Die Wikinger kamen mit Pferd und Hund - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusArchäologie
Die Wikinger kamen mit Pferd und Hund
Auf einem englischen Wikingerfriedhof aus dem 9. Jahrhundert wurden in einem Grab Knochen von Menschen und Tieren gefunden. Das Überraschende: Die Wikinger hatten diese Tiere über die Nordsee mitgebracht.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
von ALEXANDRA BLOCH PFISTER
Mehr als 300 Jahre überfielen, plünderten und brandschatzten Wikinger europäische Küstenregionen, drangen mit ihren schnellen Schiffen über die größeren Flüsse bis weit ins Landesinnere Europas vor und gründeten Siedlungen und Reiche in einem geografischen Raum, der von Grönland über Frankreich und Süditalien bis nach Russland reichte. Eine neue Studie weist nun erstmals nach, dass die kriegerischen Skandinavier bei ihren frühen Fahrten über die Meere auch Tiere mitführten.
Diese neue Erkenntnis basiert auf Knochenfunden aus einem Hügelgräberfriedhof bei Heath Wood im englischen Derbyshire. Dieser Bestattungsort stammt aus dem späten 9. Jahrhundert und ist der einzige bekannte Wikingerfriedhof auf den Britischen Inseln, auf dem die Verstorbenen eingeäschert beigesetzt wurden. Die Bestatteten waren demnach noch keine Christen wie die einheimischen Angelsachsen oder bereits andere Wikinger dieser Zeit; ihre Beisetzung war noch nach skandinavischer Sitte erfolgt.
Seit den 1940er-Jahren wurden auf dem Friedhof drei archäologische Grabungen durchgeführt, dabei 59 Gräber entdeckt und 20 davon ausgegraben und untersucht. Einige Hügelgräber enthielten Leichenbrand, andere zusätzlich Holzkohle, was auf eine vor Ort durchgeführte Verbrennung hinweist. Gefunden wurden neben den menschlichen und tierischen Überresten auch Waffen, Fragmente von Schwertern und Schilden, Kleidungszubehör und Nägel.
Tierknochen in Menschengräbern
Ein Team von Archäologen der Universitäten Durham, Brüssel und York unter Leitung von Tessi Löffelmann hat nun Knochenfunde der letzten Ausgrabung von 1998 bis 2000 einer Strontium-Isotopen-Analyse unterzogen. Die Funde dieser Grabung umfassen neben Knochen von Menschen auch Knochen eines Pferdes, eines Hundes und eines Schweines.
Die Tierknochen sind nicht die ersten hier gefundenen, bereits während der zweiten Grabung in den 1950er-Jahren wurden in einem der Gräber Pferde- und Hundeknochen sowie Knochen von einem Schaf oder einer Ziege entdeckt. Damals stuften die Forscher sie jedoch vermutlich als wenig interessant ein, sodass sie keinen Platz im Museum von Derby fanden. Die Knochen aus der letzten Grabung sind heute die einzigen Tierknochen dort.
Dass verstorbene Wikinger mit Tieren zusammen bestattet wurden, ist lange bekannt. Ein Reisebericht von Ahmad Ibn Fadlan aus dem Jahre 921 vermittelt ein sehr anschauliches Bild eines solchen Begräbnisrituals. Ibn Fadlan war im Auftrag des Kalifen von Bagdad an die Wolga gereist, um zu erkunden, wie die ins Stocken geratene islamische Expansion nach Norden wieder in Gang gesetzt werden könnte, nachdem die dort lebenden Chasaren zum jüdischen Glauben übergetreten waren. Vor Ort traf Ibn Fadlan auch auf Wikinger und durfte der Bestattung eines einflussreichen Kriegers beiwohnen, die er mit großem Interesse verfolgte und aufzeichnete.
Mehr aus Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Archäologie.
Der tote, prunkvoll gekleidete Krieger war auf einem Schiff aufgebahrt, das am Ende unter reger Anteilnahme der männerbündisch organisierten Gemeinschaft in Brand gesetzt wurde. Mit dem Krieger wurden eine Sklavin, zwei Pferde, ein Hund, zwei Kühe, ein Hahn und eine Henne verbrannt, die während des Begräbnisrituals geopfert worden waren.
