Troja-Konkurrentin Limantepe tritt ins Licht der Geschichte. Die Stadt an der Ägäis-Küste war früher da, sie war größer und hatte in der frühen Bronzezeit, also vor 5000 Jahren, die besseren Handelsbeziehungen. Aber: Limantepe fand keinen Homer.
Denn Limantepe verspricht bislang Ungesehenes. Nah dem heutigen Izmir hielt man sich vor 5000 Jahren nicht mit Dörfern auf, sondern schuf aus dem Stand eine Stadt. Verschanzten sich die ersten Trojaner hinter aufgebesserten Feldmauern, trutzte Limantepes Wall bereits um 3000 v. Chr. mit Bausch und Bastion. Friedlichen Seefahrern standen jedoch die Tore offen, ja man kam ihnen sogar mit einem Steg im ummauerten Hafen entgegen – dem ersten seiner Art an den Ägäis-Küsten.
Dank des Hafens ging’s rasant bergan auf dem Hafenhügel, “Limantepe” auf türkisch. Die Senkrechtstarter der frühen Bronzezeit hatten mit ihrer Zentrale umsichtig eine Stelle gewählt, die das Fortkommen beschleunigte: Vor der Nase die Ägäis, mit Inseln dicht an dicht ein bequemer Seesteg gen Westen. Im Rükken ein Flußtal, das den direkten Weg nach Inneranatolien öffnete. Nach dem Pilotwall steigerte sich der zweite Wall um 2700 v. Chr. zum Meisterwerk, das – von der Zeit leicht auf sechs Meter gestutzt – bis heute überdauerte. Im Schutz der Bastionen expandierte der Marktflecken zur Handelsmetropole, mit 60000 Quadratmetern die geborene Großstadt.
Als Limantepes Bastionen aufgetürmt wurden, mauserten sich auch die Mauern auf Ägina und den Kykladeninseln Syros und Kea zu beträchtlichen Festungsanlagen. Mit der Stadt an der Geldküste entstanden auf Limnos, Lesbos, Chios und Milos stattliche Siedlungen, später gefolgt von der Kolonie der Künstler und Händler auf Santorin. Auf Samos steckt eine bronzezeitliche Feste im Sumpf, die ihre Entdecker, Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), bereits als neues Troja apostrophieren. All diese Funde harren der Ausgrabung – die Bronzezeit drängt vor.
Dr. Waltraud Sperlich





