch des Sowjetreiches, der die globale Konfrontation und damit den Wettbewerb der Systeme beendete, im rasanten Fortschritt der Mikroelektronik, greifbar durch den Siegeszug der Personal-Computer und der neuen Kommunikationstechnik.
Beides führt dazu, daß immer mehr Produktionsstätten auch deutscher Firmen im Ausland entstehen. Das Ausbleiben ausländischer Investitionen in Deutschland zeigt, wie wenig dieses Land zu bieten hat. Andererseits gelingt es heute Managern, ihre Betriebe in Indien oder Malaysia per Datenleitung ebenso effektiv zu steuern wie im Nachbarort. Zugleich sichert dieser Schritt die Nähe zu neuen, wachsenden Märkten und zu preiswerten Arbeitskräften. Dürfen wir es den Unternehmern verübeln, wenn sie diese Chancen wahrnehmen? Außerdem tun sie genau das, was von sozial orientierten Kritikern immer wieder gefordert wird: Sie geben den Entwicklungsländern eine Chance zur Selbsthilfe.
Oder war das mit der Entwicklungshilfe gar nicht so gemeint? Da haben uns die neuen Techniken einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Selbst hochautomatisierte Fabriken in Deutschland sind keine Lösung. Sie schaffen Umsatz, aber weniger Arbeitsplätze als sie einsparen.
So bleibt uns nur, mit den Pfunden zu wuchern, die wir haben: ein hohes Ausbildungsniveau und eine gute Qualität der Forschung – und flexibel auf die neuen Anforderungen zu reagieren. Doch wenn die Reform der Hochschulen um Jahre verschleppt und vor allem an den Universitäten gespart wird, wenn die Industrie ein Siebtel aller eigenen Forscher abbaut, dann sind Zweifel erlaubt, ob das gelingen kann.
Wer Innovationen fordert, muß wissen, daß dabei das Umdenken der wichtigste Teil ist. Flexibilität, Mut und Offenheit für Neues sind hierzulande aber knappe Ressourcen. Die wahren Jobkiller stecken nicht in den Computern, sondern in den Köpfen: Feigheit, Arroganz und Unbeweglichkeit. Ein leerer Bauch, so eine alte Weisheit, setzt Energien im Gehirn frei. Müssen wir es erst so weit kommen lassen?
Reiner Korbmann