Die Pferde hatte man getrieben, bis sie schwitzten und dann – im Augenblick höchster Kraftentfaltung – getötet. Eine mögliche Interpretation dieser Kultbehandlung ist, dass sie dadurch für ihren Besitzer ein Maximum an Vitalität mit ins Jenseits bringen sollten. Für die Germanen, zu denen die Wikinger zählten, ist die Vorstellung gut belegt, dass die Toten in einem anderen Reich mit demselben Status, den sie vorher innehatten, weiterleben würden. Die Grabbeigaben können somit als Zeichen des Rangs gedeutet werden. Zugleich sollten sie dem Krieger aber auch ganz praktisch im Jenseits ein gutes Leben ermöglichen.
Die Funde im englischen Friedhof Heath Wood zeugen vermutlich von ähnlichen Vorstellungen und Ritualen.
Studie zur Herkunftsbestimmung
Das Team um Tessi Löffelmann erforschte jedoch keine Begräbnisrituale – die Archäologen wollten stattdessen mehr über die Herkunft der toten Wikinger herausfinden. Deshalb unterzogen sie alle verfügbaren menschlichen wie auch tierischen Überreste aus Grab 50 und 56 einer Strontium-Isotopenanalyse.
Seit rund 40 Jahren ist dies eine bewährte Methode zur Untersuchung des Migrationsverhaltens in (prä)historischen Gesellschaften. Denn Lebewesen nehmen das in der Erdkruste enthaltene Strontium mit der Nahrung auf und bauen es als Spurenelement in Zähne und Knochen ein.
Entsprechende Daten von Skelettresten spiegeln das biologisch verfügbare Strontium (biological available Sr = BASr) des jeweiligen Ortes wider, von dem die zu Lebzeiten konsumierte Nahrung stammte. Vergleichswerte erhalten die Forscher durch Messungen bei heutigen Pflanzen im Umfeld eines Fundortes.
Zähne werden in der Kindheit angelegt und dann nicht mehr umgebildet. Deshalb geben Strontium-Isotopenverhältnisse im Zahnschmelz Hinweise auf die Region, in der Menschen ihre Kindheit verbrachten. Die Beprobung nacheinander gewachsener Zähne kann sogar Ortswechsel im Kindesalter bezeugen. Entsprechend ist bei nicht verbrannten Leichen der sich sehr gut erhaltende Zahnschmelz das bevorzugte Probenmateria der Wissenschaftler, um Migration im Kindesalter zu spiegeln.
Über Migration im Erwachsenenalter hingegen können die menschlichen Knochen Auskunft geben, denn sie werden – im Gegensatz zu Zähnen, deren Wachstum am Ende des Jugendalters abgeschlossen ist – während der gesamten Lebensspanne auf- und umgebaut.
Allerdings nehmen Knochen während der Erdlagerung zusätzliches Strontium auf, wodurch sich der ursprünglich im Körper enthaltene Strontium-Wert verändert und die Möglichkeit, Aussagen zur Herkunft des Individuums zu treffen, verringert.
In diesem Zusammenhang war es von Vorteil, dass die Knochen aus Heath Wood verbrannt waren. Denn Mitglieder der auch für die jüngsten Ergebnisse verantwortlichen Forschungsgruppe hatten 2015 nachgewiesen, dass sich bei kremierten, aber nicht vollständig zu Asche verbrannten Knochen die Zusammensetzung des Knochengewebes unter Hitzeeinwirkung so verändert, dass die Strontium-Isotopenanalyse zu einem besseren Ergebnis führt, als bei nicht verbrannten Knochen. Bei Leichenbrand, so erklärt Corina Knipper vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim, lässt sich das aus dem Boden stammende Strontium auf chemischem Wege besser entfernen als bei nicht verbrannten Knochen. Damit ist das Isotopenverhältnis, das auf zu Lebzeiten aufgenommene Nahrung zurückgeht, zuverlässiger bestimmbar.
Überraschung in Grab 50
Das Forschungsteam analysierte Proben aus den Gräbern 50 und 56. Aus Grab 56 verwendeten sie Fragmente eines Oberschenkels und eines Schädels eines Erwachsenen. Aus Grab 50 stammten Proben von Oberschenkel und Rippe eines zwischen 18 und 45 Jahre alten Erwachsenen, vom Schädelfragment eines vermutlich unter sieben Jahre alten Kindes und weitere Fragmente von einem Pferd, einem Hund und einem Schwein. Von allen Proben bestimmte das Team das Strontium-Isotopenverhältnis sowie den Strontiumgehalt. Zusätzlich sammelten die Forscher Pflanzenproben von sechs verschiedenen Orten in einem Umkreis von 25 km um Heath Wood, wobei sie gedüngte Felder, die den Strontiumgehalt und das Isotopenverhältnis von Boden und Pflanzen verändern, mieden.
