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Ein Mensch wie wir
Wir haben 7000 Sprachen hervorgebracht, rund 1200 Musikinstrumente geschaffen, vielerlei Tanzformen und Malstile sowie Dutzende wissenschaftliche Disziplinen entwickelt. Wir haben unser eigenes Genom entschlüsselt und andere Arten geklont, den Mond betreten und die Tiefsee erkundet, lebensrettende Medikamente…
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von ROLF HEßBRÜGGE
Wir haben 7000 Sprachen hervorgebracht, rund 1200 Musikinstrumente geschaffen, vielerlei Tanzformen und Malstile sowie Dutzende wissenschaftliche Disziplinen entwickelt. Wir haben unser eigenes Genom entschlüsselt und andere Arten geklont, den Mond betreten und die Tiefsee erkundet, lebensrettende Medikamente erfunden und todbringende Interkontinentalwaffen konstruiert. Wir, das ist der „kulturell moderne Mensch“, der als einziges Lebewesen zu abstraktem Denken fähig ist, und das nun schon seit – ja, seit wann eigentlich?
Für Aufsehen sorgte vor fünf Jahren die Meldung eines internationalen Forscherteams unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: Die rund 300.000 Jahre alten, bei archäologischen Grabungen im marokkanischen Jebel Irhoud gefundenen fossilen Knochen seien eindeutig dem Homo sapiens zuzuordnen. Sie sind damit die ältesten bislang bekannten Belege für die Existenz unserer Art. Allerdings waren diese anatomisch modernen Menschen zwar körperlich weitgehend auf Augenhöhe mit dem kulturell modernen Homo sapiens von heute – aber kognitiv noch lange nicht.
Mit „Homo“ bezeichnen Biologen jene Menschenaffen-Gattung, zu der auch unsere Art gehört. Homo sapiens ist der letzte Vertreter dieser Gattung, alle anderen sind längst ausgestorben. Zuletzt traf es den in Europa beheimateten Neandertaler, der etwa 230.000 bis 40.000 Jahre vor heute existierte, sowie den vorwiegend in Asien ansässigen Denisova-Menschen, der vor etwa 160.000 bis 14.500 Jahren lebte. Beide archaischen Menschenarten unterlagen vermutlich ab etwa 50.000 bis 40.000 Jahren vor heute in einem evolutionären Verdrängungswettbewerb dem aus Afrika eingewanderten Homo sapiens.
Homo sapiens bedeutet „kluger, verständiger Mensch“. Diese Bezeichnung trägt unsere Art zu Recht, wenn man sie mit Neandertalern oder Denisova-Menschen vergleicht. Zwar hatten diese archaischen Menschen ähnliche Fähigkeiten, konnten sprechen oder nutzten Werkzeuge, doch „vieles spricht dafür, dass der anatomisch moderne Mensch komplexer dachte und sprach als etwa der Neandertaler“, erklärt der Anthropologe Gerhard Weber von der Universität Wien. Homo sapiens war den archaischen Menschen letztlich kognitiv und kulturell überlegen.
Besondere Gehirnentwicklung
Die Homo-sapiens-Fossilien von Jebel Irhoud in Marokko lassen im Vergleich zu älteren Menschenarten bereits einen kleineren Gesichtsschädel mit schmalem Kauapparat und modern geformten Zähnen erkennen. Jean-Jacques Hublin und seine Kollegen wiesen per Mikro-Computertomografie und statistischen Analysen nach, dass sich der Gesichtsschädel damals kaum von dem heutiger Menschen unterschied. Allerdings war der Gehirnschädel zu jener Zeit noch länglicher, fast ellipsoid geformt und schmaler als heute.
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Die heutige eher kugelige Schädelform des Homo sapiens hat sich erst in den nächsten Jahrtausenden bis vor etwa 55.000 Jahren herausgebildet. „Das belegt ein Fund aus dem heutigen Israel“, sagt Weber und erklärt: „Zwischen 300.000 und etwa 55.000 Jahren vor heute tat sich etwas Bedeutendes: Die Hirnschädel veränderten ihre Form, sie wurden rundlicher. Und damit änderten sich vermutlich auch die kognitiven Eigenschaften.“ Wissenschaftler sprechen von evolutionärer Enzephalisation: Das menschliche Gehirn entwickelte sich zu einem immer größeren und leistungsstärkeren Organ – weil es immer wichtiger wurde.
