bild der wissenschaft: Wenn man heute eine Umfrage machen würde – was meinen Sie, Frau Möllers, wie viele Leute könnten mit dem Begriff “Anthropozän” etwas anfangen?
Nina Möllers: In jedem Fall wesentlich mehr als noch vor vier oder fünf Jahren, denn kaum ein Begriff hat in so kurzer Zeit eine solche Konjunktur erlebt. Aber natürlich haben wir uns diese Frage auch gestellt, als wir mit den Vorbereitungen zur Ausstellung begannen und waren nicht überrascht, als eine Umfrage bei uns im Haus zeigte, dass nur wenige den Begriff kannten. Schließlich beschäftigen sich auch die Wissenschaften erst seit etwas über zehn Jahren intensiv mit dem Anthropozän. Letztlich geht es aber gar nicht darum, ein Label bekannt zu machen, sondern um die Phänomene, die dahinterstecken. Themen wie Ressourcenverbrauch, Klimawandel, Globalisierung oder Artensterben beschäftigen uns schon länger, aber bislang wurden sie häufig isoliert voneinander betrachtet. Der Begriff und das Konzept Anthropozän helfen uns, den Blick auf die Zusammenhänge und systemischen Wechselwirkungen zu lenken.
Der Geologe Reinhold Leinfelder spricht sich in seinem Essay “So gelingt die Menschenzeit” in der Dezemberausgabe von “bild der wissenschaft” stark dafür aus, die breite Öffentlichkeit in die Diskussion um die Zukunft einzubeziehen. Inwiefern trägt die Ausstellung “Willkommen im Anthropozän” dazu bei?
Als meistbesuchtes Museum Deutschlands haben wir das Glück, ein sehr breites Publikum zu haben. Egal, ob sie sich für biologische Fragestellungen oder für kultur- und sozialgeschichtliche Themen interessieren, das Ausstellungskonzept ermöglicht unterschiedliche Zugänge zu den Phänomenen des Anthropozäns. Was wir nur bedingt liefern, sind Antworten, denn die haben wir für die sehr aktuellen Themen des Anthropozäns natürlich auch noch nicht. Die Ausstellung bietet vielmehr eine Plattform mit fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, von der aus sich jeder selbst eine Meinung bilden kann. Konkret beteiligen können sich die Besucher im letzten Teil der Ausstellung, wo sie ihre Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Ideen aufschreiben und als Papierblume in ein großes Blumenfeld pflanzen können. Wie rege die Diskussion ist, sieht man an den vielen Büchern, die wir inzwischen aus den Papierblumen gebunden haben und in der Ausstellung zur Verfügung stellen.
Mit welcher Botschaft sollen die Besucher nach Hause gehen?
Wir möchten vermitteln, dass wir heute schon in einem von Menschen geprägten Zeitalter leben. Die Botschaft ist: Das Anthropozän ist bereits da! Ob es die Geologen tatsächlich als das nächste Erdzeitalter ausrufen werden, steht nicht im Vordergrund. Wichtiger ist, dass die Besucher sich als Akteure verstehen. Deshalb lautet unsere zweite Botschaft: Du bist anthropozän! Denn tatsächlich ist es so, dass wir alle – ob wir wollen oder nicht – das Anthropozän mitgestalten. Selbst wenn man sich entscheidet, nichts zu tun, beeinflusst man dadurch die Zukunft der Erde. Wir zeichnen aber kein Untergangsszenario, sondern zeigen neben den negativen Effekten unseres Tuns auch viele Handlungsansätze für eine große Transformation hin zu einem nachhaltigen Umgang mit unserem Heimatplaneten. Das Anthropozän ist also Herausforderung und Chance zugleich.