Die Pflanzenproben und die Messungen bei dem Erwachsenen aus Hügel 56 und dem Kind aus Hügel 50 ergaben ähnlich tiefe Werte. Beide Verstorbene spiegeln damit in ihren Werten das lokale BASr wider. Sie scheinen in der Gegend um Heath Wood oder möglicherweise im Süden Dänemarks oder Schwedens gelebt zu haben.
Dagegen fielen die Werte des älteren Individuums sowie der Tiere aus Grab 50 deutlich höher aus. Das bedeutet, dass sie nicht aus der Gegend um Heath Wood stammten. Stattdessen lassen die Werte auf eine Herkunftsregion von Mensch und Tieren im Baltischen Schild schließen, das große Teile Norwegens, Mittel- und Nordschwedens umfasst. Dass dort ähnliche Bestattungsriten und Grabbeigaben wie bei den Gräbern in Heath Wood nachgewiesen sind, stützt diese Annahme zusätzlich.
Während das Ergebnis in Bezug auf den Menschen im Rahmen des Erwarteten liegt, ist es bei den Tieren eine echte Überraschung. Denn es ist der erste wissenschaftliche Nachweis, dass die Wikinger die Nordsee bereits im 9. Jahrhundert mit Pferden, Hunden und möglicherweise anderen Tieren überquert haben.
Allerdings kann das Analyseergebnis nicht die Frage beantworten, warum die Wikinger diese Tiere mitbrachten.
Gekommen, um zu bleiben
Die Anlage des Hügelgräberfriedhof bei Heath Wood steht vermutlich in einem Zusammenhang mit der Überwinterung der Großen Wikingerarmee im nahe gelegenen Repton in den Jahren 873 bis 874. Dieses Heer, so berichtet die Angelsächsische Chronik, war 865 in East Anglia gelandet. Im Gegensatz zu früheren Raubzügen und Überfällen zogen sich die Krieger jedoch im Herbst nicht mit ihrer Beute wieder nach Skandinavien zurück, sondern überwinterten in Lagern an der Küste und im Landesinnern. In den Folgejahren eroberten sie von hier aus immer mehr Gebiete Ost- und Mittelenglands. Auch an anderen Orten Europas setzte um diese Zeit die allmähliche Landnahme der Wikinger und ihre dauerhafte Ansiedlung ein.
Nach ihrer Landung in East Anglia habe sich die Armee, so die Angelsächsische Chronik, vor Ort mit Pferden versorgt. Offensichtlich traf dies, wie die vorliegende Studie belegt, nicht für alle Krieger zu. Der Krieger aus Grab 50 brachte ein Pferd, einen Hund sowie ein Schwein aus seinem Herkunftsland mit. Wobei es bei dem Schweineknochen auch denkbar ist, dass er Teil eines aus Skandinavien mitgebracht Talismans war, so die Forscher. Pferd und Hund hatten jedoch England lebend erreicht.
Wie die Tiere auf den engen Wikingerschiffen neben den Ruderern noch Platz gefunden hatten, ist jedoch kaum vorstellbar, auch wenn die damaligen Pferde kleiner waren als die heutigen. Es ist anzunehmen, so Löffelmann, dass für den Tiertransport andere Güter zurückgelassen werden mussten. Bei der Entscheidung darüber, was an Gepäck und Vorräten auf die Reise über die Nordsee mitgenommen werden sollte, muss es eine Entscheidung zugunsten der Tiere des Kriegers gegeben haben. Das lässt auf seinen hohen Rang in der Gemeinschaft schließen, der mit dem Besitz von Pferden verknüpft war. Doch möglicherweise ging es nicht nur um die Demonstration eines sozialen Status, sondern bereits um erste Ansätze von Landnahme.
Im Jahr 884 transportierten Wikinger Pferde über den Ärmelkanal von Frankreich nach England, um sie bei der Belagerung von Rochester einzusetzen. Und 200 Jahre später belegt der um 1070 entstandene Teppich von Bayeux detailliert und anschaulich, dass unter Wilhelm dem Eroberer 2000 bis 3000 Pferde und rund 10.000 Mann von Frankreich nach England transportiert wurden.
Dies legt die These nahe, dass die Mitnahme und Verschiffung von Tieren – als Reittiere oder Nutzvieh – mit der wachsenden Absicht der Landnahme und dem Übergang zur Sesshaftigkeit im eroberten Land einhergingen. Man brachte mehr aus der Heimat mit, als nur ein Schwert. Die Anführer begannen damit, später folgten die anderen nach.