An den Fundplätzen von Homo sapiens finden sich viel mehr archäologische Artefakte als zur selben Zeit bei archaischen Menschen. Das bedeutet, dass Homo sapiens in größeren Gruppen gelebt hat. Der Anthropologe Weber sieht hier einen Zusammenhang: „In der Zeit des Homo sapiens wurden die sozialen Gruppen immer komplexer. Dadurch wurden kognitive Kompetenzen, zum Beispiel die Fähigkeit, Allianzen zu schließen, immer essenzieller. Nun konnten nicht mehr nur große und starke Menschen, sondern auch solche mit besonders guten kognitiven Fähigkeiten viele Nachkommen in die Welt setzen – was die Währung des evolutionären Erfolges ist.“
Der Siegeszug der Haplogruppe L3
Ein Blick auf die jüngeren Äste des menschlichen Stammbaums von Homo sapiens belegt die Rolle der Genetik als Erfolgsfaktor. „Innerhalb der Art gab es offenbar eine besonders tüchtige und besonders mobile genetische Untergruppe, die letztlich die Welt erobert hat“, erklärt Gerhard Weber. „Von der sogenannten Haplogruppe L3 stammen im Prinzip alle nichtafrikanischen Menschen der heutigen Zeit ab, aber auch große Teile der heutigen afrikanischen Bevölkerung, insbesondere jene in Ostafrika.“
Vor etwa 50.000 bis 40.000 Jahren setzten unter den Vertretern jener Haplogruppe L3 große Wanderungsbewegungen ein. Ein Strom verlief ostwärts, von Afrika in Richtung Asien, und gelangte vor rund 46.000 Jahren bis nach Australien. Die andere Route verlief über Arabien, die Levante und Südosteuropa bis nach Westeuropa. Schließlich, um 40.000 vor heute, hatte Homo sapiens dort den Neandertaler komplett verdrängt – wobei die archaischen Europäer ihre Spuren in der rivalisierenden Art hinterlassen haben, durch Hybridisierung: Bis zu 48 Prozent der Neandertaler-Gene sind in uns modernen Menschen nachweisbar. Sie machen jedoch nur einen kleinen Teil unseres Genoms aus: Durchschnittlich etwa 1,5 bis 2,2 Prozent im Erbgut eines Europäers können auf den Neandertaler zurückgeführt werden.
Innovation schlägt Evolution
Für den Archäologen Nicholas Conard von der Universität Tübingen markiert der Zeitraum, in dem Homo sapiens Europa erreichte und dann recht schnell – innerhalb von wenigen Tausend Jahren – den Neandertaler verdrängte, diesen Übergang zum kulturell modernen Menschen. Womöglich, so Conard, sei es „die Konkurrenz zu den Ur-Einwohnern gewesen, die den Homo sapiens in seinem neuen Umfeld besonders erfindungsreich werden ließ. Vielleicht war es auch das gegenüber Afrika stark veränderte Klima, in dem Homo sapiens nun überleben musste. Die menschliche Entwicklung ist immer von den Rahmenbedingungen abhängig und passt sich ihnen an.“ Und am schnellsten gelingt dies nicht per Evolution, sondern durch Innovation.
Dazu passt, dass der globale Siegeszug der Haplogruppe L3 zeitlich mit einer wahren Explosion der geistigen Schaffenskraft zusammenfällt. Spuren davon finden sich bis heute entlang der Migrationsroute von Homo sapiens. „Spätestens ab 40.000 vor heute finden wir in Europa plötzlich ganz neue Kunstformen“, erklärt Conard. „Es gibt Schmuck mit dreidimensionaler Formgebung, zudem figürliche Darstellungen, teilweise sogar solche von Mischwesen, mit vermutlich spiritueller Symbolik. Das sind bahnbrechende kulturelle Neuerungen.“
Einige der „harten Beweise“ für die ab etwa 40.000 vor heute aufkommende Kreativität und Konstruktivität von Homo sapiens stammen aus Conards eigenen archäologischen Grabungen. So entdeckte er in einer Karsthöhle nahe Schelklingen am Südfuß der Schwäbischen Alb die „Venus vom Hohle Fels“. Diese rund sechs Zentimeter große Frauenfigurine aus Mammut-Elfenbein ist rund 40.000 Jahre alt und gehört damit zu den ältesten bekannten Darstellungen des menschlichen Körpers weltweit.
