von DAVID NEUHÄUSER
Vor ungefähr 45.000 bis 49.000 Jahren vollzog sich eine Weichenstellung ungeheurer Tragweite. Menschen trafen eine epochale Entscheidung und bestimmen damit unser Leben und unsere Welt bis heute: Sie verließen den afrikanischen Kontinent, zogen nordwärts und rückten in Gebiete vor, die damals von den Neandertalern bewohnt wurden. Der Paläogenetiker und Nobelpreisträger Svante Pääbo spricht in seinem Buch „Die Neandertaler und wir“ von einer „Verdrängungshorde“, auf deren Einwanderung zuerst eine lange Phase der Koexistenz, aber schließlich auch das Ende der Neandertaler folgte.
Viel ist über die Mitglieder dieser Horde nicht bekannt. Die Gründe für ihren Marsch gen Norden sind weiterhin ein Rätsel – große Hoffnungen liegen jedoch nun auf den Analysen von genetischem Material. Ende 2024 gelang es einer Gruppe von Wissenschaftlern an dem von Pääbo geleiteten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig Teile der ältesten Genome moderner Menschen zu entschlüsseln. Gegenstand ihrer Untersuchungen waren Knochen aus zwei Fundorten: Ranis in Deutschland und Zlatý kůň in der Tschechischen Republik.
In der thüringischen Ilsenhöhle unterhalb der Burg Ranis hatte man bei Grabungen von 2016 bis 2022 die Überreste mehrerer Menschen gefunden – hauptsächlich kleine Knochenfragmente. Den vollständigen Schädel einer Frau, der in den Koněprusy-Höhlen am Berg Zlatý kůň in der Nähe von Prag die Jahrtausende überdauert hatte, fand man bereits 1950. Beide Funde – der von Ranis und jener von Zlatý kůň – waren gut genug erhalten, um ihnen nun im Labor Informationen entlocken zu können.
Menschen der Verdrängungshorde
Ein Geheimnis um die Menschen von Ranis, die den Forschungsergebnissen zufolge vor mehr als 42.000 Jahren lebten, wurde bereits Anfang 2024 gelüftet. Bis dahin hatte man nicht bestimmen können, ob es sich bei ihnen um Neandertaler oder um moderne Menschen, also um Nachkommen der „Verdrängungshorde“ handelte. Den Forschern vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie gelang es mittels einer Analyse mitochondrialer DNA (mDNA), diese Frage zu beantworten: Die Knochen stammten tatsächlich von modernen Menschen – und somit von den ersten genetisch fassbaren Individuen ihrer Art in Europa.
Offen blieben indes die Fragen, von wie vielen Individuen die Überreste stammten, ob man bei ihnen eine wiederkehrende Vermischung mit der Neandertaler-Bevölkerung würde nachweisen können, und ob es sich bei ihnen um Vorfahren der heute lebenden Menschen handelte – denn das in den Mitochondrien enthaltene Erbgut stellt nur einen kleinen Teil des Ganzen dar; hier galt es dementsprechend, Abhilfe zu schaffen und weitergehende DNA-Untersuchungen vorzunehmen. Die kürzlich erschienene Studie hat nun bemerkenswerte Ergebnisse geliefert: Zum einen steht fest, dass es mindestens sechs Individuen in der Ranis-Gruppe gab, zwei davon Kleinkinder, insgesamt drei männlich und drei weiblich. Außerdem lässt sich nun eine klare Aussage über die mögliche Nähe zu benachbarten Neandertalern treffen: „Wie sich zeigt, hatten die Menschen von Ranis keine unmittelbare Neandertaler-Verwandtschaft“, erklärt die Erstautorin Arev Pelin Sümer, die an beiden Studien beteiligt war. „Das ist sehr interessant, weil wir wissen, dass es zu dieser Zeit in dieser Region auch Neandertaler gab.“ Frühere Untersuchungen von 40.000 Jahre alten Knochen aus Rumänien hatten noch andere Ergebnisse geliefert. Dort verriet das Genom eine nur vier Generationen zurückliegende Vermischung mit Neandertalern. Die Menschen von Ranis und ihre einige Generationen vor ihnen lebenden Vorfahren waren dagegen unter sich geblieben.