Manches Gut hat man wohl auch von einer Region in eine andere mitgenommen. Ein Beispiel dafür sind die Islandpferde. Ihre Anwesenheit auf der nordischen Atlantikinsel ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Wikinger zurückzuführen, die um 850 mit der Besiedlung der Insel begannen. Vermutlich brachten sie in der folgenden Zeit auch die ersten Pferde dorthin.
Islandpferde beherrschen den Passgang oder Tölt, bei dem beide Beine einer Seite gleichzeitig angehoben werden, was für den Reiter ein angenehmeres Reiterlebnis als bei Trab oder Galopp ergibt. Diese Fähigkeit ist auf eine Mutation im Erbgut zurückzuführen, die einen entscheidenden Hinweis auf die Herkunft der Tiere gibt. Denn das Passgänger-Gen wurde nicht nur im Erbgut von Pferden, die zwischen 850 und 1000 auf Island lebten, gefunden, sondern auch bei zwei Pferden, die zwischen 850 und 900 bei York in Nordengland lebten.
Im alten Erbgut von Pferden auf dem europäischen und asiatischen Festland ist der Hinweis auf Passgang hingegen nicht zu finden. Damit liegt die Vermutung nahe, dass die zu der Zeit gerade England erobernden Wikinger das bequeme Reittier dort kennen und schätzen lernten und es deshalb nach Island mitnahmen.
Transport auf dem Wikingerschiff
Im 8. Jahrhundert hatten die Wikinger begonnen, auf ihren Schiffen sowohl Ruder als auch Segel zu nutzen. Das machte die Schiffe zu einem effizienten Transportmittel, das große Strecken zurücklegen und gleichzeitig in engen und flachen Gewässern manövrieren konnte – neben der hohen Kampfbereitschaft der Wikinger die wichtigste Voraussetzung für ihre Beutezüge und schnellen Eroberungen.
Als Kriegsschiffe dienten Langschiffe mit bis zu 30 Meter Länge, die mit bis zu 35 Ruderriemen auf jeder Seite ausgestattet sein konnten. Der geringe Abstand der Ruderbänke zueinander macht den Transport einer größeren Zahl von Pferden in diesen Schiffen unwahrscheinlich. Zudem waren die Schiffe zwar schnell, aber wenig geeignet und komfortabel für das Fahren auf offener See. Wenn sie bei Sturm und hohen Wellen auch noch Tiere an Bord gehabt hätten, wäre das sehr risikoreich gewesen.
Als Schiff für lange Fahrten, als zwar behäbigeres, aber robustes Kriegsschiff und vor allem als Handelsschiff nutzten die Wikinger daher die Knorr. Mit diesem Schiffstyp fuhren sie nach Island, den Faröer- und Shetlandinseln sowie nach Grönland.
Die Knorr war kürzer als das Langschiff und wies weniger Ruderplätze auf. Dafür war sie breiter, stämmiger und hatte hohe Bordseiten. Die Knorr fuhr zumeist unter Segeln mit nur wenigen Ruderpaaren an Bug und Heck. Damit war sie ein langsames Transportmittel. Funde aus den Jahren um 1000 unter anderem im dänischen Schiffsfriedhof Skuldelev bei Roskilde zeigen, dass dieser Schiffstyp im zentralen und ungedeckten Schiffsraum bis zu 30 Tonnen Fracht zu fassen vermochte. Dieser große Frachtraum bot nicht nur reichlich Platz für Pferde, sondern auch für Hühner und Schafe; neben dem Islandpony brachten die Wikinger mit diesem Schiffstyp auch das Islandhuhn und das Islandschaf mit.
Gefährten bis in den Tod
Um an ein friedliches Bauernleben mit Schaf und Huhn in England zu denken, war es für die Wikinger zur Zeit der Anlage des Hügelgräberfriedhofs Heath Wood jedoch noch zu früh. Die Tiere aus Grab 50 erlebten wohl noch eine anstrengende Fahrt auf einem Langschiff über die Nordsee und waren vielleicht die wertvollen und treuen Gefährten eines kriegerischen Anführers – dem sie dann ins Jenseits folgen mussten. Durch ihre Opferung und Grabbeilegung kam ihnen offensichtlich eine größere symbolische Bedeutung zu, wie Tessi Löffelmann betont. Inwieweit die gemeinsame Bestattung von Mensch und Tier auf eine enge emotionale Verbindung der Wikinger zu ihren Tieren – vergleichbar unseren Haustieren – hinweist, bleibt dahingestellt. Jedenfalls wurden dem Toten in Grab 50 nicht irgendwelche Tiere mit ins Grab gelegt, sondern solche, die zu ihm gehörten.
Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…