Kreativ und vernetzt
Ein weiterer eindrucksvoller Beleg für die Weiterentwicklung des Menschen ist der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal: Die Skulptur aus Mammut-Elfenbein stellt einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen dar. Für Conard ist das 35.000 bis 40.000 Jahre alte Artefakt ein Beleg für symbolhaftes Denken und die Fähigkeit zur Abstraktion, denn „klar ist: Löwenmenschen gab es nie – also konnten die damaligen Menschen vermutlich genau so komplex denken wie wir heute.“ Der Archäologe ist überzeugt: „Spätestens vor 40.000 Jahren war Homo sapiens dem Menschen des 21. Jahrhunderts kognitiv ebenbürtig.“
Ungefähr genauso alt wie die Frauenfigurine vom Hohle Fels und der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel sind diverse Flöten aus Geier- und Schwanenknochen sowie aus Mammut-Elfenbein, die in den vergangenen Jahrzehnten in Südwest-Deutschland gefunden wurden und in Conards Augen eine eigene Kulturdimension darstellen: „Musik beinhaltet viele Kommunikations-Merkmale, die über die figürliche Kunst hinausgehen. Musik bewegt die Menschen auf ganz andere Weise. Sie ist nicht räumlich gebunden und kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen weit über die lokalen Gruppen hinaus stiften. Somit waren auch die ersten Instrumente eine bahnbrechende Innovation.“
Allerdings verrät die Kurve der kulturellen Entwicklung des Homo sapiens auch Phasen der Stagnation. Dabei spielte das Klima eine wichtige Rolle: „Um 31.000 vor heute gab es in Europa eine signifikante Abkühlung und starke Wanderungsbewegungen“, erklärt Gerhard Weber. „Aus dieser Zeit sehen wir kaum einen kulturellen Fortschritt.“
Um 30.000 vor heute aber entstand ein Artefakt, das als bekanntester archäologischer Fund Österreichs gilt: Die 1908 in der Wachau gefundene „Venus von Willendorf“, eine Figurine aus Oolith. „Interessanterweise hat man per Gesteinsanalyse festgestellt, dass diese Venus oder zumindest ihr Ausgangsmaterial mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Norditalien stammt“, sagt Anthropologe Weber. Er sieht darin einen Beleg für die bereits in der Altsteinzeit bestehende weitreichende kulturelle Vernetzung verschiedener Populationen, was die kulturelle Entwicklung förderte.
Kulturelle Evolution beschleunigt
Anthropologen unterscheiden grundsätzlich zwischen kultureller und genetischer Evolution. „Einerseits“, so Gerhard Weber, „sind wir Menschen biologische Wesen und haben ein genetisches Vererbungssystem, über das wir bestimmte Fähigkeiten weitergeben – per Variation und Selektion.“ Noch vor zwei Millionen Jahren waren der Mensch beziehungsweise seine Vorläufer rein der Evolution unterworfene Lebewesen, „aber mit der Zeit sind wir mehr und mehr Teil eines kulturellen Systems geworden. Über dieses System können wir Wissen, Erfahrungen oder Fertigkeiten selbst an Nichtverwandte weitergeben und dabei sogar Generationen überspringen. Irgendwann nahm die Entwicklung auf dieser Schiene Fahrt auf.“
Die kulturelle Evolution hat einen beträchtlichen Geschwindigkeitsvorteil – nicht zuletzt dank des idealen Transportmediums Sprache. „Unser Überlebensdrang bringt es mit sich, dass wir uns Bewährtes merken und es an unsere Gemeinschaft weitergeben. Wenn wir aber mit dem Bewährten nicht weiterkommen, probieren wir etwas Neues aus und geben auch das bei Erfolg weiter. Das ist wohl einer der Gründe, warum die Entwicklung des anatomisch modernen Menschen vor etwa 40.000 Jahren auf einmal so rasant, ja geradezu exponentiell verlief.“ Letztlich, so Weber, resultiere der Fortschritt des Homo sapiens aus einer kumulativen Entwicklung. „Je größer eine Gruppe ist – bis hin zur heutigen globalisierten Gesellschaft –, desto größer ist das Tempo des Fortschritts.“
