Die Wiege einiger unserer frühesten Vorfahren stand im Afar-Dreieck – einer kargen Wüstengegend im Norden Äthiopiens. Hier lebten vor 3,2 Millionen Jahren eher schmächtige, noch stark behaarte, aber schon aufrecht gehende Primaten – Vormenschen der Art Australopithecus afarensis. Ihre berühmteste Vertreterin ist “Lucy”, ein 1974 entdecktes, fast vollständiges Skelett dieses Hominiden. Seither jedoch haben Wissenschaftler sowohl in der Afar-Region als auch im Süden Afrikas weitere teilweise gleichalte, teilweise ältere Australopithecus-Arten entdeckt. Zu ihnen gehören neben Lucys umittelbarem “Nachbarn” Australopithecus deyiremeda auch der etwas ältere Vormensch Australopithecus anamensis. Diese vor 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren lebende Spezies galt bisher als direkter Vorfahre von A. afarensis. Weil aber bisher nur Zähne und Kieferfragmente dieser Art gefunden wurden, blieb das Aussehen dieses Vormenschen im Dunkeln.
Erster Schädel eines Australopithecus anamensis
Das hat sich nun geändert. Denn Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History und seine Kollegen haben den ersten Schädel eines Australopithecus anamensis entdeckt. Den Oberkiefer dieses Schädels fand ein Mitarbeiter des Woranso-Mille-Projekts schon am 10. Februar 2016. Als dann die Forscher weitersuchten, stießen sie auf die restlichen Teile des Schädels. “Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich den Rest des Schädels entdeckte. Es war ein Heureka-Moment, ein Traum wurde wahr”, sagt Haile-Selassie. Um das Alter dieses Fundes zu bestimmen, analysierte eine zweite Forschergruppe um Beverly Saylor von der Case Western Reserve University in Cleveland Minerale aus vulkanischen Gesteinsschichten nahe der Fundstelle. Auf Basis der chemischen und magnetischen Merkmale dieses Umgebungsgesteins ermittelten die Forscher für den Schädel ein Alter von 3,8 Millionen Jahren.
Nun stellte sich die Frage, von welcher Spezies dieser “MRD-VP-1/1”, kurz MRD, getaufte Schädel stammte. Dafür führten Haile-Selassie und sein Team detaillierte Analysen der anatomischen Merkmale des Schädels durch. Durch Abgleich mit schon bekannten Australopithecus-Fossilien gelang es ihnen schließlich, die Spezies zu bestimmen: “Die Beschaffenheit des Oberkiefers und eines Eckzahns waren ausschlaggebend dafür, den Schädel der Art A. anamensis zuzuordnen”, berichtet Co-Autorin Stephanie Melillo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Damit bekommt das älteste bekannte Mitglied der Gattung Australopithecus nun endlich ein Gesicht. Denn der fast vollständige Schädel ermöglicht es erstmals, das genaue Aussehen dieser Vormenschenart zu rekonstruieren. Aus den Merkmalen schließen die Forscher zudem, dass dieser Schädel von einem Vormenschen-Mann stammt.





