Die Shanidar-Höhle im Nordosten des Irak ist unter Anthropologen berühmt. Denn in ihr entdeckte der Archäologe Ralph Solecki in den 1950er Jahren die Überreste von gleich zehn Neandertalern – Männern, Frauen und Kindern. Einige von ihnen waren offenbar von Felsbrocken getötet worden, die von der Höhendecke hinabgefallen waren. Andere jedoch schienen formell bestattet worden zu sein – zumindest war dies Soleckis Ansicht. Als besonders überzeugendes Indiz dafür galt lange das “Blumengrab” des Skeletts Shanidar 4. Dieser Mann im mittleren Alter lag in Fötusstellung auf seiner linken Seite in dem Grab, um ihn herum wurden Pollen verschiedener Pflanzen, darunter auch Heilpflanzen gefunden. Aus diesen Merkmalen schlossen einige Wissenschaftler, dass dieser Mann Blumenschmuck als Grabbeigabe erhalten hatte und dass es sich möglicherweise um einen heilkundigen Schamanen handelte. Diese Interpretation der Funde ist allerdings stark umstritten.
Neuer Fund in alter Höhle
Trotz dieser Funde herrscht bis heute Unklarheit darüber, wie die Neandertaler ihre Toten bestatteten, ob sie bereits komplexere Toten- und Bestattungsrituale kannten und wie diese aussahen. Der Hauptgrund dafür: Als Solecki und seine Kollegen damals die Gebeine bargen, brachten sie die Fundschichten durcheinander und zerstörten dadurch wertvolle Informationen unter anderem über die zeitliche und räumliche Beziehung der einzelnen Toten zueinander. “Ein großer Teil der Forschung dazu, wie die Neandertaler ihre Toten behandelte, muss auf 60 bis 100 Jahre alte Funde zurückgreifen – aus einer Zeit, als die archäologischen Techniken noch weit begrenzter waren”, erklärt Erstautorin Emma Pomeroy von der University of Cambridge. Denn neue Funde von Neandertalern, noch dazu von ganzen Skeletten sind extrem rar und seit 25 Jahren nicht mehr vorgekommen, wie sie und ihre Kollegen berichten.
In der Hoffnung, zumindest einige ergänzende Informationen über die Shanidar-Neandertaler am alten Fundort aufzuspüren, sind Pomeroy und ihre Kollegen ab 2014 in die Shanidar-Höhle zurückgekehrt. Seither haben sie dort mit Unterbrechungen weitere Ausgrabungen durchgeführt. “Wir schätzten uns schon glücklich, wenn wir die Fundorte der Neandertaler aus den 1950er Jahren wiederfinden und die umgebenden Sedimente datieren könnten”, erklärt Grabungsleiter Graeme Barker von der University of Cambridge. Wir haben nicht erwartet, dort noch irgendwelche Neandertalerknochen zu finden.” Doch als die Forscher den alten Graben von Solecki wieder eröffneten und erweiterten, ragte sieben Meter unter dem Höhenboden plötzlich eine Rippe aus der Grabenwand. Nach und nach legten die Archäologen dann weitere Teile eines Skeletts frei, zuletzt auch den flachgedrückten Schädel des Toten.





