von KLAUS-DIETER LINSMEIER
Als Attila im Jahr 452 den Norden Italiens heimsuchte, ließ er die Stadt Aquileia niederbrennen. Damit der als „Geißel Gottes“ gefürchtete Hunnenkönig den Anblick der Flammen angemessen genießen konnte, nahmen seine Krieger ihre Schilde und Helme als Schaufeln und errichteten ihm einen monumentalen Aussichtspunkt.
So jedenfalls erklärt eine alte Legende, warum mitten im schönen Udine, zwischen Adria und Alpen, ein dreißig Meter hoher Hügel aufragt. Er ist fast rund und mehrere Hektar groß. Im Mittelalter krönte ihn eine Burg, seit der Renaissance steht dort ein Schlösschen, daher der heutige Name „Colle del Castello“.
Viele Generationen zerbrachen sich schon den Kopf darüber, ob die Erhebung in der friaulischen Ebene natürlichen Ursprungs sei oder menschengemacht. Lange glaubte man, zumindest der Kern des Hügels sei auf natürliche Weise entstanden: als Moräne von den letzten Eiszeitgletschern zurückgeblieben, vor Urzeiten als Geröll angeschwemmt oder im Zuge der Alpenbildung aufgeworfen. Solche Beispiele finden sich viele in Udines Umgebung. Auf diesem natürlichen Kern lägen dann die Reste der jahrhundertelangen Besiedlung.
Das klang plausibel. Doch als man 1943 versuchte, Tunnel in die Flanken des Hügels zu treiben, um dort bei Luftangriffen Schutz zu finden, stieß man nur auf Kies und Sediment. Es gab keinen soliden Felsen. Die Arbeiten mussten sogar nach wenigen Wochen abgebrochen werden, weil Häuser auf der Kuppe erste Schäden zeigten – der Untergrund hatte nachgegeben.
In den 1980er-Jahren gingen Archäologen dem Ursprung des „Colle“ weiter nach, zum Teil im Zusammenhang mit anderen Baumaßnahmen, zum Teil mit gezielten Grabungen. Sie stießen dabei erwartungsgemäß auf einige mittelalterliche Baureste und römische Fundamente. Eine Überraschung aber war eine gut 40 Quadratmeter große prähistorische Abfallgrube.
Diese „Fossa Bronzo“ barg Tausende von Keramikscherben, die sich den Gefäßtypen gemäß der norditalienischen „Keramikchronologie“ zuweisen ließen. Die meisten Scherben stammten demnach aus der Bronzezeit, genauer gesagt aus dem Übergang von der Mittleren zur Jüngeren Bronzezeit, ein wenig Eisenzeit war auch dabei.
Es wäre nun zwar möglich gewesen, dass Attilas Hunnen zum Aufschichten des Hügels Erde aus älteren Bodenschichten abgegraben und neu aufgehäuft hätten. Dadurch wären vielleicht auch ältere Scherben nach oben gelangt. Doch eine ganze Grube wie die „Fossa Bronzo“ hätte sich auf diese Weise wohl kaum erhalten.





