Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Herr Dr. Spiekman, wo ist Mirasaura im Stammbaum der Reptilien denn einzuordnen?
Mirasaura gehört zu den Drepanosauriern. Sie kennen wir nur aus der Trias – und sie alle haben eine besondere Anatomie. Sie sind perfekt angepasst an ihr Leben in den Bäumen. So haben sie zum Beispiel einen langen Schwanz, dessen Ende gekrümmt ist. Damit konnten sich die Tiere an den Ästen festhalten. In der aktuellen Studie zeigen meine Kollegen und ich, dass sich die Drepanosaurier in der Evolution schon sehr früh von anderen Reptilien abgezweigt haben – und zwar noch vor dem Ursprung von allen heute lebenden Reptilien wie Schildkröten oder Krokodilen. Das haben wir allein durch anatomische Vergleiche herausgefunden. Wir verwendeten dazu eine Analyse mit 340 Merkmalen, untersucht bei 64 Arten.
Was sagt der Fund über das „Comeback“ nach dem Massensterben an der Perm-Trias-Grenze und die damaligen Ökosysteme aus?
Die Welt nach dem Massensterben zu Beginn der Trias war nahezu leer. Reptilien haben die Chance für Innovation genutzt und die ökologischen Lücken neu gefüllt. Es haben sich viele Arten entwickelt: neben Schildkröten und Krokodilen zum Beispiel auch Eidechsen. Sehr wahrscheinlich war diese Diversität entscheidend dafür, dass die Reptilien in der Lage waren, verschiedene Umgebungen einzunehmen, vom Meer bis zur Wüste. Ich denke außerdem, dass Reptilien in ihrer Physiologie divers waren: Das Bild von kaltblütigen Reptilien, wie wir es heute haben, gilt für damals nicht. In der Trias-Zeit hatten die ersten Krokodile einen viel höheren Metabolismus, hatten also einen hohen Energieverbrauch und mussten viel essen, um schnell zu wachsen. Diese evolutionäre Flexibilität der Reptilien, sich an neue Umweltbedingungen anzupassen, ist meiner Meinung nach die Hauptursache für ihren Erfolg. Der Fund von Mirasaura unterstreicht diese These.
Auffällig ist der Rückenkamm von Mirasaura grauvogeli. Ihr Team hat diese Hautauswüchse erstmals erklärt. Wozu dienten sie dem Reptil?
Es gab mehrere Vermutungen: zum Fliegen oder Gleiten etwa. Das haben wir aber ausgeschlossen, weil ein mittig auf dem Rücken platzierter Kamm dafür unpraktisch ist. Außerdem fehlen an der Stelle unterstützende Arm- oder Rippenknochen, wie wir es von anderen fliegenden Lebewesen kennen. Ähnlich wie bei Spinosaurus oder anderen berühmten Dinosauriern könnte der Kamm wiederum auch zur Thermoregulation dienen, also um Hitze abzugeben. Da es sich bei Mirasaura allerdings um einen Hautauswuchs vergleichbar zu Haaren oder Federn handelt, durch die kein Blut fließt, entfällt auch diese Option. Auch zur Isolation ist die Struktur nicht geeignet, dafür steht sie zu weit vom Körper ab. Dann bleibt nur die Möglichkeit, dass der Kamm zur Schau da war. Zum Beispiel könnte Mirasaura damit Partner beeindruckt oder Konkurrenz abgeschreckt haben. Da wir bislang keine Fressfeinde am Fundort entdeckt haben, halten wir Letzteres für am wahrscheinlichsten.