Dass Homo sapiens ab etwa 50.000 vor heute von Afrika aus die Welt erobern konnte, lag folglich auch an seiner ausgeprägten Geselligkeit. Weber betont: „Natürlich zeigen andere, tierische Primaten teils ähnliche soziale Verhaltensweisen wie wir. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: die pure Freude daran, jemandem zu helfen, jemandem etwas zu erzählen oder jemandem etwas zu essen anzubieten, zu teilen, sich mitzuteilen und dabei Informationen auszutauschen. Diese menschliche Freude regt uns immer wieder zu Kommunikation und Handlungen an, die vordergründig überflüssig sind, uns aber in der Entwicklung voranbringen.“
Schon früh ermöglichten die größeren, zusehends besser vernetzten Gruppen Homo sapiens eine effizientere Arbeitsteilung als etwa dem Neandertaler, der vorwiegend in kleineren Familienverbänden lebte. Und diesen Vorteil baute er aus. Spätestens im Neolithikum, das im Nahen Osten vor etwa 11.500 Jahren begann, hatte Homo sapiens sehr große Gruppen beziehungsweise Gesellschaften mit einer ausgeprägten Spezialisierung auf bestimmte Handwerke hervorgebracht, erklärt Weber. „Das erworbene Expertenwissen wurde kulturell weitergegeben und stetig erweitert.“
Die Entwicklung zeige allerdings auch, dass man die kulturelle und genetische Evolution der Menschheit nicht voneinander trennen könne, betont der Anthropologe: „Einerseits beeinflusst unser Erbgut das, was wir tun – andererseits hat unser Tun Einfluss auf die Genetik: Als die Menschen vor einigen Tausend Jahren Kuhmilch als nahrhaftes Lebensmittel entdeckten, war Laktosetoleranz plötzlich ein evolutionärer Vorteil“, erklärt Weber und nennt noch ein wesentlich früheres Beispiel: „Vor über einer Million Jahren, als die frühen Menschen dazu übergegangen waren, ihre zuvor harte und zähe Nahrung weichzuklopfen, zu rösten oder zu kochen, begann der Kauapparat, sich zurückzubilden. Stattdessen konnten sich die Menschen zusehends mehr Volumen im Bereich des Hirnschädels leisten.“
40.000 Jahre – mindestens
Seit 40.000 Jahren also ist der Mensch jenes zu kognitiver Höchstleistung fähige kulturelle Wesen, das wir heute kennen. „Vielleicht sollte man besser sagen: seit mindestens 40.000 Jahren“, schränkt Nicholas Conard ein. „Wir Archäologen wissen nicht, ob es noch ältere Belege für fortgeschrittene kulturelle Tätigkeit gibt – auch auf anderen Kontinenten“, betont der Forscher. „Da sind zum Beispiel die Wandmalereien in der Kalksteinhöhle Leang Bulu Sipong 4 im Süden der indonesischen Insel Sulawesi, die bereits um 42.000 vor heute entstanden sein sollen. Aber hier ist die Datierung problematisch, weil es dort keine Fossilien gibt, deren Alter sich per Radiokohlenstoffdatierung bestimmen ließe.“
In Afrika, der Wiege von Homo sapiens, gab es so etwas wie Malerei sogar noch viel früher: Der südafrikanische Archäologe Christopher Henshilwood entdeckte 2009 in einer Höhle im äußersten Süden seines Heimatlandes ein kleines Ockerstück mit rautenförmigen Ritzungen, das angesichts der geologischen Schicht, in der es gefunden wurde, weit über 70.000 Jahre alt sein könnte. An derselben Stelle fanden Henshilwood und seine Kollegen noch weitere verzierte Ockerstücke sowie ein Stück Silikatgestein, verziert mit drei rötlichen Linien, die von sechs weiteren Linien gekreuzt werden. „Das ist die älteste bekannte, wenn auch rudimentäre menschliche Kunst und – wenn man so will – eine erste Überlieferung von abstraktem Denken“, erklärt Weber. Angelegt war das Potenzial des Menschen also sehr früh.
Den entscheidenden Entwicklungssprung zum Menschen, der denkt und sich so verhält wie wir, sehen die Archäologen jedoch vor etwa 40.000 Jahren. Der Homo sapiens dieser Zeit sei bereits gewesen wie wir und hätte, wie es Conard veranschaulicht, „problemlos die deutsche Sprache lernen, ein Studium abschließen und anschließend für Google oder Mercedes arbeiten können“.
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